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Lübzower Schweiz : Massentierhaltung gehört nicht in die Prignitz

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Wenige Antworten, aber ein Schlagabtausch der Argumente

von
erstellt am 15.Aug.2014 | 12:00 Uhr

Mittwochabend Hotel Stadt Magdeburg: Die Stühle im Saal reichen nicht, das Interesse ist groß. „Keine weitere Tierfabrik in der Lübzower Schweiz“ – die Bürgerinitiative hat eingeladen zur Info-Veranstaltung. Ziel: Antworten zu erhalten, zu hinterfragen, welche Konsequenz eine Erweiterung der Schweinemastanlage für Umwelt und Natur in einem Naturschutzgebiet haben.

Die Angst, an Lebensqualität zu verlieren, ist unverkennbar. Antworten gibt es wenige. Vertreter beider Lager, Befürworter und Gegner, liefern sich einen Schlagabtausch an Argumenten – emotionsgeladen und doch relativ sachlich.

Der Lübzower Landwirt Bernd Cord-Kruse plant, den Familienbetrieb um drei Ställe mit je 1536 Aufzuchtplätzen zu erweitern. Dafür werden zwei alte Ställe abgerissen und der Eberstall aus der Produktion genommen. Damit sind es 768 Plätze weniger in direkter Dorfnähe.


Experte Niemann: Anlage ist chancenlos


Eckehard Niemann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, den die BI als Experten eingeladen hat, bringt es auf den Punkt: „Wenn die Stadt es will, hat die Anlage keine Chance.“ Und er, der von sich sagt, dass er 200 BI koordiniere, gibt sich zuversichtlich. So zweifelt er das Vorhandensein der Futtergrundlage für diese Größenordnung an, führt das Abholzen von Wald an, stellt ausreichend Brandschutz in Frage. Das Vorhaben ist zum Scheitern verurteilt, so Niemann, wenn die Stadt keinen Bebauungsplan aufstellt.

Doch die Stadt ist nicht die Genehmigungsbehörde, sondern das Landesumweltamt, erklärt Bürgermeister Fred Fischer. Im Rahmen der Träger öffentlicher Belange habe die Stadt auf das Problem des Transportes hingewiesen.

Doch allein auf jenes will die BI das Thema nicht reduzieren und wartet mit Zahlen und Fakten hinsichtlich Verkehr, Belastung für Straßen und Häuser auf. Trotz offensichtlich einiger Ungereimheiten betreffs Tonnage und Achslast für den Weg zwischen Spiegelhagen und Lübzow, der mit 44 Tonnen für den landwirtschaftlichen Verkehr ausgelegt ist, müsse unter Umständen eine Lösung hinsichtlich Begegnungsverkehr gefunden werden, räumt Bauamtsleiter Hagen Boddin ein. Er unterstreicht zugleich, dass der Landwirt umfangreiche Genehmigungsunterlagen erarbeiten lassen hat, ein Bauingenieurbüro zu den Fachproblemen beauftragte.


Bauernverband gibt Rückendeckung


Dennoch, so Eckehard Niemand, Massentierhaltung bleibe ein Risiko für Umwelt und Menschen. Hier schaffe man zudem einen Erweiterungsbau, der schon jetzt nicht mehr zeitgemäß sei, denn die EU-Kriterien fordern bereits Strohhaltung, die Deutschland derzeit noch mit Ausnahmeregelungen umgehe.

Dr. Jürgen Rogge aus Lübzow führt ins Gefecht, dass die gesundheitlichen Auswirkungen nicht unerheblich, unter anderem neurologische Erkrankungen in Gegenden mit Massentierhaltung höher als anderswo seien. Und er betont, dass die BI verschiedene Aussagen der Umweltverträglichkeitsstudie in Frage stelle.

Rückendeckung für den Lübzower Landwirt kommt vom Kreisbauernverband. Dessen Vorsitzender Lothar Pawlowski sagt: Nur mit einer Veredlung könne man noch Geld verdienen und Leute beschäftigen. Die Praxis zeige, dass dies leichter gelinge, wenn der Betrieb eine gewisse Größe habe. Bundesweit hätten 22 000 zumeist kleinere Betriebe die Veredlung eingestellt, weil sie es auf Dauer aus eigener Kraft nicht schaffen, sich aber auch keine Angestellten leisten können. Niemann hält dagegen: Es sei das Überangebot an veredelten Produkten, darum haben sie aufgegeben.

Reinhard Jung, Geschäftsführer Bauernbund Brandenburg, vertritt die bäuerlichen Familienbetriebe. Er sagt, dass man sich nicht begeistern könne für die teilweise überdimensionierten Tierproduktionsanlagen. Man verstehe nicht, weshalb Stallbauvorhaben „von einer Größenordnung, für die eine Umweltverträglichkeitsprüfung und Emmissionsgutachten zwingend vorgeschrieben sind, baurechtlich privilegiert werden müssen“.

Vielmehr sollten sie ganz normal über die Flächennutzungspläne der Gemeinde entschieden werden. Damit hätten Dorfbewohner ein Mitspracherecht. Zugleich sagt er jedoch: Man wehre sich aber gegen die „immer umfangreichere Bevormundung der Tierhalter durch Leute, die nichts von Tierhaltung verstehen“. Und auch das ist von ihm zu hören: „… bei allem Verständnis für vieles, was du (gemeint ist Eckehard Niemann) hier gesagt hast: Ich möchte die teilweise veganen und tierschutzmilitanten Truppenteile, mit denen du gegen die Agrarindustrie marschierst, bei mir nicht auf dem Hof haben.“ An den Lübzower Landwirt gewandt, verhehlt er nicht, dass er wenig Lust verspüre, die Freiheit der Landwirtschaft an einem Projekt zu verteidigen, „das wir für Größenwahnsinn halten“.

Thomas Brandt, Bürgermeister der benachbarten Gemeinde Groß Pankow, betont, dass einzig der demografische Faktor ausschlaggebend für den Gebäudeindex ist und entkräftet die langläufige Meinung vom Wertverlust von Häusern durch derartige Anlagen. Ebenso, dass die Feuerwehr bei dem zu erwartenden Verkehr Schwierigkeiten habe, Lübzow rechtzeitig zu erreichen.

Die Verbindung über Spiegelhagen konnte erst mit Fördermittel des ländlichen Wegebaus geschaffen werden. Voraussetzung dafür war, dass ein Landwirt ansässig ist, was der Bauamtsleiter bestätigt.

Dr. Schulz, Geschäftsführer der Grünen Kreistagsfraktion Ludwigslust-Parchim, berichtet vom erfolgreichen Kampf der Dargelützer BI gegen eine Schweinemastanlage für 15 500 Tiere und bietet der Lübzower BI Hilfe an.

Frank Edenharter aus Lübzow erwähnt zwei kleine Seen in Stallnähe , einer davon übelriechend. Bernd Lindow, Leiter der unteren Wasserbehörde des Landkreises, die bereits eine Beprobung vorgenommen hat, klärt auf: Es ist der Versuch einer Versickeranlage, „gut gemeint, aber schlecht gemacht“, denn Regenwasser vom Dach mischt sich mit dem der Vorwartefläche vor den Silos.

Auch wenn es sich um eine biologisch abbaubare Masse handle, dürfe sie so nicht versickert werden. Der Landwirt kam umgehend der Anforderung nach, das Wasser abzupumpen. Der verunreinigte Boden werde herausgenommen, beprobt und ein Gutachter beauftragt. „Alles hat er sofort übernommen“, so Lindow.


Keine Gefahr für das Grundwasser


Der zweite See sei ein bauliches Versäumnis, das in die Reihe zu bringen ist. Das Wasser könne problemlos versickert werden. Eine Gefahr für das Grundwasser schließt Lindow aus. Zwar soll es aus einem Brunnen im Dorf übel riechen, aber hier sollte man die eigene Hauskläranlage prüfen, rät Lindow.

Matthias Sommer, er engagiert sich bei den Grünen in Perleberg, fragt nach der Möglichkeit, sich an Ort und Stelle ein Bild zu machen. Bernd Cord-Kruse, der samt Familie an der Veranstaltung teilnimmt, antwortet: „Unsere Ställe sind immer offen.“ Man habe nichts zu verbergen, aber es kann auch keinen Stalltourismus geben. Denn hier herrschen strenge Hygienebestimmungen, äußert er gegenüber dem „Prignitzer“.


Resümee: keine Massentierhaltung


Diana Bahlke, eine der drei Sprecherinnen der BI, fasst zusammen: Das Ziel sei erreicht, wenngleich nicht alle Fragen geklärt seien. Man habe keineswegs was gegen den Landwirt und seine Familie, achte ihn als engagiertes Mitglied der Dorfgemeinschaft, betont sie, wie etliche Vorredner. Dann macht sie die Forderungen der BI auf: transparente Genehmigungspraxis, unabhängige Gutachten im Genehmigungsverfahren, öffentliche Bürgerbeteiligung, Transparenz der Betreiberstruktur, wirksame Kontrollen der Agrarindustrieanlagen… Ihr Resümee: „Massentierhaltung gehört nicht in die Prignitz“.

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