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Der Prignitzer

25. November 2017 | 07:03 Uhr

Eldenburg : Neuzugang bei Böllerfreunden

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Kleine Kanone namens „Josephine“ beim Herbstböllern der Eldenburger Kanoniere eingeweiht

svz.de von
erstellt am 09.Okt.2017 | 08:00 Uhr

„Wir haben Verstärkung bekommen“, ruft Urban Britzius seinen Böllerkollegen zu. Unter dem Arm eine Kanone, etwa 20 Zentimeter hoch mutet sie wie ein rustikales Spielzeug an. Getauft auf den Namen „Josephine von Quitzow“ ist die kleine Kanone der neueste Zugang im Bestand des VDSK Böllercorps Quitzow zu Eldenburg. Der lädt einmal im Jahr zum großen Böllerschießen in das kleine Dorf in der Lenzener Wische. Am Samstag war es wieder soweit.

„Josephine“ ist ein Geburtstagsgeschenk, an Britzius’ Frau Jeannette. Und wie bei einer echten Lady sollte man sich auch bei den Feuerrohren von der Größe nicht täuschen lassen. „Die macht ganz schön Terz“, verspricht Kanonier und Corpschef Britzius mit seinem Dreispitz auf dem Kopf.

Schelmisch lächelnd reiht er „Josephine“ zwischen die anderen Kanonen ein, namentlich Luise und Anna, so getauft nach diversen Schwiegermüttern. Kürzlich war die Kanone „Josephine“ beim staatlichen Beschussamt in Kiel, eine Art Eichamt. Nun gab das kleine Rohr auf der dunkel gebeizten Lafette auf dem alten Eldenburger Sportplatz ihren ersten Schuss in der Öffentlichkeit ab. „Kanonenweihe“, rufen Jeannette Britzius und Angela Radewald, während sie an der Schnur zum Schlagzünder ziehen. Ein markerschütternder Knall folgt. Der Rückstoß treibt „Josephine“ einen guten Meter zurück. Rauchwolken krallen sich in den Rasen. „Festbinden geht leider nicht“, klärt Urban Britzius auf. Der Druck würde komplett in den Schildzapfen gehen – das ist die Verankerung des Rohrs auf dem Gestell – und würde dieses auseinandertreiben.

Vor fünf Jahren haben er und ein paar Traditionsenthusiasten sich zusammengetan, andere, besonders ihre Frauen und Nachbarn zogen mit.

Detlef Blume signalisiert mit einer grünen Fahne den Kollegen an der rechten Flanke: Kanone ist bereit.
Detlef Blume signalisiert mit einer grünen Fahne den Kollegen an der rechten Flanke: Kanone ist bereit.
Um mit Schwarzpulver hantieren zu dürfen, hat jeder einzelne Prüfungen abgelegt nach §27 des Sprengstoffgesetzes. Bis aus Sprengstoff ein Knall wird, oder wie es im Behördendeutsch heißt: ein Schallereignis, muss das Pulver eingeführt und ein Vorsatz davor gesetzt werden. Das ganze wird mit einem langen Stempel verdichtet. Viele Hobbykanoniere verwenden ein Ziegelmehl als Vorsatz. „Die Verdämmung ist nötig, um Druck aufzubauen. Ohne den würde das Schwarzpulver nur müde verpuffen“ , so Britzius. Sicher, zünden könnte man auch elekrisch, wie moderne Feuerwerker etwa. „Aber wenn bei historischen Kanonen die Kabel raushingen, das würde mir gegen den Strich gehen“, erklärt der Eldenburger, während er „Josephine“ ein zweites Mal füllt.

Mit ihrer „Carola Maria“, Baujahr 2011 sind die Freunde von der Mecklenburger Artillerie Abteilung Fußbatterie 1866 aus Grabow angereist. Claudia Schmuhl gibt zu: „Es ist ein ungewöhnliches Hobby für eine Frau.“ Seit Jahren folgen die Grabower der Einladung aus Eldenburg gerne. Sie sind mehr als nur Verrückte, halten Wissen um historische Schlachten am Leben, „das sonst verloren gehen würde“, so Bernd Schmuhl, der bei der NVA mal Sprengpionier war. Seit 2006 frönt der Grabower seinem Hobby. „Damals kam eins zum andern. Ich habe in Damerow mal ein Böllerschießen gesehen und dachte sofort: Das kann ich auch.“ Die Reaktionen aus dem Bekanntenkreis auf die Böllerei seien meist geteilt. Kritiker würden entgegnen, es brauche doch nicht noch mehr Waffen, so Claudia Schmuhl. Aber: „Das sind keine Waffen, das ist Traditionspflege.“

 

Das sieht auch Detlef Blume aus Havelberg so, der stilecht mit Preußischer Pickelhaube seine Kanone lädt. Der 62-Jährige ist als Historiendarsteller bei Dorffesten recht gefragt, fährt mit Gleichgesinnten zu „Böllerbiwaks“, wie er es nennt, beteiligt sich an Gefechtsdarstellungen, ob als Preuße, in Landwehruniform oder als amerikanischer Südstaatencorporal. „Man versetzt sich in die Lage, nimmt eine Rolle und eine gewisse Haltung an. Das hat schon was. Man kann dabei gut abschalten.“ Und so wurde in länderübergreifender Freundschaft zwischen Mecklenburg und Brandenburg geböllert, in Reihe, also nacheinander, oder gleichzeitig in Salve. „Wir sind schon ein wenig verrückt“, sagt Urban Britzius, aber „immer sehr kollegial.“

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