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Der Prignitzer

23. November 2017 | 18:02 Uhr

Nichts verloren, nur gewonnen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Dr. Lothar Wedel ist das Prignitzer Gesicht der Russlandhilfe / In Demut sagt ein Mann Dankeschön, der tausenden Menschen half

von
erstellt am 30.Dez.2014 | 22:46 Uhr

20 Jahre Landkreis Prignitz nahm die Kreisverwaltung zum Anlass, in diesem Jahr eine Broschüre herauszubringen. Neben wenigen obligatorischen Eckdaten lernen die Leser interessante Persönlichkeiten kennen, die den Kreis mit ihren Ideen, ihrem Einsatz in diesen zwei Jahrzehnten geprägt haben. Mitgearbeitet an der Broschüre haben Redakteure unserer Zeitung. Einige der Beiträge wollen wir Ihnen vorstellen.

Heute: Lothar Wedel und seine Russlandhilfe

Er trägt das Bundesverdienstkreuz und geriet einst ins Visier des KGB. Tausenden Menschen hat er Momente des Glücks gebracht, Waisenkinder aus ihrem tristen Alltag gerissen, alten und vom Leben und Armut gezeichneten Frauen ein Lächeln ins zerfurchte Gesicht gezaubert. Niemand vermag die an ihn gerichteten Dankesworte zu zählen. Dabei ist er selbst es, der in seiner ganz eigenen Bescheidenheit, ja fast schon in Demut Dankeschön sagt. Kein anderes Wort kommt Dr. Lothar Wedel im Gespräch so oft über die Lippen wie dieses.

Perleberg und die Prignitz mögen seine Heimat sein, aber sein Herz schlägt für die Menschen jenseits der Oder. Für die Menschen in Weißrussland, in der Ukraine, in Russland und in anderen Ministaaten der ehemaligen Sowjetunion, deren Namen in keiner deutschen Schulstunde auftauchen. Ihnen widmet er seit mehr als 20 Jahren seine Zeit und seine schwächer werdende Lebenskraft.

Kaum spürbar zuckt Lothar Wedel mit den Schultern. Nein, er weiß nicht, wie oft er mit Hilfsgütern die Grenzen passiert hat, wie oft er kilometermäßig in den vergangenen 22 Jahren die Erde umrundet hat. „Aber ich weiß, dass es noch so viel zu tun gibt, dass sie auf uns warten und ich hoffe, ich kriege noch einmal die Kraft, um zu fahren.“

Seine Mutter wuchs in Ostpreußen als Waisenkind in verschiedenen Familien auf. Zuneigung und Liebe habe sie erst erfahren, als sie auf russische Kriegsgefangene stieß. „Es waren die ersten Menschen, die gut zu ihr waren. Meine Mutter war es, die mir die Liebe zu diesen Menschen ins Herz gepflanzt hat“, sagt Lothar Wedel. Nach Perleberg geflüchtet, profitierte die Familie in der Nachkriegszeit von den russischen Sprachkenntnissen der Mutter. Mal gab es von den hier stationierten Soldaten Mehl, mal ein bisschen Zucker.

Lothar hatte von Kindheit an Kontakt zu ihnen, durfte das Gelände betreten. Als Erwachsener gab er Deutschkurse, half als promovierter Tierarzt, wenn seine fachliche Meinung gefragt war. Freundschaften entstanden, die mit dem Abzug der Truppen nicht endeten. 1992 stieg Lothar Wedel ins Auto, um seine Freunde in ihrer neuen Heimat zu besuchen. Was er auf dieser Fahrt sah und erlebte, erschütterte ihn. Wenige hundert Kilometer hinter der deutschen Grenze traf er auf eine Armut, die er an der Schwelle zum neuen Jahrtausend in Europa nicht für möglich gehalten hätte.

„Ich lernte Familien kennen, deren wichtigstes Gut eine Kuh war. Ich traf eine Frau mit kaputten Schuhen, die bitterlich weinte, weil ihr keines der Paare passte, die ich als Geschenk dabei hatte.“ Aber egal wie groß die Armut und die Sorge vor dem nächsten Tag waren, überall erfuhr der Prignitzer eine zu Herzen gehende Gastfreundschaft und Liebe.

Emotional aufgewühlt, kehrte er mit diesen Bildern im Kopf zurück nach Perleberg und fasste den Entschluss, diesen Menschen zu helfen. Freunden und Fremden gleichermaßen. Er kaufte sich einen Anhänger und fuhr wieder los. Er kaufte Autos und fuhr mit Freunden über die Grenzen, verteilte Hilfsgüter und ließ die gekauften Wagen dort.

Aber es war noch immer zu wenig. Also kaufte Lothar Wedel einen Lkw, einen W 50. Wieder fuhren sie los, bepackt bis unters Dach. Längst waren die Menschen am Straßenrand und in Dörfern nicht mehr ihr einziges Ziel. „Wir besuchten Heime für Waisenkinder, für Veteranen, für Tuberkulose-Kranke.“ Mit jeder Fahrt stieg die Zahl der Hilfsbedürftigen, stiegen die Hoffnungen der Menschen in jenen Ländern. Die Hilfstransporte erreichten eine neue Dimension, verlangten eine veränderte Struktur.

„Redakteure des ‘Prignitzers‘ berichteten als erstes über mein Anliegen und dadurch bekam ich überhaupt die Möglichkeit, Hilfsgüter in ausreichender Menge zu bekommen.“ Das DRK half logistisch, die Stadt Perleberg richtete ein Spendenkonto ein, eröffnete eine Annahmestelle und sicherte über AB-Maßnahmen jahrelang deren Öffnungszeiten und das Beladen der Autos ab.

Binnen weniger Jahre erreichte Lothar Wedel in der Region die Popularität eines Popstars, so absurd dieser Begriff in Verbindung zu diesem tief gläubigen und stillen Menschen klingen mag.

Hunderttausende Tonnen Hilfsgüter hat er entgegengenommen. Frauenkreise stricken für ihn. Fremde Menschen stecken ihm auf der Straße Geld zu, rufen bei ihm daheim an. Die Verabschiedungen seiner Hilfstransporte glichen zeitweilig einem Volksfest, so viele Menschen kamen, wünschten ihm eine gute Fahrt. Und fast jeder hatte mehr als nur warme Worte für einen Mann übrig, der alles gibt und kaum etwas für sich selbst behält.

Omsk, Odessa, Murmansk im hohen Norden, Tschuwaschien im Ural und selbst das ferne Irkutsk am Baikalsee hat Lothar Wedel mit seinen in den Jahren wechselnden Helfern angefahren. Rund 60 Fahrten dürften es gewesen sein.

Aus dem Heim in Kanasch an der Wolga bekommt er Briefe von Kindern aus der 2. und 3. Generation. Die anderen sind längst erwachsen, haben eigene Familien geründet. Er erzählt von einer alten Frau, die sie am Wegesrand böse anschaute. „Sie saß dort, mit nur einem Zahn. Im Jahr darauf und in jedem folgenden hat sie uns erwartet, sprach von ihren guten deutschen Freunden.“ Vor zwei Jahren war die Tür ihres Holzhäuschens verschlossen, ein dicker Riegel davor. „Das tat uns weh.“

Die Kinder aus dem Heim in Salanschick begrüßten sie einst als Faschisten und verabschiedeten sie als Freunde. „Onkel Lothar“ wird er seitdem dort gerufen. Diese kleinen Geschichten sind es, die ihm in Erinnerung bleiben, von denen er stundenlang erzählen kann.

Oder von den Stunden, Nächten und Tagen an den Grenzen, in den Amtsstuben der Zöllner. Von Offizieren, die erst dann den notwendigen Stempel geben, wenn die Wodkaflasche, die Zigarren oder ein Geldschein den Besitzer wechseln. Von Offizieren, die nach Jahren des Kennenlernens im Stillen vor Lothar salutieren, barsch ihre Männer anweisen, gefälligst die Spur für den Hilfstransport zu räumen und manchmal gar mit Tränen in den Augen verschämt eine Tafel Schokolade für ihre Kinder und Enkelkinder entgegennehmen.

Es ist ruhig geworden um Lothar Wedel. Alter und Krankheiten schwächen ihn. Seine Stimme ist noch leiser als sie ohnehin schon war. Sein Gang langsamer, der Rücken ein wenig gebeugter. Er spürt, dass seine Kräfte schwinden.

Doch der schon oft angekündigten letzten Fahrt folgte immer noch eine neue. Seit Jahren ist Spediteur Uwe Schäffer sein Fahrer, stellt den Lkw und trägt selbst einen Teil der Kosten. Mogiljow in Weißrussland ist ihr häufigstes Ziel. Relativ nah und vor Ort organisiert der Hilfsverein Tabea die Annahme und Verteilung der Hilfsgüter professionell, nennt der 74-Jährige die Gründe.

Gerne wäre er wieder dorthin fahren. Natürlich sollte es die letzte Fahrt werden. Aber die Kraft dazu fehlt ihm. Er blickt aus dem Fenster zu den Zugvögeln. „Mir geht es wie ihnen. Mal bin ich stark, dann wieder schwach.“ Er weiß, dass es ohne ihn kein Weiter geben wird. Es gibt niemanden, der in seine Fußstapfen treten kann. Vielleicht will es auch niemand.

Jahrelang auf Urlaub verzichten, die gesamten Ersparnisse eines Lebens in so ein Projekt stecken, die eigenen Ansprüche auf ein absolutes Minimum beschränken – das ist nicht jedermanns Sache. „Hätte meine Frau mich nicht gebremst, wäre unser Haus voll Russen und ich unter der Brücke“, sagt Lothar Wedel selbst über sich. Er weiß, dass er seiner Rosmarie Dank schuldet. Sie teilt nicht seine Leidenschaft, „aber sie hat mich immer wieder ziehen lassen“.

Zum Abschied drückt Lothar Wedel fest die Hand. „Ich bin nur ein Glied in dieser Kette, muss allen danken, die mir helfen.“ Da ist es wieder, dieses Wort Danke aus dem Mund eines Mannes, der sagt, er habe nichts verloren, nur gewonnen.  

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