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Der Prignitzer

16. Dezember 2017 | 23:42 Uhr

Mit "Pfadfindern" auf den Arbeitsmarkt

vom

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erstellt am 27.Dez.2012 | 03:51 Uhr

Wittenberge/Pritzwalk | Jungen Arbeitslosen eine berufliche Orientierung geben, das haben sich die Berufspfadfinder Prignitz auf ihre Fahnen geschrieben. An den Standorten Wittenberge, Perleberg und Pritzwalk werden aktuell Frauen und Männer unter 25 Jahren zielgerichtet unterstützt, die bereits vielfach eine Enttäuschung auf dem Arbeitsmarkt erleben mussten.

Aus einer Projektarbeit der Jugendsozialarbeiter der Jugendhilfe Nordwestbrandenburg (JNBW) heraus entstanden, war es nur noch ein kleiner Schritt zur selbstständigen Existenz. "Das Projekt der JNBW hat sich damals mit den Traumberufen der jungen Menschen beschäftigt und Schnupperpraktika vermittelt. Die Idee ist dann so gut angekommen, dass deshalb aus dem Regionalbudget und durch den Bedarf des Jobcenters im U25-Bereich ein eigenes Projekt entstanden ist", verdeutlicht die Projektkoordinatorin Diana Richter. Allgemein ist das Jobcenter ein wichtiger Partner, da von dort aus die Teilnehmer zu den Berufspfadfindern vermittelt werden. "Wir versuchen, einen Weg aufzubauen und zu zeigen, wohin es gehen kann. Allgemein gehen wir in drei Phasen vor: Wie ist der Lebensumstand, welche Praktika und Erfahrungen hat der Teilnehmer und was können wir konkret machen", beschreibt Jobcoach Ramona Kamlah, die Ansprechpartnerin in Wittenberge.

Einer, der bereits von der Beratung des Jobcoachs profitiert hat, ist der 23-jährige Denny Bechmann. "Nach der Ausbildung zum Maler und Lackierer habe ich nichts mehr gefunden und auch die Praktika und Maßnahmen haben nichts gebracht", beschreibt der Vater zweier Kinder seine damalige Situation. "Denny konnte sich selbst nicht einschätzen und hat an seinen Fähigkeiten gezweifelt, nachdem er drei Jahre nicht in seinem Beruf gearbeitet hat", verdeutlicht Ramona Kamlah. Hier zahlten sich dann die Kontakte des Jobcoaches aus. "Wir wussten, dass die Bahn auch Maler und Lackierer sucht, und haben dann gleich mit dem Betrieb gesprochen, ob es möglich wäre, in verschiedene Bereiche hineinzuschnuppern", führt Kamlah an. Was dann folgte, war ein eher ungewöhnlicher Weg. Nachdem es ihm bereits in seiner ersten Station so gut gefallen hat, folgte direkt ein achtwöchiges Langzeitpraktikum. "Die Aufregung am ersten Tag war sehr groß, aber ich durfte bereits nach zwei, drei Tagen Arbeiten alleine verrichten und wurde gut aufgenommen", erzählt Bechmann. "Die Bahn hat dann gesagt, den geben wir nicht wieder her und jetzt warten wir eigentlich täglich auf den 100-prozentig zugesicherten Arbeitsvertrag", so Kamlah.

Allgemein sei die Zusammenarbeit mit regionalen Firmen Grundvoraussetzung. Dabei wird vor allem darauf geachtet, dass das Praktikum nicht um seiner selbst Willen gemacht wird, sondern im Vorfeld abgeklärt wird, wie eine anschließende Perspektive aussehen könnte. Aber bis es soweit ist, müssen die Pfadfinder meist einen langen Weg gehen. "Wir setzten auf die intensive, individuelle Kommunikation. Was sind die Voraussetzungen, wie sind die Lebensumstände, wie passen Wunsch und Realität zusammen? Erst dann wird ein Weg aufgebaut, wohin es gehen kann. Und schließlich gibt es auch immer mindestens drei Wege, um ans Ziel zu gelangen", ergänzt Diana Richter.

Zumindest diese drei Wege musste wohl auch Janine Schattling gehen, bevor sie an ihr derzeitiges Etappenziel gelangte. Insgesamt zehn Jahre hat es bei ihr bis zum so genannten Knackpunkt gedauert. "Ich hatte kein stabiles Elternhaus, weshalb es auch mit dem Schulabschluss nicht geklappt hat, und ich hab’ viel gefeiert", so die 23-Jährige. Durch die Maßnahme konnte sie sich dann erst etwas orientieren, um ihrem Traumberuf, im Verkauf zu arbeiten, näher zu kommen. "Ich will jetzt endlich auch mal was leisten", erzählt Schattling, doch kamen in vielen Bewerbungsgesprächen immer die gleichen Fragen. "Sie hat das leider live spüren müssen, dass der Schulabschluss gefordert wird, und es dann auch schlussendlich eingesehen", bilanziert Kamlah. Dann begann die Suche nach einer geförderten Maßnahme, wurde man beim Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD) fündig. "Der Weg sollte sicher sein und jetzt ist der Anschluss für eine berufliche Karriere gegeben", so Projektkoordinatorin Richter.

Seit dem Start konnten die Berufspfadfinder nun bereits 40 Prozent ihrer Teilnehmer vermitteln. Aktuell läuft die Maßnahme, die durch das Ministerium für Arbeit und Soziales des Landes Brandenburg und den Europäischen Sozialfonds gefördert wird, mit 37 Teilnehmern, die durch das Jobcenter zugewiesen werden. In Gruppen von sechs Teilnehmern aus jedem Sozialraum arbeiten sie jeweils sechs Monate im Projekt. Bei Vermittlung oder Projektaustritt belegen Nachrücker die freien Plätze. "Betriebe, die Interesse haben, können sich weiterhin bei uns zur Zusammenarbeit melden", resümiert Richter, denn der Bedarf an Fachkräften sei zweifelsfrei da. Deshalb suchten die Betriebe nun auch auf neuen Wegen nach Leuten. Bei den jungen Arbeitssuchenden seien Motivation und Zuverlässigkeit die Haupteigenschaften, die die Projektkoordinatorin voraussetzt. Das hat auch Janine Schattling mittlerweile erkannt. "Ich bin jemand, der an die Hand genommen werden muss und einen Arschtritt braucht. Das alles habe ich hier gefunden".

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