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Nessler-Chef: "Die Stadt hat falsche Prioritäten gesetzt"

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erstellt am 05.Feb.2012 | 10:07 Uhr

Wittenberge | Hat die Stadt zu wenig getan, um Großhändler wie das Kaufhaus Nessler in der Innenstadt entgegenzukommen? Hätte das Kaufhaus schwarze Zahlen geschrieben, wenn die Stadtväter vor 20 Jahren eine andere Wirtschaftspolitik gefahren hätten? Matthias Timm ist einer der beiden Geschäftsführer der Nessler-GmbH mit sechs Filialen in Deutschland und erhebt Vorwürfe gegenüber Wittenberge. Am Samstag hatte das Kaufhaus letztmalig geöffnet. Fortan bleiben die Türen des bislang größten Mieters in der Prignitz-Galerie geschlossen.

Warum es soweit kommen musste, liegt für den Geschäftsführer auf der Hand: "Vor 20 Jahren hat Wittenberge falsche Prioritäten gesetzt, indem es den Handel auf der grünen Wiese forciert hat", sagte Timm gegenüber dem "Prignitzer" und verweist auf die Einkaufs-Center an der Lenzener Chaussee sowie in der Wahrenberger Straße. Letzteres mit einer "gefühlten Verkaufsfläche von 40 000 Quadratmetern", so Timm.

Möglichst viel an einem Ort erledigen

1991 entschied sich die Kaufhaus-Kette mit Sitz in Ahrensburg, eine Filiale in der Bahnstraße zu eröffnen. "Ich habe damals schon angemahnt, dass man den Handel in der Innenstadt unterstützen muss, aber meine Warnungen wurden ignoriert". Die Geschäftsführung ziehe jetzt die Konsequenzen, nachdem das Haus zu lange rote Zahlen geschrieben habe. Das Problem seien nicht die zurückgegangenen Einwohnerzahlen, sondern die Tatsache, dass Kunden Einkaufsorte bevorzugen, an denen sie möglichst viel erledigen können, glaubt er. In Großmärkten fänden die Leute alles, was sie zum Leben brauchen - inklusive Kleidung.

"Man hätte Investoren in die Innenstadt holen müssen, um dieses Umfeld hier zu schaffen." Mit der Öffnung der Bahnstraße für den Fahrzeugverkehr sei zwar der richtige Schritt getan worden, nur leider käme dieser zu spät. "Wäre das früher passiert und hätte die Stadt andere Entscheidungen getroffen, dann wären wir noch hier", versichert Timm.

Der letzte Verkaufstag am Samstag, der noch einmal mit satten Rabatten lockte, sorgte für leere Lager. "90 Prozent der Ware sind raus", sagte Filialleiterin Heike Lenzky am frühen Samstagnachmittag. Für sie und ihre Kollegen war der Tag einer der schwersten. Von emotionalen und kräftezehrenden Wochen berichtet sie und davon, dass man gemeinsam sehr viel erlebt habe in den letzten zwei Jahrzehnten. Eine Chronik hält diese Momente fest: Kinder- und Stadtfeste, Modenschauen, die Erweiterung der Verkaufsfläche, aber auch das Hochwasser. "Wir sind immer gerne zur Arbeit gegangen und ich bedanke mich deshalb auch bei der Geschäftsführung", sagt sie. In den letzten Jahren hätte sie gewünscht, dass mehr Menschen zumindest das Weihnachtsgeschäft genutzt hätten. Trotzdem gelte ihr Dank allen Kunden, die Nessler die Treue gehalten hätten. Besonderen Dank spricht sie ihren Kollegen aus. "Wir waren ein sehr gutes Team und haben gut zusammengearbeitet." Für sie und die Mitarbeiter heißt es nun, sich neu zu orientieren.

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