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Der Prignitzer

20. November 2017 | 01:33 Uhr

Mit Muskeln, Musik und Grips

vom

svz.de von
erstellt am 27.Feb.2012 | 11:57 Uhr

Emily ist 13 Jahre alt, sieht ihre Eltern nur am Wochenende und wenn andere Kinder Ferien haben, fährt sie ins Trainingslager. Ihr Tag beginnt mit dem Rudertraining um 7.30 Uhr und endet um 20 Uhr nach der Hausaufgabenstunde im Internat. Aber das alles macht der Siebtklässlerin nichts aus. Denn sie will Wettbewerbe gewinnen. Emily Torge besucht eine der vier Sportschulen in Brandenburg, die aus den Kinder- und Jugendsportschulen der DDR hervorgegangen sind.


Dass Emily aus Lübbenau jetzt in Potsdam zur Schule geht, hat sie Manfred Hagelstein zu verdanken. Der Sichtungstrainer vom Landesruderverband zieht jedes Jahr durch die sechsten Klassen, um neue Talente zu finden. So stand er auch eines Tages in der Werner-Seelenbinder-Grundschule und nahm Emily und drei ihrer Mitschüler aus der Physikstunde heraus. Dabei war das Mädchen vorher noch nie gerudert. „Ruderer fangen meist erst mit zehn, zwölf Jahren an. Vorher haben sie gar nicht genug Kraft, um die Boote ins Wasser zu kriegen“, erklärt der 61-Jährige. Ihren Leistungshöhepunkt hätten die Sportler mit Anfang 20.
Emily war groß und sportlich und trainierte beim Schwimmverein PSV Lübbenau, außerdem war sie gut in der Schule und hatte Lust, etwas Neues auszuprobieren.


Das Aufnahmeverfahren läuft in drei Stufen ab. Bei einem sportlichen Test Anfang Dezember mussten die Kinder ihre Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit in Disziplinen wie Staffellauf, Dreierhopp, Sprint und Stangenklettern beweisen. Anfang Januar folgte dann die sportmedizinische Untersuchung mit Belastungs-EKG, Röntgen der Wirbelsäule sowie der Analyse von Blut- und Urinproben. Außerdem wurde errechnet, wie groß Emily später voraussichtlich wird: 1,85 Meter.


Nach zwei Wochen kam eine zweite sportliche Überprüfung, „zwei, drei Tage ohne Mutti und Papi“, wie Hagelstein es salopp formuliert. Beim Probetraining im Ruderkasten hat sie sich ins Rudern „verliebt“. Danach hatte das Mädchen leichten Muskelkater und musste nur noch das Gespräch mit einem Psychologen überstehen. „Da kamen Fragen wie ‚Wann willst du Weltmeister werden?‘ oder ‚Was machst du, wenn es mal schwer wird?‘“, erzählt die Schülerin.


Kurz darauf hatte sie als eine von 15 Nachwuchsruderern ihre Zusage in der Tasche und durfte in der letzten Sommerferien-Woche im Trainingscamp das erste Mal im Einer auf die Havel. „Mit reinfallen“, erinnert sie sich lachend. Ursprünglich hatten sich 55 Mädchen und Jungen beworben.
Jetzt hat sie mit weiteren Ruderern und Judoka gemeinsam Unterricht, in den anderen Klassen sitzen Leichtathleten, Schwimmer, Triathleten, Fünfkämpfer, Fußballerinnen, Handballer, Kanuten und Volleyballerinnen. „Es ist anstrengend, macht aber richtig Spaß“, sagt Emily. Das Training in den Ferien ist für sie kein Problem, und Heimweh kennt sie nicht. Ihr Wochenende verbringt sie manchmal sogar lieber mit Freunden als bei ihrer Familie in Lübbenau. Unterricht hat sie genauso viel wie andere Gymnasiasten und dazwischen, davor und danach noch Training. Im Frühjahr stehen ihre ersten Wettkämpfe an.
Neben den vier Sportschulen gibt es im Land noch zwei mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Spezialschulen wie das Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium in Frankfurt (Oder). Zur Eignungsfeststellung gehört dort ein Test zu kognitiven Fähigkeiten, Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer, Belastbarkeit, Selbstständigkeit, Methodenkompetenz und Sozialverhalten. Weil solche Spezialschulen mit zusätzlichen Lehrerstellen nicht mehr neu genehmigt werden, setzen andere Schulen fachliche Schwerpunkte auf Mathematik und Naturwissenschaften, richten musikbetonte Klassen ein oder geben zweisprachigen Unterricht.


Am Barnim-Gymnasium Bernau werden in den sogenannten MINT-Klassen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik verstärkt unterrichtet. Eine solch umfangreiche Aufnahmeprüfung wie am Gauß-Gymnasium gibt es dort allerdings nicht. „Dafür reicht die Zeit gar nicht“, erklärt Schulleiterin Renate Brandenburg. So muss das landesweit einheitliche Ü7-Verfahren mit einer Notensumme von höchstens sieben in den Fächern Mathematik, Deutsch und Englisch sowie die Grundschulempfehlung fürs Abitur ausreichen. Von allen Bewerbern sucht die Schule dann die Leistungsstärksten aus und fasst sie in einer der vier neuen siebten Klassen zusammen.

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