Posaunenchor Perleberg : Musik vereint Generationen

Andreas Draeger leitet heute den Bläserchor.
Andreas Draeger leitet heute den Bläserchor.

Posaunenchor der evangelischen Kirchengemeinde Sankt Jacobi steht vor seinem 90-jährigen Jubiläum

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28. September 2017, 05:00 Uhr

Am 4. Advent des Jahres 1927 lagen fünf Instrumente auf dem Gabentisch der Kirchgemeinde. Das war die Geburtsstunde des Perleberger Posaunenchores. Geburtshelfer war der damalige Pfarrer Großmann. Mit drei Flügelhörnern, einem Tenorhorn und einer Tuba begannen fünf Bläser, darunter Heinz Rudow, der später den Chor leitete, gemeinsam zu musizieren. Bereits am 31. Oktober 1928 hatten sie ihren ersten öffentlichen Auftritt. Vom Kirchturm zu Düpow ließen sie die Instrumente erklingen. Im dortigen Gotteshaus wurde bis dato auch geprobt. Das Friedhofblasen am Ostersonntag und am Ewigkeitssonntag (Totensonntag) waren fortan feste Termine des noch jungen Chores, der mit dem Kirchenmusiker Bergmann dann in der Perleberger St. Jacobikirche seine Heimstatt fand.

Mit dem Nationalsozialismus begann für den Posaunenchor eine Zeit, aus der nur wenige Aufzeichnungen vorhanden sind, berichtet Andreas Draeger, der seit 1977 den Posaunenchor leitet. „Proben fanden nur noch sporadisch statt, geübt wurde teilweise in Privaträumen. Die Nutzung von Probenräumen blieb den Mitgliedern verwehrt.“ Regelmäßige Auftritt fanden nicht mehr statt. Und doch gab es ihn, den Perleberger Posaunenchor.

Das Jahr 1948 steht für einen Neubeginn der Bläserarbeit. Pfarrer Eitel Draeger, der Vater des jetzigen Chorleiters, kam in die Gemeinde. Gemeinsam mit Heinz Rudow engagierte er sich dafür, dass wieder regelmäßig die Bläser erklangen. Am 29. Mai 1949 fand das erste Turmblasen statt, fortan dann regelmäßig sonnabends nach dem Abendläuten. Organist Paul Hoffmann stieg mit ein, übernahm mit die Chorarbeit, schrieb selbst Literatur, zwei- und dreistimmige Lieder für die Bläser.

Noch einige Namen von Kantoren füllen die Analen des Chores, der inzwischen über die Grenzen der Kirchgemeinde bekannt war. Längst musizierten hier auch Frauen und junge Mädchen mit, „damals noch ein Novum“, erinnert sich Draeger. Als er 1977 an das Krankenhaus in der Perleberger Bergstraße kam, wurde ihm sogleich auch die Leitung des Posaunenchores angetragen. Mit ihm fanden zusehends dann Kinder und Jugendliche den Weg in den Bläserchor. „Ein solcher lebt nur, wenn Nachwuchs da ist“, war und ist Draegers Maxime.

18 Mitglieder zählte inzwischen der Chor, davon sieben Nachwuchsbläser. Das Interesse war da, einzig Instrumente gab es zu DDR-Zeiten nicht, „schon gar keine neuen“, erinnert sich Andreas Draeger. Auf Kirchenböden spürte er vergessene Instrumente auf, und mit Unterstützung der evangelischen Frauenhilfe wurden sie spielbar gemacht, wurden Noten angeschafft.

22 Bläser sind sie – Männer und Frauen, und letztere haben inzwischen auch die großen Instrumente für sich entdeckt. „Das Schöne ist, das Alter zieht sich quer durch den ganzen Chor“, betont sein Leiter. Die Jüngsten sind zwischen elf und zwölf Jahren. „Blasen kann man bis ins hohe Alter.“ So sitzen manchmal drei Generationen an den Notenständern und musizieren gemeinsam. Teilweise lasse sich schon eine Familientradition ableiten, fügt Andreas Draeger schmunzelnd an.

Für ein fröhliches Miteinander der Generationen habe er zu sorgen. Kein leichtes Unterfangen, denn verständlicherweise sind auch die Musikgeschmäcker unterschiedlich. Die Lösung heißt musikalischer Kompromiss. In erster Linie werde zwar Kirchenmusik geblasen. Doch man sei auch angetreten, alte Bläsermusiken zu pflegen, wurden damals Tänze und Suiten einst den Instrumenten schier auf den Leib geschrieben. Gleichso gehören Volkslieder zum Repertoire des Chores wie auch zeitgenössische Bläsermusik, Gospel, Spiritual music. Dieses Repertoire sei zugleich eine Herausforderung für den Chor, die man aber brauche, um weiterzukommen. Darin liege zugleich aber auch der Spaß, betont Andreas Draeger.

Immer dienstags um 19 Uhr ist Hauptprobe, davor Einzelunterricht und mittwochs ab 15 Uhr sind die Nachwuchsbläser an der Reihe. Eine fundierte Ausbildung, darauf legt man im Posaunenchor großen Wert.
Dazu gehören neben dem eigentlichen Spiel eben auch Atemtechnik, die Technik des Blasens und Theorie einschließlich Musikgeschichte. „Schritt für Schritt wächst jeder dann in den Chor hinein, spielt dort mit, wo er in der Ausbildung steht. Offensichtlich klappt das recht gut. „Wir haben so stets Nachwuchsbläser“, freut sich der Chorleiter.

Selbstverständlich sei es dennoch nicht, denn viele Mitglieder stehen voll im Beruf, pendeln wie ein Bläser täglich nach Hamburg und zurück, bzw. sind Schüler. Nach der Arbeit, nach der Schule dann zur Probe, dazu gehören Idealismus, Disziplin und ganz viel Freude am gemeinsamen Musizieren.Anders herum ist eine Einzelprobe oft mehr als nur auf dem Instrument zu üben. „Da wird sich auch mal alles von der Seele geredet. Das muss sein, auch wenn am Ende nur eine halbe Stunde zum Proben bleibt.“ So wachse eine Gruppe fast wie eine Familie zusammen.

Mitglied dieser Gruppe, des Posaunenchores, kann jeder werden, der ein Instrument blasen möchte. Vorkenntnisse seien nicht erforderlich. Kirchlich müsse er nicht gebunden sein, aber die Aufgabe evangelischer Posaunenchöre zumindest bejahen. Denn die Kirchengemeinde ist Träger des Chores, die Instrumente sind ihr Eigentum. „Dank der finanziellen Unterstützung durch die Jugend- und Kulturstiftung der Sparkasse sind wir in der glücklichen Lage, jedem sein erstes Instrument zur Verfügung stellen zu können. Wenn sich dann endgültig entscheidet, welches es ist, dann kann, wer möchte, auf einem eigenen Instrument musizieren.“ 1000 bis 1200 Euro für eine Trompete, 2400 Euro für eine Posaune und 3500 bis 5000 Euro für die Tuba, bei diesen Summen sollte man wissen, was man will, „sich vorher ausprobieren“, ergänzt der Chorleiter.

Der Preis sei das eine, ein Instrument, was nicht gespielt wird, gehe aber kaputt.

Ein Problem gebe es dennoch: Das ständig wachsende Angebot der Notenliteratur sprenge mittlerweile fast den Schrank. „Es ist aber doch schön, wenn wir keine anderen Probleme haben“, gesteht Andreas Draeger. Und auch jenes bekommt man in den Griff, indem man innerhalb des Kirchenkreises Noten ausleiht, die man selbst nicht hat.

Am 7. und 8. Oktober wird der Perleberger Posaunenchor Geburtstag feiern. Und mit dabei sind auch die Partnerchöre. Seit 1980 besteht die Partnerschaft mit dem Posaunenchor Talle und seit 1984 mit dem aus Neustadt/Aisch. Sie werden mit einstimmen, wenn am 8. Oktober öffentlich geprobt werde, man in der St. Jacobikirche hautnah erleben kann, wie das Zusammenspiel geübt wird. Der Festgottesdienst am darauf folgenden Tag ist dann vornehmlich ein Bläsergottesdienst, zu dem man auch ehemalige Bläser einladen wolle. Es gebe noch viele Kontakte und nicht ohne Stolz verweist Andreas Draeger darauf, dass Chormitglieder, die heute in Lübeck, Rostock, Berlin, in der Lausitz und so gar in Stockholm in Posaunenchören musizieren, einst mal durch die Perleberger Schule gingen. „Wir Bläser sind eine große Familie. Auch wenn wir nicht die gleiche Muttersprache sprechen, am Notenständer verstehen wir uns alle. Die Sprache kennt jeder.“

Und was wünscht sich das Geburtstagskind? „Noten, die man blasen kann, aber nicht so dicke Bücher. Und Lampen für die Notenständer, „denn wir blasen oftmals in der Weihnachtszeit auch im Dunkeln und die alten Lampen haben mittlerweile ihre Schuldigkeit getan“, so Draeger schmunzelnd. 

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