Kunst oder Pornografie? : Nackte Haut ruft die Kripo ins Paradies

Anstößig? Das liegt – wie so vieles in der Kunst – im Auge des Betrachters. Dr. Sabine Kramer, zweite Beigeordnete des Landrates, spricht von Kunst und erkennt nichts Problematisches in der Ausstellung.
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Anstößig? Das liegt – wie so vieles in der Kunst – im Auge des Betrachters. Dr. Sabine Kramer, zweite Beigeordnete des Landrates, spricht von Kunst und erkennt nichts Problematisches in der Ausstellung.

Bilder von Harms Bellin sollten wegen angeblicher Pornografie abgenommen werden – hängen aber immer noch.

svz.de von
18. Dezember 2013, 22:00 Uhr

Damit hätte Petra Unterberg wohl nicht gerechnet. Nur eine Woche nach der Eröffnung ihres vegetarischen Restaurants „Das Paradies“ bekam sie Besuch vom Ordnungsamt und der Kriminalpolizei. Anlass hierfür waren nackte Tatsachen: Bilder des Prignitzer Künstlers Harms Bellin im hinteren Raum des Bistros zeigten nackte Haut – und davon zu viel, wie wohl einige Besucher empfanden. „Mir wurde von der Polizei dringlichst empfohlen, die Bilder abzuhängen“, erzählt die Betreiberin des Restaurants.

Kleiner Rückblick: Als am 1. Dezember Petra Unterberg ihr zweites Lokal in Perleberg eröffnen wollte, lud sie Harms Bellin ein, das mit einer Ausstellung zu begleiten. „Das Paradies“ soll sich nicht nur als Restaurant etablieren, sondern auch als Begegnungsstätte und Galerie. Unter dem Thema „Nachtrasur im Paradies“ präsentierte der Künstler aus Mankmuß seine Bilder. Begleitet wurde die Vernissage durch eine lyrisch-erotische Lesungen der Prignitzer Autorin Ursula Kramm-Konowalow und der Musik des Flötisten Kai Nerger aus Hamburg. „Der Abend kam sehr gut an. Es waren etwa 70 bis 80 Gäste da und keiner hat sich beschwert“, so Harms Bellin. Umso mehr war er verwundert, dass ein Teil seiner Arbeiten eine Woche später mit Tüchern verhangen wurden. „Ich hatte das Gefühl, als hätte man uns Künstlern einen Maulkorb umgehängt“, schildert Kramm-Konowalow.

Was war passiert? „Kurz nach der Eröffnung wollte die Kripo  sehen, ob es sich bei der Ausstellung um pornografische Bilder handelt“, erzählt Unterberg. Die Beamten hätten ihr schließlich geraten, einige der Arbeiten abzuhängen und ein Schild an der Tür anzubringen, das auf die Aktausstellung hinweise. Das tat Petra Unterberg schließlich auch. Dass auf Beschwerden hin die Kriminalpolizei vor Ort war, bestätigt auch Dörthe Röhrs von der Polizeidirektion Nord in Neuruppin. Eine Anzeige gab es jedoch nicht. Die Beamten hätten außerdem keinen Straftatsbestand feststellen können, so Röhrs: „Die Kollegen würden das Ganze deutlich als Kunst bezeichnen. Die Bilder dürfen offiziell hängen bleiben. Allerdings sind zwei Werke dabei, die nicht ganz jugendfrei sind.“ Diese empfahlen die Beamten abzunehmen.

Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangte auch Thomas Kolbow vom Ordnungsamt der Stadt: „Es ist eine Ordnungswidrigkeit, wenn Darstellungen sexuellen Inhalts an Orten ausgestellt werden, an denen dies grob anstößig wirkt. Das ist natürlich ein unbestimmter Rechtsbegriff. Ob das bei der Ausstellung von Bellin der Fall ist oder nicht, wollen wir gar nicht entscheiden. Es geht uns dabei auch nicht um den künstlerischen Inhalt an sich, sondern wie die Werke in der Öffentlichkeit wirken können“, schildert Kolbow. Und da hätte er einige Bedenken: „In dem vorderen Raum des Restaurants hängen keine Bilder. Muss man aber zur Toilette, kommt man unvermittelt in eine Aktausstellung und manchen ist das vielleicht nicht ganz angenehm. Es gehen ja  auch Mütter mit kleinen Kindern in das Lokal“, so Kolbow. Darauf hätte er Petra Unterberg aufmerksam gemacht und sie gebeten, im Interesse beider Seiten bestimmte Bilder abzuhängen und einen Hinweis anzubringen. „Wir wollen nichts verbieten. Das ist eine einvernehmliche Variante“, betont Kolbow.

Harms Bellin kann die Aufregung nicht verstehen. „Die Bilder stellen ernsthafte Erotik dar und keine Pornografie und keine Aspekte der Gewalt.  Paradies und Lebensfreude, das ist das Motto. Der Vorwurf lautet, dass durch die Ausstellung das öffentliche, sittliche Empfinden gestört werden könnte. Aber es muss ja keiner ’reingehen. Ich nehme die Sache nicht persönlich. Aber es zeigt, wir befinden uns noch nicht im 21. Jahrhundert.“ „Die Stadt und die Behörden haben nicht erkannt, dass wir etwas Leben in die Stadt bringen“, ergänzt Kramm-Konowalow.

Nach Ansicht von Bürgermeister Fred Fischer gäbe es kein Problem: „Ich finde die Bilder selbst nicht anstößig, sondern die Situation, in die man unvermittelt kommen kann. Das kann man entschärfen, indem man auf die erotische Ausstellung hinweist. Wer damit dann Probleme hat, soll nicht hingehen.“ Das Konzept des „Paradies“, auch eine Begegnungsstätte zu sein, findet Fischer sehr gut. „Ich bin begeistert und hoffe, dass sich das Restaurant  sehr lange halten wird. Es ist ein weiterer Farbtupfer in unserer Stadt.“ Mittlerweile hängen die Bilder von Bellin Harms wieder offen im Paradies. Das Schild, das auf die Ausstellung hinweist, ist geblieben. Doch loslassen tut die Sache die Künstler nicht. Am 18. Januar planen sie daher im Paradies ein Künstlergespräch. Kramm-Konowalow wird Texte über Freiheit und Kunst lesen und hofft, so zum Nachdenken und Reden anzuregen.

 

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