Präventive Arbeit in der Prignitz : Obdachlosigkeit kann jeden treffen

Klaus-Dieter Lehmann findet bei Dietra Schwarz immer ein offenes Ohr.
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Klaus-Dieter Lehmann findet bei Dietra Schwarz immer ein offenes Ohr.

Die Arbeiterwohlfahrt Arche Prignitz betreut für neun Kommunen Obdachlose.

svz.de von
21. April 2017, 21:00 Uhr

„Wir haben hier ein Luxusleben“, sagt Dietra Schwarz, die bei der Awo Arche Prignitz GmbH die Obdachlosenunterkunft in Groß Pankow leitet. Sie und die Bewohner fühlen sich durchaus nicht an den Rand gedrängt. „Der Standort ist ideal. Wir haben hier Anbindung mit Bus und Bahn, wir haben einen kleinen Laden im Ort und der Bäckereiwagen hält vor der Tür.“ Vorher befand sich die Unterkunft in Steffenshagen. „Wer in die Stadt wollte, musste die zehn Kilometer mit dem Rad fahren“, schildert Schwarz. 2003 erfolgte der Umzug nach Groß Pankow.

Die Awo hat die Betreuung der Obdachlosen für den 1999 gegründeten Trägerverbund übernommen. Heute gehören neun Kommunen dem Verbund an: Die Städte Kyritz, Pritzwalk, Perleberg und Wittenberge, die Gemeinden Gumtow, Plattenburg und Groß Pankow sowie die Ämter Putlitz-Berge und Meyenburg.

Das Haus in Groß Pankow verfügt über zwei Wohnungen, in denen gegenwärtig elf Obdachlose untergebracht sind. 13 Plätze hat die Einrichtung. Wie Dietra Schwarz berichtet, werden drei Bewohner demnächst die Obdachlosenunterkunft verlassen. Einer zieht in eine eigene Wohnung und zwei gehen in eine Therapie zum Alkoholentzug.

Die Wege in die Obdachlosigkeit sind vielfältig, es könne jeden treffen, sagt Dietra Schwarz. Mietschulden, Trennung vom Partner, Gewalt in der Familie, Entlassene aus Haft und Therapie, ausgewanderte Rückkehrer und Jugendliche, die in einem eigenen Haushalt nicht klar gekommen sind, sind nur einige Beispiele. Auch ist jede Altersklasse vertreten. Der jüngste Bewohner kam zwei Tage nach seinem 18. Geburtstag in die Obdachlosenunterkunft. Der Älteste war 75 Jahre alt und verstarb hier.

Dietra Schwarz und ihre Mitarbeiterinnen sind bemüht, die Bewohner innerhalb von sechs bis zwölf Monaten wieder einzugliedern. Es ist nicht immer einfach, Obdachlose haben mit Vorurteilen zu kämpfen. Wichtig ist, dass sie im Vorfeld bestehende Miet- und Energieschulden abbauen.

Immer mehr Bedeutung gewinnt die präventive Arbeit. Allein im vergangenen Jahr hat die Arbeiterwohlfahrt 268 Familien und Einzelmieter in der Prignitz und in Kyritz betreut. Dabei konnten neun Wohnungsräumungen verhindert werden. Grundlage für die Arbeit ist ein Netzwerk, welches sich die Sozialarbeiterinnen in den Jahren aufgebaut haben. Dazu gehören die einzelnen Fachbereiche beim Landkreis, das Jobcenter, die Ordnungsämter, die einzelnen Gemeinden sowie die Ortsvorsteher. Dabei gilt es auch immer wieder gegen Klischees anzukämpfen, mit denen Obdachlose in der Öffentlichkeit behaftet sind. „Es sind ganz normale Menschen, wo das Schicksal ihr Leben beeinflusst hat“, sagt Ditra Schwarz.

In Groß Pankow sind die Bewohner der Obdachlosenunterkunft integriert. Das bestätigen auch Klaus-Dieter Lehmann (67), genannt KDL, und Günther Blume (58). Sie wohnen seit neun bzw. zwölf Jahren in der Einrichtung. Sie teilen sich ein Zimmer. Daher wollen sie nach Möglichkeit auch „draußen“ gemeinsam eine Wohnung beziehen. Beide haben die Trennungen von ihren Frauen nicht verkraftet. Günther Blume: „Die Scheidung, dann waren auch die Kinder weg. Da habe ich mich gehen lassen.“ Nun habe er sich wieder gefangen, er geht für die zwei Männer einkaufen, während KDL das Essen zubereitet. „Wir würden gern hier bleiben“, meint Klaus-Dieter Lehmann.

Dietra Schwarz vermutet, dass junge Leute, die nicht auf eigenen Füßen stehen können, oder Suchtprobleme und Spielschulden haben, in der Zukunft das Bild der Obdachlosen prägen werden.

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