Übersetzung ohne Ton : Mittlerin zwischen zwei Welten

„Frühling“ sagt Mechtild Steuernagel in der Gebärdensprache.
„Frühling“ sagt Mechtild Steuernagel in der Gebärdensprache.

Mechtild Steuernagel aus Mansfeld betreut als einzige Gebärdensprachdolmetscherin im Landkreis viele Betroffene in einem großen Gebiet

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19. April 2015, 12:00 Uhr

Mit Händen und Füßen reden – das ist nicht nur so ein geflügeltes Wort, für Mechtild Steuernagel aus Mansfeld ist es Berufsalltag. Sie ist Gebärdensprachdolmetscherin, und sie steuerte ihr Ziel mit einiger Hartnäckigkeit an.

Zur Gebärdensprache, in der sich gehörlose und hörgeschädigte Menschen verständigen, kam sie sehr jung und quasi als krasse Außenseiterin. Weder in der Familie noch im Freundeskreis „vorbelastet“, landete sie, als sie in der 10. Klasse war, in einem Volkshochschulkurs für Gebärdensprache. Ihr Motiv: „Ich wollte einfach außerhalb der Schule Leute kennen lernen. Letztendlich hätte es auch jeder andere Sprachkurs sein können“, erzählt die gebürtige Marburgerin, die in Oldenburg aufwuchs und zur Schule ging. Ein Jahr lang erlernte sie gemeinsam mit Erwachsenen Grundlagen der Gebärdensprache, die Dozentin kam aus Bremen und war taub. „Das war eine tolle Zeit. Leider ging der Kurs dann nicht weiter, weil sich für die Fortführung zu wenige Teilnehmer fanden.“

Den ersten richtigen Kontakt zu Gehörlosen knüpfte Mechtild Steuernagel nach dem Abitur bei einem sechsmonatigen Praktikum an einer Gehörlosenschule in Heilbronn. Dort entstand zunächst die Idee, sich zur Gehörlosenpädagogin zu qualifizieren. „Ich merkte aber, dass für mich die eigentliche Gebärdensprache im Vordergrund stand. Ich finde das Dolmetschen wichtig“, so die junge Frau.

Folgerichtig also die Bewerbung für das entsprechende Studium am Institut für Deutsche Gebärdensprache in Hamburg. Mechtild Steuernagel hatte jedoch die Rechnung ohne die Filmbranche gemacht: Zu diesem Zeitpunkt löste der Blockbuster „Jenseits der Stille“ nicht nur einen Run auf die Kinos aus, sondern auch einen auf das Institut. Hamburg arbeitete aufgrund des Ansturms mit Numerus Clausus. „Ich bin mit einer Absage nach Hause gefahren. Fünf Jahre Wartezeit wurden für den Studienantritt prognostiziert. Ich überlegte, eventuell umzuschwenken auf eine kaufmännische Ausbildung – entdeckte dann aber im Hamburger Institut einen Aushang der Fachhochschule Magdeburg, dort sollte ein Studiengang für Gebärdensprachdolmetscher eröffnet werden“, erzählt Mechtild Steuernagel.

In die neuen Bundesländer zu gehen, hielt sie eh für eine spannende Idee – und tat es. „Der erste Jahrgang der Magdeburger Studiengruppe war sehr klein, es gab es eine Professorin und einen wissenschaftlichen – übrigens auch tauben – Mitarbeiter“, erinnert sich die heute 37-Jährige. In den folgenden Jahren wurden die Ausbildungsmöglichkeiten vielfältiger, inzwischen gibt es neben Hamburg und Magdeburg u. a. auch Studiengänge Berlin, Zwickau und Idstein (Taunus). Sie absolvierte Praktika, u. a. in Potsdam, und für ihre Diplomarbeit recherchierte sie ein halbes Jahr lang in Schweden – ganz bewusst in diesem skandinavischen Land, „weil hier sowohl die Behindertenpädagogik als auch das Gebärdensprachdolmetschen sehr viel fortschrittlicher sind als in Deutschland“, macht sie deutlich.

2002 wurde Mechtild Steuernagel fertig, war bis 2012 in Berlin tätig, an einer Gebärdensprachschule, an der Humboldt-Universität und schließlich freiberuflich. „Neunzig Prozent der Gebärdensprachdolmetscher arbeiten freiberuflich“, sagt Mechtild Steuernagel. Kurz vor ihrem Studienende, 2001, wurde die Gebärdensprache als eigenständige Sprache anerkannt. Das hatte Auswirkungen z. B. auf gesetzliche Regelungen der Kostenübernahme oder auch auf die soziale und politische Teilhabe von gehörlosen und schwerhörigen Menschen.

Aus privaten Gründen zog es Mechtild Steuernagel dann in die Prignitz, konkrekt nach Mansfeld. Ihr kleiner Sohn besucht die Kita des Landweg e. V. in Baek. Anfänglich erledigte sie sowohl Aufträge in Berlin als auch in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, pendelte zwischen Berlin und der Prignitz, stellte aber relativ schnell fest: „Es ist hier genügend zu tun.“ Sie deckt mit ihrer Arbeit die Landkreise Prignitz und Ostprignitz-Ruppin, überdies den gesamten Süden Mecklenburg-Vorpommerns, ist ab und zu auch in der Altmark tätig.

Das Spektrum der Dolmetscherin für deutsche Gebärden- und deutsche Lautsprache – so die offizielle Bezeichnung – ist riesig. Angefragt werde sie sowohl von der hörenden als auch von der gehörlosen Welt. Als Dienstleisterin erstrecken sich ihre Einsätze von der persönlichen Begleitung zu Behörden, Ämtern, Arztpraxen und Krankenhäusern bis hin zum Dolmetschen bei polizeilichen Vernehmungen, Gerichtsverhandlungen, Weiterbildungen, Elternabenden, Theatervorstellungen, Gottesdiensten, Mitarbeitergesprächen in Betrieben, politischen und anderen Veranstaltungen. Alle Altersgruppen sind vertreten, alle sozialen und beruflichen Schichten, erläutert Mechtild Steuernagel. Ruhe und Ausgleich findet sie im beschaulichen Mansfeld, sie liebt das Dorfleben, die Gegend, die Natur. Aus heutiger Sicht bewertet sie ihre Motivation für das Erlernen der Gebärdensprache durchaus neu: „Ich wollte herausfinden, ob man mit dieser Sprache wirklich alles sagen, alles ausdrücken kann. Und: Ja, es geht – das ganze Repertoire.“

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