25 Jahre Mauerfall : Mit drei Bussen frech gen Westen

Noch ist es nicht so weit, aber Uwe Hülsebeck hat seine Nachfolge geregelt. Sein Sohn Kai-Uwe soll den Omnibusbetrieb aus Lenzen eines Tages übernehmen. Für das Foto posiert Kai-Uwe schon im modernen Bus, während sein Vater aus „Lottes“ Fenster schaut – ein alter Skodabus, mit dem sie 1989 nach Lüneburg fuhren.
Noch ist es nicht so weit, aber Uwe Hülsebeck hat seine Nachfolge geregelt. Sein Sohn Kai-Uwe soll den Omnibusbetrieb aus Lenzen eines Tages übernehmen. Für das Foto posiert Kai-Uwe schon im modernen Bus, während sein Vater aus „Lottes“ Fenster schaut – ein alter Skodabus, mit dem sie 1989 nach Lüneburg fuhren.

Uwe Hülsebeck fuhr ohne Auftrag und Genehmigung nach Lüneburg – Erinnerungen an bewegende Wochen im Herbst 1989.

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15. November 2014, 08:00 Uhr

Die unmittelbaren Tage nach dem Mauerfall 1989 boten eine gewisse rechtsfreie Zeit. Was darf sein, was nicht? Wer darf wie und wann in den Westen fahren, wer darf die Erlaubnis erteilen, wer nicht? Manche Menschen wählten den einfachsten Weg: Sie fragten nicht, sondern entschieden und handelten. Dazu gehört Uwe Hülsebeck aus Lenzen. Mit drei Bussen fuhr er nach Lüneburg – auf eigene Faust.

„Es waren beeindruckende Tage“, sagt Hülsebeck, dessen Omnibusbetrieb Skrzypczak & Hülsebeck 1952 gegründet wurde. Mit Sitz in unmittelbarer Nähe zur Grenze war der DDR-Alltag für ihn und seine Kollegen tagtäglich ein besonderer. Wo für den normalen Bürger längst Sperrgebiet war, durfte er passieren.

„Täglich fuhren wir ins Sperrgebiet, in Lütkenwisch sogar bis hoch zum Deich direkt an den Grenzzaun.“ Von dort konnten sie in die andere Hälfte des geteilten Heimatlandes schauen – mehr nicht. Und auch wenn ihre Gesichter bekannt waren, am Kontrollpunkt in Wentdorf mussten die Fahrgäste dennoch bei jedem Wetter aussteigen.

Erst als die Ausweise kontrolliert waren, ging es nach diesem Zwangsstopp weiter. „Ein Motorrad mit grün gekleideten Uniformen fuhr spätestens ab Bernheide hinter dem Bus in Richtung Lenzen hinterher und beobachtete die Ein- und Aussteigenden“, erinnert sich Hülsebeck. Den „grünen Punkt am Bus“ haben sie diese Männer scherzhaft genannt.

All das war nach dem 9. November Geschichte. Für Uwe Hülsebeck war bis dahin wie für so viele DDR-Bürger eine Grenzöffnung unvorstellbar. „Dann war es passiert und es fehlte die Zeit, sich daran zu gewöhnen. Spontanes Handeln war gefragt und wir mussten ständig neue Gegebenheiten und Vorschriften berücksichtigen.“


Keine Fahrt ohne Auftrag


Die Aufgaben für den Omnibusbetrieb waren vorgegeben, eigene Spielräume nicht vorgesehen. Fahrten im Auftrage des VEB Kraftverkehr wurden durchgeführt, dazu Linien- und Schülerverkehr, Arbeiter- und Berufsverkehr. „Für das VEB Wohnungsbaukombinat fuhren wir Bauarbeiter zu ihren Baustellen nach Schwerin oder Parchim“, nennt Hülsebeck eine weitere Aufgabe.

Auch Sonderfahrten gab es. Betriebsausflüge führten in den Harz, Wörlitzer Park, Spreewald, um nur einige Ziele zu nennen. Doch jede einzelne dieser Fahrten musste beim Reisebüro der DDR angemeldet sein. „Ohne Fahrauftrag des VEB Kraftverkehr ging es nicht los“, sagt er.

Doch nun lockte der Westen, die attraktive Stadt Lüneburg lag ja plötzlich sozusagen vor den Toren Lenzens. „Schon kurz nach der Grenzöffnung schrieben wir eine Fahrt nach Lüneburg aus.“ Das Interesse war, wen wundert’s, riesengroß. Es hagelte Anmeldungen, so dass am Ende drei Busse voll besetzt waren. Aber was war mit der Genehmigung? Die gab es nicht. Hülsebecks mussten selbst entscheiden, ob gefahren wird oder nicht. „Wir fuhren und ich traf damit eine eigenmächtige Entscheidung ohne Auftrag des VEB Kraftverkehrs.“

In Lüneburg wurden sie schon erwartet. Die drei Skodabusse fuhren fast im Schritttempo durch die Straßen, an denen Menschen standen und winkten. Parkplätze wurden ihnen zugewiesen und kaum waren die Motoren verstummt, wurden die unbekannten und seltsam anmutenden Busse bestaunt.

Tags darauf war in der Lüneburger Presse zu lesen: „Die private Konkurrenz des VEB Kraftverkehr Hagenow war schneller in Lüneburg: Eine Viertelstunde vor den fünf Bussen des volkseigenen Betriebes hielten Sonnabend Vormittag die drei rot weiß lackierten Fahrzeuge des privat geführten Busunternehmens Hülsebeck aus Lenzen (DDR) Am Sande.“

Heute sind Fahrten nach Lüneburg keine Besonderheit mehr, heute entscheidet der Betrieb, welches Ziel angeboten wird. Zu den wichtigsten Aufgaben gehört der ÖPNV.

Sechs moderne Linienbusse, davon zwei Sprinter, ein 4-Sterne-Reisebus und sogar noch ein „Historischer Skoda-Bus“ rollen über die Straßen. Neun Beschäftigte hat der Familienbetrieb, darunter fünf Stammfahrer.

„Gruppenreisen, Klassenfahrten, Vereinsreisen, bieten wir an.“ Beliebt sei der historische Skoda-Bus für private Feiern und sogar für Werbe- und Filmaufnahmen war die alte „Lotte“ gefragt, wie er liebevoll genannt wird.

Auch wenn der Markt schwieriger wird, blickt Uwe Hülsebeck optimistisch voraus: „Ich hoffe auf eine erfolgreiche Zukunft unseres Omnibusbetriebes, ganz besonders für meinen Nachfolger. Mein Sohn Kai-Uwe steht dafür bereit.“


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