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Margit Preiss: Mit jedem Tier stirbt auch ein Stück von mir

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erstellt am 19.Apr.2012 | 10:43 Uhr

Kolrep | Fünf Jahre standen die Ponys Susi und ihr Sohn in einem winzigen Stall bei Bernburg in Sachsen-Anhalt , ohne auch nur einmal an der frischen Luft gewesen zu sein. Fünf lange Jahre hat der Besitzer den Stall nie ausgemistet, geschweige denn einen Hufschmied gerufen. Seit Oktober 2011 leben die beiden Ponys bei Margit Preiss auf dem Gnadenhof "Tapsi" in Kolrep bei Gumtow. Er ist der einzige in der Prignitz.

Erfährt Margit Preiss von Schicksalen wie das der Ponys, überkommt sie Wut. "Das ist Tierquälerei hoch drei, das ist einfach nur abartig", macht sie ihrem Ärger über solche Menschen Luft. Hier in Kolrep lernen die Paarhufer erst einmal das Leben kennen.

Allein 28 Katzen, neun Hunde, zwei Esel, zwei Rinder und vier Ponys haben in ihrer Obhut ein neues Zuhause gefunden - für die meisten ist es die letzte Station. Keines von ihnen hatte eine gute Kinderstube und ist in normalen Verhältnissen aufgewachsen. "Es sind abgearbeitete Tiere und solche, die durch viele Hände gegangen sind und dadurch Schaden genommen haben." Die 58-Jährige lässt den Blick über den Hof schweifen.

Auf dem Hof sperren Zäune die Verschläge für die Hunde voneinander ab. Sie bellen unentwegt ob des Besuchs eines Fremden. Straßenlärm dringt ans Ohr. Es riecht nach Tierfutter und nach Tierkot. An der Hausseite sind Käfige aus Maschendraht angebracht, alle Fenster sind vergittert. Hier und im Haus leben fast ausschließlich nierenkranke Katzen zusammen mit neun Hunden. "Niereninsuffizienz ist eine weit verbreitete Krankheit bei den Tieren. Die Behandlung ist teuer", sagt die Tierschützerin. Ein Grund für die zahlreichen verwaisten Katzen.

Auf dem Gnadenhof wirkt alles sehr provisorisch. Hier mangelt es zwar an Geld, nicht aber an Liebe und Fürsorge, die Margit Preiss rund um die Uhr aufbringt. "Einige Mitstreiter haben das Handtuch geworfen, als sie gemerkt haben, wie viel Arbeit es macht." Jetzt ist die Einzelkämpferin und seit drei Jahren berentet. Der Verein Gnadenhof Tapsi ist auf Spenden angewiesen. "Ohne wäre meine Existenz gefährdet." Und die der Tiere.

Gerade erst ereilte sie eine neue Hiobsbotschaft. Die beiden schottischen Highlandrinder müssen vielleicht eingeschläfert werden. Es sind imposante Tiere mit zotteligem Fell und beeindruckenden Hörnern. "Seit einer misslungenen Impfung sind sie nicht mehr zu bändigen." Wer sich nähert, tut das auf eigene Gefahr. Noch vor einiger Zeit war zu befürchten, dass sie ihre letzte Gnade finden würden. Doch der Tierarzt konnte die chronische Klauenkrankheit eines der Rinder behandeln. "Im Moment haben wir es ganz gut im Griff", sagt Margit Preiss erleichtert.

Traurig ist auch das Schicksal von Hund Bobo. Er ist zwar der lauteste auf dem Hof, läuft in seinem Gehege permanent auf und ab, tut aber keiner Fliege etwas zu Leide. Er hatte mehrere Besitzer, sollte zum Schäferhütehund ausgebildet werden, was aber misslang. Trauriger Höhepunkt seines Lebens war der Unfall mit einem Pkw. Der fuhr über sein linkes Hinterbein. Der Besitzer hat die Wunde nicht ordnungsgemäß behandeln lassen. "Er hat schon eine leichte Arthrose. Ich mache mir Sorgen um seine Zukunft", sagt sie bekümmert. Psychisch ist Bobo gesund.

Mit Tieren ist die Berlinerin praktisch groß geworden. "Mein Opa hatte einen Bauernhof, da war ich ganz oft und habe viel gelernt." Bevor sich der Berliner Verein entschied in der Peripherie Brandenburgs einen Gnadenhof zu eröffnen, kümmerte sie sich im Verein um verwaiste Katzen und ließ sie kastrieren. Für den Umzug jenseits von Großstadtlärm und Dreck entschieden sich die Tierfreunde bewusst. Margit Preiss kaufte das Grundstück mit den Ställen und begann zunächst Tiere zu vermitteln. Anfangs versorgte sie bis zu 50 Katzen und 18 Hunde. "Die Vermittlung lief nicht mehr so gut, ich habe dann einen Gnadenhof daraus gemacht". Auch, weil sie immer mehr nicht vermittelbare Tiere annahm.

Bereits vor acht Jahren setzte sie einen Schlussstrich. Seitdem nimmt sie keine neuen Tiere mehr auf. Ihre Adresse steht nicht im Telefonbuch, der Gnadenhof hat auch keine eigene Homepage. Der Gnadenhof spricht sich auch so herum. Die Kapazitäten jedoch sind erschöpft. Die Tierarztkosten belaufen sich im Jahr auf durchschnittlich 3000 Euro. Hinzu kommt das Spezialfutter für die kranken Tiere, das es nicht in jedem Supermarkt gibt. Laufen dann noch nicht kalkulierte Kosten auf, wird es eng.

Würde sie dieses Leben eintauschen wollen? Nein, bekräftigt sie. Aber sie würde es nicht noch einmal in diesem Umfang führen wollen. Denn wer nahezu täglich mit der Schattenseite konfrontiert wird, lernt auch eine Menge über Menschen: "Ich bin ihnen gegenüber sehr skeptisch geworden. Das Elend, das ich bislang gesehen habe, hat mich unheimlich geprägt", sagt sie.

Ganz schwarz malen will sie das Leben aber nicht. Sie erfahre dennoch Unterstützung - besonders zu Weihnachten lassen Bekannte den einen oder anderen Euro da. Dankbar ist sie auch über die gute Zusammenarbeit mit den Tierärzten, von denen sie viel lerne. "Sie kommen mir mit den Kosten entgegen." Auf Spenden ist sie dennoch mehr denn je angewiesen und bittet um Unterstützung: Empfänger: Gnadenhof Tapsi e. V., Kto.-Nr.: 1521007779, BLZ: 16050202, Sparkasse OPR.

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