Mehr als nur ein Dach über dem Kopf

Dietra Schwarz (l.) und Petra Polzin freuen sich: Gerade ist eine Kleiderspende für die Obdachlosen eingegangen.  Petra Ferch
Dietra Schwarz (l.) und Petra Polzin freuen sich: Gerade ist eine Kleiderspende für die Obdachlosen eingegangen. Petra Ferch

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17. Januar 2013, 07:54 Uhr

GroSS Pankow | Die gemütliche Wohnküche im Obergeschoss lädt zum Platznehmen ein. Doch Hans (wir nenne ihn mal so) will sich nur schnell einen Kaffee kochen, während sein Zimmerpartner nebenan auf ihn wartet. Draußen schneit es und ist kalt, da bleibt man lieber in der warmen Stube. Und die liefert die Obdachlosenunterkunft der Awo-Arche Prignitz.

13 Plätze bietet das Wohnhaus in Groß Pankow. Derzeit haben sieben Personen, zumeist Männer, hier eine Bleibe gefunden. Sie kommen sowohl aus der Prignitz als auch aus dem Landkreis Ostprignitz-Ruppin, denn die Einrichtung wird von sieben Gemeinden bzw. Ämtern genutzt: Kyritz, Gumtow, Plattenburg, Groß Pankow, Putlitz-Berge, Meyenburg und Pritzwalk sind mit der Awo einen Trägerverbund eingegangen, "der wohl bundesweit einmalig ist", meint Dietra Schwarz, die die Obdachloseneinrichtung betreut, unterstützt von Petra Polzin.

Die Sozialarbeiterin weiß, wovon sie spricht, denn die Awo-Arche leistet viel mehr, als nur Obdachlosen eine Bleibe zu bieten. "Wenn Wohnungsräumungen anstehen, bekommen die Kommunen die Information vom Gerichtsvollzieher und teilen uns das umgehend mit, denn es besteht ja die Gefahr der Obdachlosigkeit. Deshalb werden wir sofort aktiv, versuchen dort, wo es möglich ist, die Räumung doch noch abzuwenden, beispielsweise bei schwer kranken Mietern oder Müttern mit Baby. Oder aber wir suchen nach anderem geeigneten Wohnraum. Kommt es zur Räumung, dann helfen wir dabei, dass die Räumungskosten nicht zu hoch ausfallen, denn die werden auf die Mietschulden mit aufgeschlagen", beschreibt Dietra Schwarz.

Doch damit endet die Unterstützung nicht. "Wir schauen, ob die Betroffenen wirklich das erhalten, was ihnen an Sozialleistungen zusteht, helfen bei der Antragstellung, denn jeder hat ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben", macht Dietra Schwarz deutlich.

Gründe für den gesellschaftlichen Absturz gebe es viele. Kündigung, Krankheit, der Verlust des Partners. Der Schmerz wird dann oft im Alkohol ertränkt, das löst eine Spirale aus, die immer tiefer führt. "Wer bei uns landet, ist ganz weit unten, aber auch unendlich dankbar, wenn ihm geholfen wird", erzählt Petra Polzin.

Zumeist seien es Männer, die mit ihrer Lebenssituation nicht klar kommen. "Es gab schon Fälle, da hatten die Personen überhaupt keine sozialen Kontakte mehr, suchten über Monate in Lauben Zuflucht, lebten von Lebensmittelresten aus Abfallbehältern, zogen Kleidung aus Sammelcontainern und erhielten durch uns erst einmal wieder gültige Papiere mit Leistungsbezug und entsprechenden Versicherungen", zählt Dietra Schwarz auf.

Sicher, das seien die absoluten Härtefälle, aber das soziale Problem nehme zu, die Zahl derer, die Hilfe brauchen, steige. Selbst in den Dörfern, in denen früher einer den anderen kannte, die Nachbarschaftshilfe funktionierte, "finden wir heute manchmal Menschen in völlig verwahrlosten Zuständen, um die sich niemand kümmert", gesteht Dietra Schwarz.

Doch die Hilfe der Awo-Arche beschränkt sich nicht nur auf solche Fälle. Die beiden Frauen engagieren sich auch darüber hinaus, vor allem für Familien, "denn die Kinder sind immer am meisten von der Armut betroffen", bringt es Dietra Schwarz auf den Punkt. So sammeln die beiden Frauen gerade zum Jahresende immer Spenden, um diesen Mädchen und Jungen eine Weihnachtsfreude zu machen. Und Dietra Schwarz erzählt von der Fehrbelliner Klasse, deren Schüler mit ihren Eltern seit vier Jahren liebevoll Päckchen packen für Kinder der verschiedensten Altersstufen. Das sind die schönen Momente für die beiden Sozialarbeiterinnen. Ebenso aber auch, wenn sie einen Menschen wieder auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben, in eine eigene Wohnung begleiten konnten, denn die Unterbringung in Groß Pankow ist ja kein Dauerzustand. "Trifft man ihn dann nach Jahren wieder und spürt, er hat seinen Alltag im Griff, ist das der schönste Dank", bekennt Petra Polzin. Oder aber, wenn dabei geholfen werden kann, dass jemand von seinem Berg an Miet- und Energieschulden wieder ’runterkommt. Oft kein leichtes Unterfangen. Und immer gelingt es auch nicht, wissen sie aus Erfahrung.

Man muss in diesem Bereich der Sozialarbeit eben auch mit Rückschlägen umgehen können. Doch beide Frauen wissen, dass sie gebraucht werden, und das, so sagen sie, sei Ansporn genug.

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