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Der Prignitzer

23. Oktober 2017 | 01:00 Uhr

Mit Schablone ins Wahllokal

vom

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erstellt am 20.Sep.2013 | 06:50 Uhr

Wittenberge | Wenn Millionen Wähler morgen in der Wahlkabine stehen, schauen sie auf ihre Liste, suchen die Parteien ihres Vertrauens und setzen ihre Kreuze daneben. Was aber, wenn der wahlberechtigte Bürger auf dem Blatt Papier vor ihm nichts erkennen kann? Wenn er nicht weiß, an welcher Stelle er seine Kreuzchen machen muss? Blinde und sehbehinderte Menschen stehen vor genau diesem Problem. Damit sie dennoch eigenständig ihre Stimme abgeben können, gibt es die sogenannte Wahlschablone.

Das spezielle Hilfsmittel kommt auch bei Blinden und Sehschwachen aus der Prignitz zum Einsatz. Als sich die beiden Wittenberger Selbsthilfegruppen "Altstadt" und "Allende" kürzlich trafen, stellte Richard Liermann, Vorsitzender der Bezirksgruppe Prignitz des Brandenburger Blinden- und Sehbehindertenverbandes, die Stimmzettelschablone vor. "Ihr müsstet die Schablone alle per Post bekommen haben", vergewissert er sich und erläutert dem Besuch vom "Prignitzer" ein wenig genauer: "Nur wer Mitglied im Brandenburger Blinden- und Sehbehindertenverband ist, bekommt diese Schablone automatisch zugeschickt. Alle anderen müssen sie in der Zentrale in Cottbus bestellen."

Zum Wählen wird der Stimmzettel in die Schablone geschoben. Diese ist ähnlich aufgebaut wie der Stimmzettel: Links sind die Wahlkreisabgeordneten, rechts die Parteien für die Zweitstimme aufgelistet. Die Besonderheit: Statt Parteinamen stehen nur Nummern auf der Schablone, einmal in Schwarzschrift, einmal in Braille, der Blindenschrift.

Richard Liermann erklärt den Wahlvorgang an einem konkreten Beispiel: "Man fühlt in Blindenschrift die 1 und dann weiß man durch die beigelegte Info-CD, dass die 1 für die Linke steht. Neben der 1 fühlt man dann einen Kreis, in welchem man sein Kreuz setzt, wenn man für die Linke stimmen will."

Kopfnicken, aber auch Stirnrunzeln unter den Anwesenden. Manche sind verunsichert, haben noch nie mit der Schablone gewählt und befürchten, ein falsches Kreuz zu setzen. Und ob die Mitarbeiter im Wahllokal mit der Schablone überhaupt etwas anzufangen wissen? "Bei mir haben sie anfangs verwundert geguckt, die hatten so etwas auch noch nicht gesehen", erzählt der Weisener Hans-Joachim Hildebrandt von seinem ersten Wahlgang mit Schablone. Er ist fast vollständig blind, kann nur noch Hell und Dunkel unterscheiden. Inzwischen wisse man in seinem Wahllokal aber Bescheid, versichert er. Der zu 100 Prozent blinde Richard Liermann indes bevorzugt die Briefwahl. Nicht, weil er mit der Schablone nicht ins Wahllokal möchte, sondern "weil ich zur Bundestagswahl im Urlaub bin", wie er verrät.

Liermann beherrscht die Blindenschrift, was aber nicht zwingend notwendig ist, um den Wahlzettel selbstständig auszufüllen. Hans-Joachim Hildebrandt ist das beste Beispiel. Er hat die Brailleschrift zwar gelernt, doch der 70-Jährige kann die Punktmuster inzwischen kaum noch fühlen. Problematisch sei das dennoch nicht: "Ich zähle die Kreise einfach von oben nach unten ab", sagt Hildebrandt. Die Schablone habe er schon bei mehreren Bundestagswahlen genutzt und "noch nie ein falsches Kreuzchen gesetzt", ist er sich sicher.

Der Blinden- und Sehbehindertenverband Brandenburg e.V. gibt die Wahlschablonen seit der Bundestagswahl 2002 an alle Mitglieder im Land aus und nimmt auch Bestellungen von Nichtmitgliedern an. "1800 Stück haben wir dieses Jahr verschickt", informiert Verbandsgeschäftsführer Joachim Haar. Am häufigsten werde per Briefwahl gewählt. Neu in diesem Jahr: Statt eines Begleitheftes gibt es nun eine Begleit-CD. "Was ich schade finde, denn mit dem Heft konnten wir die Blindenschrift ein bisschen bekannter machen", sagt der Geschäftsführer.

Übrigens gibt es das Hilfsmittel auch für Landtags- und Europawahlen, wie Haar informiert. "Nur für Kommunalwahlen noch nicht. Aber das ändert sich vielleicht bald."

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