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Der Prignitzer

21. Oktober 2017 | 18:03 Uhr

Interview : Mehr als ein Schreibtischjob

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Dr. Jörg Marr ist gebürtiger Bayer und neuer Amtsarzt in der Prignitz. Die Sprechstunde soll wieder eingeführt werden.

von
erstellt am 11.Apr.2017 | 21:00 Uhr

Der Landkreis hat wieder einen Amtsarzt. Nachdem die Stelle monatelang unbesetzt war, kann sich der Kreis freuen, mit Dr. Jörg Marr (37) den jüngsten Amtsarzt Brandenburgs zu beschäftigen. „Prignitzer“- Redakteur Hanno Taufenbach sprach mit dem gebürtigen Bayern über falsch ausgefüllte Totenscheine, über Impfmuffel und über seine Liebe zum Norden.

Herr Marr, die Stelle eines Amtsarztes gilt in Ärztekreisen als wenig attraktiv, insbesondere unter jungen Kollegen. Sie haben sich explizit dafür entschieden. Warum?

Jörg Marr: Im Krankenhaus sah ich keine Perspektive, die mich wirklich reizte. Ganz anders der Amtsarzt. Im Krankenhaus oder als Praxisarzt behandeln sie im Normalfall stets Kranke. Ich kann schon an anderer Stelle ansetzen, präventiv wirken und Gesundheitsförderung betreiben, noch bevor eine Krankheit eintritt.

Aber als Amtsleiter sitzen Sie doch eher am Schreibtisch, als dass Sie Menschen behandeln oder aufklären.

Jörg Marr: Das Aufgabenfeld ist viel breiter und umfasst natürlich auch politische Aspekte. Aber ich kann in Teilen in meinem Fach bleiben und psychiatrisch arbeiten. Ich muss aber auch ein Netzwerk zu Kliniken und Praxisärzten aufbauen. Der Kinder- und Jugendbereich nimmt einen großen Raum ein. Sie sehen, es ist nicht der reine Schreibtischjob und kein Tag gleicht dem anderen. Nur die wichtigsten Aufgaben in geraffter Form meines Bereiches füllen zwei DIN-A4-Seiten.

Nennen Sie uns bitte Beispiele.

Die Überwachung des Trinkwassers und der Wasserwerke, die Kontrolle der Badegewässer und Schwimmbäder, Hygienekontrollen unter anderem in Pflegeeinrichtungen und Kitas, aber auch Sportplätze überprüfen wir. All das dient dem Infektionsschutz und gehört zu unserem Tagesgeschäft.

Mit dem Sachbereich Katastrophenschutz aktualisieren wir Seuchenpläne. Wir erfassen meldepflichtige Erkrankungen, über die uns Labore, Kliniken oder Ärzte informieren und melden diese Zahlen weiter. Bei manchen Krankheiten wie Hepatitis, Salmonellen oder Meningitis müssen wir aktiv werden. Wir ermitteln Kontaktpersonen, suchen die Ursache der Infektion, bieten Schutzimpfungen.

Stichwort impfen. Was ist aus der Sprechstunde geworden?

Die bieten wir aktuell nicht an, wollen sie mittelfristig aber wieder einführen.

Es wird viel über die impffaulen Deutschen geschrieben und gesprochen. Wie beurteilen Sie das?

Impfmüdigkeit kenne ich eher aus den Großstädten, hier auf dem Land haben wir gute Impfraten. Ich habe aber kürzlich auf der Amtsärzteberatung gehört, dass in einigen Bereichen in unserem Bundesland die Impfraten tatsächlich nicht gut sind, insbesondere auch unter medizinischem Fachpersonal.

Welche Leistungen bieten Sie konkret für Bürger an?

Zum Beispiel die anonyme Aids-Beratung und den HIV-Test. Wenn Mieter einen Schimmelbefall in ihrer Wohnung vermuten, können sie sich an uns wenden, wir können dazu eine Stellungnahme geben. Wir beraten und klären auf zum Thema Eichenprozessionsspinner. Wir bewerten die Dienstfähigkeit von Beamten, verfassen amtsärztliche Gutachten, zum Beispiel ergänzend zu einem Kurantrag. Wir beraten suchtkranke Menschen, helfen bei psychischen und seelischen Problemen, führen präventiv die Untersuchungen aller Kinder zwischen dem 30. und 42. Lebensmonat durch. Auch die Schuleingangs- und -abgangsuntersuchungen fallen in unseren Aufgabenbereich genau wie die zahnärztlichen Untersuchungen bis zum 16. Lebensjahr.

Sie haben aber nicht nur mit den Lebenden zu tun, sondern auch mit den Toten. Was sind Ihre Aufgaben in diesem Bereich?

Alle Totenscheine gehen über meinen Tisch. Das sind pro Jahr etwa 1200. Ich prüfe sie auf Vollständigkeit und Plausibilität.

Haben Sie häufiger Beanstandungen?

Ja, das kommt vor, dann schicken wir sie zurück. Der Totenschein gilt als Urkunde, muss 30 Jahre lang aufbewahrt werden. Oft werden Fehler aus Unkenntnis gemacht. Gemeinsam mit dem Kreiskrankenhaus und Rechtsmedizinern werde ich dazu in Kürze eine Fortbildung durchführen.

Wie verhält es sich mit der Leichenschau?

Per Gesetz sind wir für die zweite Leichenschau zuständig. In der Praxis betrifft das alle Verstorbenen vor ihrer Einäscherung. Im Krematorium Perleberg sind das etwa 6000 Einäscherungen pro Jahr. Das können wir personell nicht leisten und arbeiten seit Jahren vertraglich mit der Berliner Charité zusammen. Deren Rechtsmediziner nehmen diese Aufgabe wahr und sind auf diesem Gebiet Spezialisten.

Wir haben viel über Ihr Aufgabengebiet erfahren. Verraten Sie uns jetzt bitte noch, warum ein Bayer in die Prignitz kommt.

Ich bin in Franken aufgewachsen, habe aber in Halle studiert. Das ist schon mal die halbe Strecke. Nach dem Studium arbeitete ich an den Helios-Kliniken in Schwerin, absolvierte dort auch einen wesentlichen Teil meiner Facharztausbildung.

Dann ist die Prignitz sogar schon wieder ein Stück in Richtung Heimat.

Könnte man so sagen, aber meine Frau und ich haben uns in ein Haus in der Prignitz verliebt. Mein ständiges Pendeln nach Schwerin hat uns nicht gefallen. Außerdem hatte ich zwischenzeitlich bereits im Kreiskrankenhaus in Perleberg gearbeitet, war dort auch die vergangenen drei Jahre tätig. Ich kannte jetzt also die Region.

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