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Der Prignitzer

13. Dezember 2017 | 00:39 Uhr

„Muttchen“ fürs Leben

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Eine Familie, 30 Jahre und 55 Kinder: Die Perlebergerin Silvia Röpke ist die dienstälteste Pflegemutter im Landkreis

von
erstellt am 15.Jul.2015 | 12:00 Uhr

Fragt man Silvia Röpke, wie viele Kinder sie hat, sieht sie einen mit großen Augen an, zuckt die Schultern und lacht aus vollem Herzen. „Das ist schwer zu sagen, im Haus sind es gerade fünf“ , sagt die Frau, die seit 1984 mehr als 50 Kindern ein vorübergehendes Zuhause geboten hat. Damit ist Silvia Röpke in der Prignitz die dienstälteste Mama auf Zeit. „Aber Mama sagt niemand. Für alle meine Kinder bin ich das Muttchen“, erzählt die 58-Jährige.

Angefangen hat alles mit dem Tod ihrer Schwester Mitte der Achtziger. „Mein Neffe und seine Schwester sollten nicht ins Heim. Ich selbst war dort, als ich zehn Jahre alt war, weil meine Mutter erkrankte“, erzählt Muttchen die Geschichte, wie sie sich der beiden Kinder aus der eigenen Familie annahm.

Erst danach folgten Sprösslinge, die aus der Not heraus die eigenen Familien verlassen mussten. „13 lebten über Jahre hinweg bei uns, meist über zwei, andere auch wesentlich länger, sogar über die Volljährigkeit hinaus. Die anderen 42 Kinder waren über kurze Zeiträume von wenigen Wochen oder Monaten bei uns“, erzählt sie.

Immer dabei: Silvias eigener Sohn Danny. „Er ist damit groß geworden, dass hier immer was los ist, immer Kinder da waren. Heute ist er selbst Erzieher“, erzählt Silvia Röpke über ihren jetzt 36 Jahre alten Sohn. Danny, seine Frau und die drei Söhne wohnen mit den derzeit vier Pflegekindern Sandro (7), Kevin (9), Patricia (17) und der bereits volljährige Natalie sowie dem seit 40 Jahren verheiraten Ehepaar Röpke zusammen unter einem Dach. Elf Personen auf 465 Quadratmeter Wohnfläche.

Dazu kommen die ehemaligen Schützlinge, die immer wieder den Weg zurück ins Haus der Röpkes finden. Zu neun der ehemaligen Pflegekinder hat Wahl-Mutti Silvia bis heute sehr intensiven Kontakt.

Wie zu Martin. Als er zu Silvia Röpke kam, war er 16 und ein Hau-Drauf-Mensch, wie er selbst sagt. Partys, Schlägereien, Ausflüge in die rechte Szene. Heute ist Martin 32, verheiratet und selbst Vater eines Sohnes. „Bei Muttchen habe ich gelernt, was Glück ist, was Halt bedeutet und Familie und wie man sein eigenes Leben auf die Reihe bekommt.“

Als 14-Jähriger entschied er sich, freiwillig ins Heim zu gehen und dem von Alkohol und körperlicher Gewalt geprägten Alltag mit seiner Erzeugerin – nur so nennt er die Frau, die ihn zur Welt brachte – zu entfliehen. Auch die Brüder Patrick, damals acht Jahre alt und Mario, 13, folgten dem großen Bruder. „Wir als Jugendamt sind bemüht, bei gutem Zusammenhalt unter den Geschwistern die Kinder auch zusammen zu lassen“, sagt Sozialarbeiterin Gabriele Jenschek.

Da zur Familie Röpke bereits jahrelang guter Kontakt bestand und ausreichend positive Erfahrungen gesammelt wurden, wandte man sich im Fall von Martin und seinen Brüdern an Silvia Röpke. „Als ich Patrick sah, den jüngsten der drei, waren wir sofort verliebt. Wir hatten sofort einen Draht“, sagt seine ehemalige Pflegemutter.

Heute ist sie Oma Silvia. Nicht nur für die eigenen drei Enkel, sondern auch für Martins dreijährigen Sohn Nevio.

Er und Martin leben zwar nicht mehr im großen Haus der Röpkes, aber den Besuch dort lässt er sich nicht nehmen. „Großes Herz und gutmütiger Verstand mit jeder Menge Verständnis und Toleranz“, beschreibt Martin sein Muttchen. „Eine Berufung“, nennt Gabriele Jenschek vom Jugendamt die leidenschaftliche Arbeit von Silvia Röpke.

Zwar sei die Pflegeelternschaft kein Job an sich, aber eine geringfügig entschädigte Dienstleistung. Das Sorgerecht bestehe weiterhin bei den leiblichen Eltern, die Aufgaben der täglichen Sorge aber bei den Eltern auf Zeit, so Jenschek. Eine Rückkehr zur leiblichen Familie ist jederzeit möglich. Daher ist Silvia Röpke bemüht, Kontakt zu diesen aufzubauen. „Es ist wichtig, mit den leiblichen Eltern klarzukommen. Die Kinder spüren, ob etwas zwischen Muttchen und Mutti nicht stimmt“, erzählt sie.

Kommen neue Kinder ins Haus auf dem zwei Hektar großen Grundstück lässt ihnen Silvia Röpke erstmal den Freiraum. „Nach und nach tastet man sich ’ran, fragt nach dem Lieblingsessen oder bei kleineren, was sie gern spielen. Oder ich lasse sie mit in meinem Bett schlafen, wenn sie fragen, sie sollen sich ja nicht so abschotten, obwohl jedem, der hier wohnt, ein eigenes Zimmer zusteht.“

Auch für Pflegetochter Natalie war der Einzug ins Röpke-Haus anfänglich komisch, wie sie sagt. Seitdem sie zwölf ist, wächst sie dort auf. Jetzt ist sie zwar volljährig und damit eigentlich kein Pflegekind mehr, sie hält aber an dem heimischen Gefühl der Familie weiterhin fest. „Zusammenhalt, Ehrlichkeit und ganz viel Liebe – das ist meine Familie“, sagt Silvia Röpke stolz.

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