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Flüchtlingskatastrophe im Tschad : Nur das nackte Leben gerettet

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Den Mördern entkommen: Der Prignitzer Urban Britzius und Help betreuen im Tschad Menschen, die vor Boko Haram geflohen sind

von
erstellt am 16.Okt.2015 | 22:00 Uhr

Fernab von Deutschland ereignet sich im Tschad derzeit eine Flüchtlingskatastrophe in einer völlig anderen Dimension. Hunderte Menschen sind vor der Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria geflohen. Über den Tschadsee erreichten sie den Tschad, leben am Nordufer in der Stadt Baga Soila in einem provisorischen Flüchtlingslager. Hilfe bekommen sie unter anderem von der Organisation Help, für die der Prignitzer Urban Britzius seit zehn Jahren arbeitet.

Anfang des Jahres begleiteten wir ihn in das Flüchtlingslager Am Nabak im Osten des Landes. Dort leben Menschen aus dem Sudan. Jetzt trafen wir Urban Britzius in seinem Heimatdorf Eldenburg. Er ist zurück von einem zweiwöchigen Einsatz am Tschadsee. Was er dort sah, hörte, erlebte, gleicht einer Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes.

„Die Menschen besitzen nichts, nur das, was sie auf dem Leib tragen.“ Sie sind geflohen vor Tod, Vergewaltigung, Versklavung. Sie lassen ein Leben zurück, das ihnen täglich zumindest ein bescheidenes Einkommen sicherte, wie Ahmat Moussa berichtet. Er und seine Familie lebten bis vor drei Monaten auf einer der vielen Inseln im Tschadsee vom Fischfang, und sie bauten Mais an. „Mit unserer Kooperative konnten wir sogar Mais in der tschadischen Hauptstadt N’Djamena verkaufen“ erzählt Ahmat stolz.

Jetzt leben er, seine Frau Salamata und ihre vier Kinder in einer provisorischen Hütte, die sie aus Ästen und Stroh bauten. Es ist Regenzeit, es ist heiß. „Stell dir eine Sauna voller Mücken vor“, sagt Britzius.

Die Menschen sitzen in ihren nassen Klamotten, trocknen diese in den wenigen Sonnenstunden, bevor der nächste Regenguss kommt. „Wir sprechen hier von bis zu 150 Millimeter (mm) pro Stunde“, erklärt Britzius den Unterschied zu Regengüssen in Brandenburg, wo im Jahresschnitt 500 mm bis 650 mm fallen.

Britzius traf im Lager auch Mahamat al Haji. Sein Gesicht ist gezeichnet vom Schmerz, die Augen blicken ins Leere. Der 45-Jährige verlor bei einem Massaker im Januar seine Frau. In nur wenigen Stunden metzelte Boko Haram in seiner Heimatstadt Baga 2000 Menschen nieder. Ihm gelang die Flucht mit seinen Kindern.

Im Lager fehlt es an allem, so Britzius. In einer Startphase konnte Help die Flüchtlinge mit Lebensmitteln, Schlafmatten und Decken versorgen. „Wir haben auch einen Brunnen gebaut, so dass es sauberes Wasser gibt.“ Viel mehr Möglichkeiten hätte Help derzeit nicht. „Wir möchten uns dort engagieren, haben weitere Projektmittel beantragt“, bleibt der Prignitzer optimistisch. Zugleich weiß er, wie gefährlich der dortige Einsatz ist. Wenige Tage nach ihrer Abreise gab es Selbstmordanschläge in Baga Sola. Vergangenen Samstag hatten fünf Attentäter mindestens 36 Menschen mit in den Tod gerissen. Boko Haram soll dafür verantwortlich sein.

Urban Britzius selbst fliegt in wenigen Tagen zurück in den Tschad. Es wird sein letzter offizieller Einsatz als Entwicklungshelfer sein. Er geht in Rente. Doch so ganz kann und will er sich nicht von den Menschen im Tschad verabschieden. „Ich werde mich weiter für sie engagieren und es wird bestimmt nicht meine letzte Fahrt dorthin sein.“

 

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