Bauernprotest : Milchbauern bangen um Existenz

Stefan Schleiff (l.) hat als Milchbauer aufgegeben, Arnold Blum aus Glövzin will durchhalten. Er sieht sich als Idealist, aber sagt: „Idealismus macht keinen vollen Bauch.“
Stefan Schleiff (l.) hat als Milchbauer aufgegeben, Arnold Blum aus Glövzin will durchhalten. Er sieht sich als Idealist, aber sagt: „Idealismus macht keinen vollen Bauch.“

Literpreis fällt, Landwirte geben auf, fühlen sich von der Politik verraten

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19. August 2015, 08:00 Uhr

Eine Mengenregulierung durch die Milchquote gibt es seit April nicht mehr. Der Markt soll die Preise regulieren, doch die kennen seit Monaten nur eine Richtung: abwärts. Erste Forderungen nach Nothilfen für Milchbauern werden laut, kommende Woche soll es bundesweite und europäische Proteste geben. Über die aktuelle Situation spricht Redakteur Hanno Taufenbach mit dem Glövziner Milchbauern Arnold Blum und mit Stefan Schleiff aus Wutike, der seine Milchproduktion aufgegeben hat.

Welchen Preis erzielen Sie derzeit für einen Liter Milch?

Arnold Blum: 24 Cent Basispreis.

Wie hoch müsste der Preis sein, damit sich die Tierhaltung wirtschaftlich trägt?

Arnold Blum: Mindestens 46 Cent.

Offensichtlich kann man derzeit mit Milch kaum seinen Betrieb über Wasser halten, geschweige denn Geld verdienen. Beobachten Sie ein Sterben der Milchbauern?

Arnold Blum: Gewiss. Schauen wir nur auf meine direkte Umgebung. Schönfeld, Premslin, Karstädt, Postlin, Dallmin haben in den letzten Jahren aufgegeben. Mal waren es 60 Tiere, mal 120 Tiere pro Betrieb. In Schmolde gab es einst fünf Erzeuger, der letzte hat in diesem Jahr aufgehört. Das ist eine Tragödie.

Stefan Schleiff: Ich habe ja auch aufgegeben.

Was gab bei Ihnen den Ausschlag?

Stefan Schleiff: Verschiedene Faktoren kamen zusammen. Ich hätte in neue Technik investieren müssen, die Einführung des Mindestlohns, steigende Pachtpreise für Acker und Grünland. All das kann ich bei sinkenden Milchpreisen nicht bezahlen. Ich kann nicht umsonst arbeiten. Pro Kuh hätte ich im Jahr 1000 Euro verloren. Für meinen Betrieb wären das 250 000 Euro Verlust gewesen.

Können Sie das Herr Blum?

Arnold Blum: Nein, aber ich bin ein Idealist, doch die wird es eines Tages nicht mehr geben, denn Idealismus macht keinen vollen Bauch. Ökonomisch betrachtet, hat mein Kollege die richtige Entscheidung getroffen.

Fürchten Sie generell um die Existenz der deutschen Milchbauern?

Arnold Blum: Ja, Deutschland ist dabei, seine Bauern zu verlieren. Wir treten den Nachwuchs mit Füßen. Meine Töchter sagen, Landwirt ist ein schöner Beruf , aber Danke, wir haben kein Interesse.

Aber ich als Kunde bekomme überall Milch zu kaufen. Abgesehen vom persönlichen Schicksal des Betroffenen kann ich nicht erkennen, worin das Problem für die Gesellschaft liegt.

Arnold Blum: Der Staat hat die Pflicht, Rahmenbedingungen zu schaffen, so dass wir wirtschaften können. Wir sind an hohe Umweltstandards gebunden, müssen Produkte zu Weltmarktpreisen einkaufen, können aber selbst nicht unsere Kosten mit den Erlösen decken. Das ist ein Missverhältnis. In den letzten 20 Jahren haben bundesweit 120 000 Bauern die Milchproduktion eingestellt.

Stefan Schleiff: Geben die Bauern auf, brechen soziale Strukturen auf den Dörfern zusammen. Daran kann keine Gesellschaft, kein Staat Interesse haben.

Mit anderen Worten hoffen Sie genau wie die Braunkohle auf die Politik, um überleben zu können.

Arnold Blum: Mit einem Unterschied: Wir wollen keine Finanzhilfen.

Sondern?

Arnold Blum: Eine Mengenregulierung, um das Angebot der Nachfrage anzupassen. Die Steuerung muss von Brüssel aus für die gesamte EU koordiniert werden. Übersteigt das Angebot die Nachfrage muss ein Frühwarnsystem in mehreren Stufen greifen. Dazu gehören beispielsweise Strafabgaben von Landwirten die zu viel Milch erzeugen an Erzeuger, die sich marktgerecht verhalten und ihre Menge reduzieren.

Aber die gerade erst abgeschaffte Milchquote sollte doch den Markt regulieren. Tat sie das nicht?

Arnold Blum: Nein, denn politisch war festgelegt worden, dass die Quote jährlich leicht stieg. Wir hatten das abgelehnt. Das Ergebnis war eine Überproduktion.

Aber viele Milchbauern produzierten doch wissentlich über die Quote hinaus und zahlten dafür eine Strafe. Sind sie nicht selbst Schuld an diesem nahezu ständigem Überangebot?

Stefan Schleiff: Um am Markt bestehen zu können, sind Investitionen nötig, dazu braucht man Kredite. Die müssen abbezahlt werden. Mehr Tiere und mehr Milch können helfen, die Kosten der Betriebe zu senken. Diesen Weg sind viele von uns also zwangsweise gegangen. Sie müssen bedenken, dass trotz der sinkenden Erzeugeranzahl durch die bessere Effizienz mehr Milch auf dem Markt ist.

Und was die Strafabgabe betrifft: Das Verrechnungssystem war kompliziert, unter bestimmten Voraussetzungen war es von Vorteil, die Quote zu überschreiten.

Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?

Arnold Blum: Politik, Molkereien und der Einzelhandel haben kein Interesse, den Bauern steigende Milchpreise zu gewähren.

Was werden Sie machen?

Arnold Blum: Erste Proteste hat es in der vergangenen Woche gegeben. Am 24. August startet der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter eine Staffelfahrt durch Deutschland. Eine Route wird durch Brandenburg nach Berlin zur Bundesregierung führen. Im September sind Proteste in Brüssel geplant.

Danke für das Gespräch.

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