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Prignitzer Familie klagt nach Vergiftung : Nach Urteil machen Pilzberater weiter

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Die ehrenamtlichen Pilzberater wollten aufgeben Pilzwanderungen oder -beratungen anzubieten. Grund, war die Klage einer Familie gegen einen Berater. Sie hatten sich an einem Pilz vergiftet. Doch ihn trifft keine Schuld.

svz.de von
erstellt am 19.Jan.2012 | 07:33 Uhr

Prignitz | Sie wollten aufgeben, künftig weder Pilzwanderungen noch -beratungen anbieten. Grund war die Klage einer Familie gegen einen der sieben ehrenamtlichen Pilzberater im Landkreis. Die Familie hatte sich an einem Grünen Knollenblätterpilz vergiftet und sah die Schuld bei jenem Berater, fasst Ekkehard Jesse als Leiter des Arbeitskreises "Pilzberater der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald" zusammen. Doch eine Schuld konnte dem Berater nicht nachgewiesen werden.

Der Vorfall ereignete sich am 3. Oktober 2010. Bei Jackel hatte Kräuterfrau Brigitte Hemmerling gemeinsam mit einem Pilzberater zu einer Wanderung eingeladen, zu der rund 30 Teilnehmer kamen. Die betroffene dreiköpfige Familie hatte zuvor bereits gesammelt und den anwesenden Pilzberater gebeten, ihre gefundenen Exemplare zu begutachten, was er auch getan hätte. "Danach hat die Familie auf eigene Faust weiter gesammelt und nicht an der Veranstaltung teilgenommen, auch nicht die drei Euro Obolus bezahlt", sagt Jesse.

Am Tag darauf erhielt Jesse die Information, dass alle drei Familienmitglieder, einschließlich des Kindes, eine Pilzvergiftung haben. Zunächst seien sie im Klinikum Parchim behandelt worden, wurden dann aber nach Kiel verlegt. "Unstrittig ist, dass es eine Vergiftung war, deren Ursache der Grüne Knollenblätterpilz gewesen sein muss", so Ekkehard Jesse. Aber bis zum Ende des Prozesses im vergangenen Dezember am Landgericht Neuruppin konnte nicht geklärt werden, ob alle drei Personen vergiftet waren und falls ja, wie stark. Die Familie hatte auf 20 000 Euro Schmerzensgeld geklagt. Der Prozess endete mit einem Vergleich. "Für uns ist wichtig, dass unserem Berater keine Schuld nachgewiesen werden konnte", so Jesse. Der Fall sei bundesweit einmalig. Auch das Gericht habe keinen Präzedenzfall in der deutschen Justizgeschichte finden können. Einen Fehler oder Irrtum des Beraters schließt Jesse aus: "Das ist völlig unmöglich, erst recht beim Grünen Knollenblätterpilz. Den lernt jeder Berater als erstes kennen."

Jesse hatte im Verlauf des Verfahrens für seinen Kollegen gebürgt und ihm ein "umfangreiches pilzfloristisches Fachwissen" attestiert. Seit mehr als 20 Jahren sei der Berater tätig. "Vor diesem Hintergrund sind die Anschuldigungen der Familie, dass er ausgerechnet einen Grünen Knollenblätterpilz, der als Inbegriff all unserer heimischen Giftpilze gilt, als Speisepilz empfohlen haben soll, absolut absurd", heißt es in einer Erklärung Jesses.

Auch wenn niemand in der siebenköpfigen Gruppe ein Verschulden des Kollegen sah, diskutierten die Pilzberater dennoch sehr intensiv, ob sie ihre Arbeit fortsetzen sollen. "Wir machen das ehrenamtlich in unserer Freizeit und wenn solche Konsequenzen drohen, stellt sich diese Frage", begründet Jesse.

Zu Jahresbeginn hatten sie sich geeinigt, den Ausgang des Verfahrens abzuwarten. "Jetzt haben wir Klarheit, haben uns zusammengesetzt und entschieden, dass wir alle sieben weiter machen", übermittelt Ekkehard Jesse die gute Kunde für alle Pilzfreunde. Außer ihnen gebe es keine Pilzberater im Kreis und das Sammeln dieser leckeren Waldfrüchte werde immer beliebter.

"Wir wollten nicht die Bevölkerung verletzen und enttäuschen, aber wir sichern uns künftig ab", sagt Jesse: Jeder Teilnehmer einer Pilzwanderung werde über Gefahren und Risiken aufgeklärt und müsse diese Belehrung unterschreiben.

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