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Christoph 39 im Einsatz : Mit Tempo 250 zum Rettungseinsatz

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Seit dem 3. Juni 2008 fliegt der Gelbe Engel von Perleberg aus Einsätze – das Interesse von Schaulustigen ist ungebrochen.

von
erstellt am 30.Okt.2015 | 08:00 Uhr

Ein Tag im Herbst vor dem Wittenberger Rathaus: Mit ohrenbetäubendem Getöse schwebt Christoph 39 über der Grünfläche ein, geht langsam tiefer, setzt sanft auf. Die Crew springt heraus, Notarzt und Rettungsassistent hasten zum Einsatzort eine Straße weiter. Während sie sich um einen Verletzten kümmern, beantwortet die Pilotin die Fragen der vielen Schaulustigen, die, vom Lärm angelockt, den großen gelben Vogel umringen. Eine gute Stunde später geht die Crew wieder an Bord, die Turbinen heulen auf, die Rotoren beginnen sich zu drehen und der Hubschrauber steigt in den hellblauen Himmel.

Was für die Profis Alltag ist, übt auf Außenstehende eine kaum zu erklärende Faszination aus. Im „Prignitzer“ erzählt Marian Lindner, Rettungshubschrauberpilot in Perleberg, wie ein typischer Tag der Hubschraubercrew aussieht.

 

Dienstbeginn ist im Sommer um 7 Uhr. Das heißt, der Hubschrauber muss zu diesem Zeitpunkt einsatzbereit sein. Der Pilot und der Luftrettungsassistent – im Fachjargon kurz HCM – sind eine halbe Stunde vorher da und beginnen mit den Vorflugkontrollen. Einen Techniker, der das übernimmt, haben wir nicht. Der Pilot checkt den Heli: Sichtkontrolle auf Beschädigungen, Blick hinter die Triebwerksverkleidung, Überprüfung der elektronischen Systeme. Der HCM kümmert sich um die medizinische Ausstattung: Verbandmaterial vollständig? Geräte wie EKG und Sauerstoffanlage in Ordnung? Medikamentenbestand im Soll? Wir sind ausgestattet wie ein Notarzteinsatzfahrzeug, es ist alles da, was der Notarzt für die Erstversorgung braucht.

Sind Technik und Ausstattung in Ordnung, holt der Pilot aktuelle Wettermeldungen und Luftsicherheitsinformationen ein. Wir müssen schließlich wissen, ob es beispielsweise durch Militärübungen Flugbeschränkungsgebiete gibt. Dann melden wir uns bei der zuständigen Leitstelle einsatzbereit. Spätestens dann ist auch der Notarzt auf der Wache.

Wenn der Pieper klingelt, wird es hektisch. Während der Pilot als erster ins Cockpit springt und sofort mit den Startkontrollen beginnt, fährt der HCM die Hubschrauberplattform aus der Halle. Wir „parken“ das ganze Jahr über meist drinnen, damit es im Cockpit nicht zu heiß oder zu kalt wird. Kaum steht Christoph draußen, laufen die Triebwerke an, die Crew steigt ein und nach zwei Minuten sind wir in der Luft. Zunächst setzen wir auf den eigentlichen Hubschrauberlandeplatz etwas oberhalb der Plattform um. Von dort aus starten wir in leichtem Rückwärtsflug gegen den Wind bis zu einer Höhe von etwa 120 Fuß, also knapp 40 Meter. Gibt es bis dahin Probleme, die einen sicheren Flug unmöglich machen, landen wir vorwärts wieder.

Läuft alles glatt, heißt es Kurs auf den Einsatzort. Die wichtigsten Informationen zum Notfall bekommen wir zeitgleich zum Pieperalarm per Fax. Wem ist wo was passiert? Welche Rettungsmittel sind noch dorthin unterwegs? Auch der Kurs, den wir fliegen müssen, ist dabei. Mit rund 250 Stundenkilometern geht es dann schnurgerade dem Ziel entgegen. Der HCM assistiert während des Fluges dem Piloten, wickelt den Funkverkehr mit der Leitstelle ab und hilft bei Navigation und Luftraumbeobachtung.

Am Einsatzort angekommen heißt es, einen sicheren und gut zugänglichen Landeplatz zu finden, der frei von Hindernissen, einigermaßen eben und etwa 25 mal 25 Meter groß ist. Ob Straßenkreuzung, Garten oder Wiese – wir landen fast überall. Gibt der Pilot das Kommando zum Aussteigen, schnappt sich der HCM den Notfallrucksack und der Arzt das EKG und beide eilen zum Patienten. Der Pilot bleibt am Hubschrauber, bis die Rotoren gestoppt haben. Gibt es viele Schaulustige, wie es bei Einsätzen in Städten oft vorkommt, bleibt er die ganze Zeit über an der Maschine, ansonsten kommt auch er zum Patienten und Unterstützt seine Kollegen bei organisatorischen Aufgaben.

Der Notarzt trifft schließlich die Entscheidung, ob der Patient ins Krankenhaus muss und wie er transportiert wird. Bei vielen schweren Verletzungen ist der Hubschraubertransport erste Wahl. Zum einen sind wir in den meisten Fällen schneller am Krankenhaus als der Rettungswagen. Außerdem können wir direkt Spezialkliniken wie das Unfallkrankenhaus Berlin oder Zentren für Neurologie oder Brandverletzungen anfliegen, wohingegen der Bodentransport meist zum nächstgelegenen Krankenhaus fährt und der Patient von dort aus weiter verlegt wird.

Fällt die Entscheidung für den Lufttransport, nehmen wir unmittelbar nach dem Start Kontakt mit dem Zielkrankenhaus auf und kündigen uns an. Auf dem Flug zum Krankenhaus kann der Rettungsassistent, sofern es notwendig ist, den Notarzt bei der Patientenversorgung unterstützen. Üblicher Weise sitzt er aber wie auf dem Hinflug mit im Cockpit und hilft wieder bei Navigation und Funkverkehr. Kaum auf dem Heliport des Zielkrankenhauses gelandet, wird der Patient ausgeladen und an das Klinikpersonal übergeben. Damit ist der Einsatz für die Hubschrauberbesatzung beendet, und mit der Meldung an die Leitstelle steht Christoph 39 wieder für den nächsten Ernstfall bereit.

Der Rückflug zur Station ist – sofern es nicht direkt zum nächsten Einsatz geht – zumeist etwas entspannter. Wenn es die geflogene Strecke erfordert, wird unterwegs aufgetankt. Normalerweise starten wir mit 250 Kilogramm Kerosin im Tank von Perleberg aus, das reicht für gute 200 Kilometer plus Reserve. In unseren Navigationsgeräten sind natürlich Landeplätze verzeichnet, an denen wir den benötigten JET-A1-Kraftstoff bekommen, beispielsweise tanken wir auf dem Rückflug von Berlin häufig am Flugplatz Kyritz auf. Und wenn schönes Wetter ist, dann bietet der Rückflug auch einfach mal die Chance, die Landschaft zu genießen, gerade in den Abendstunden. Voraussetzung ist, dass die Maschine gut ausgetrimmt, und die Luft ruhig ist. Dann ist es Muße pur.

Nach der Landung in Perleberg wartet noch Papierkrieg. Flugbücher führen, Einsatzberichte in den Computer übertragen, Luftfahrtdokumente aktualisieren. Noch machen wir das manuell, künftig soll das iPad Einzug ins Cockpit halten. Ist auch das erledigt, dann ist es wirklich Zeit für einen Kaffee und ein Schwätzchen mit den Kollegen. Bis der Pieper wieder klingelt, wir zum Heli hasten und innerhalb von zwei Minuten in der Luft sind. Protokoll: Lars Reinhold

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