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Der Prignitzer

12. Dezember 2017 | 07:43 Uhr

Manipulierte Knollen sind freigegeben

vom

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erstellt am 17.Mai.2010 | 11:01 Uhr

Prignitz | Die ersten Kartoffeln sind gepflanzt. Mit Genehmigung aus Brüssel kann seit diesem Frühjahr auch die gentechnisch veränderte Sorte Amflora angebaut werden. 13 Jahre dauerte das umstrittene Zulassungsverfahren. Der Chemiekonzern BASF als Antragsteller sieht einen großen Bedarf in der Industrie, enthält doch Amflora ausschließlich Amylopektin - die Stärkeart, die bei der Produktion von Papier, Textilien oder Klebstoff benötigt wird. Aufwändige Verfahren zur Abtrennung von Amylose, der zweiten Stärkeart, entfallen.
"Wir sind als Verband prinzipiell gegen den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen und lehnen damit auch den Anbau der Amflora ab, zumal sie keine Vorteile bringt, die sie unbedingt notwendig macht. Das bekommt man auch mit normaler Pflanzenzüchtung hin", stellt Karsten Jennerjahn, Präsident des Bauernbundes Brandenburg, klar. "Zum anderen würde unser Status als gentechnikfreie Region in Frage gestellt", so der Landwirt aus Groß Welle.
Zugleich befürchtet er, dass die Amflora-Zulassung Teil einer "Salamitaktik" zur Genehmigung weiterer gentechnisch veränderter Pflanzen sei und langfristig zu Abhängigkeiten der Landwirtschaft von der Industrie führe. "Im Berufsstand herrscht eine gewisse Skepsis gegenüber der grünen Gentechnik. Es gibt Gegner und Befürworter. Am Ende entscheidet jeder selbst. Wir haben jeden Landwirt darauf hingewiesen, den Haftungsaspekt für mögliche Folgen des Anbaus nicht außer Acht zu lassen", macht Christina Stettin, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbands Prignitz, deutlich.
"Für uns kommt ein Anbau von Amflora nicht in Frage, der Markt gibt einen Bedarf überhaupt nicht her. Auch würden wir damit das Image unseres Hofladens schädigen", sagt Ulrich Jura, Leiter Feldbau in Quitzow. Die Agrargenossenschaft bestellt gemeinsam mit Baek und Gulow jährlich gut 200 Hektar für den Vermehrungsanbau konventioneller Stärkekartoffeln. In den Startlöchern für die Amflora-Pflanzung sitzt dagegen Landwirt Frank Schmidt im Nachbarort Sükow. Er wartet bereits seit mehreren Jahren auf die amtliche Zulassung der gentechnisch veränderten Kartoffel. "Wir denken an einen Anbau auf 80 Hektar und werden in die Pflanzgutvermehrung einsteigen". Auf den Hinweis, dass mit dem Verfüttern von Amflora-Pülpe an Tiere die Nahrungskette zum Menschen doch indirekt geschlossen werde, meint der Sükower: "Ich sehe da keine Bedenken. Was wir an Nahrungsmitteln aus dem Ausland importieren, da fragt kein Mensch nach Gentechnik oder gentechnikfrei, das ist alles legal, nur wir in Deutschland machen ein Fass auf, das ist irgendwo totaler Schwachsinn."
Umweltschützer befürchten die Ausbreitung der Gene auf benachbarte Äcker. "Das in Amflora steckende Marker-Gen für Antibiotikaresistenz könnte zur Verbreitung solcher Widerstandsfähigkeiten gegenüber äußeren Einflüssen führen", heißt es. Die Kartoffel enthält nämlich ein Gen, das Bakterien gegen zwei Antibiotika resistent macht. "Ob Amflora in großem Maße in Deutschland, und damit auch in der Prignitz, angebaut wird, steht mit mindestens drei großen Fragezeichen, denn ich sehe aktuell keine Stärkefabrik, die diese Kartoffel verarbeitet", meint Hartmut Lossin, Vorsitzender der Prignitzer Erzeugergemeinschaft Stärkekartoffeln. "Alle Fabriken, die in irgendeiner Art und Weise Lebensmittelstärke produzieren, können keine Amflora mitverarbeiten."
Hinzu komme, so der Landwirt weiter, dass Amflora keine neue Sorte, sondern 14 Jahre alt ist und demzufolge von der Ertragsfähigkeit nicht mehr auf dem neuesten Stand sei. "Daher stellt sich die Frage, ob sie für die Landwirtschaft interessant ist, denn der Anbau muss sich ja auch irgendwie lohnen."
"Wenn wir überhaupt von einer Fa brikverarbeitung sprechen, reden wir gegenwärtig vielleicht von 1000 bis 2000 Tonnen. Das ist ein halber Tag in solch einer Anlage wie Dallmin. Es hat keiner die Kartoffeln, um eine Fabrik eine oder zwei Wochen oder gar einen Monat auszulasten", meint Peter Minow, Leiter der Avebe-Stärkefabriken Dallmin und Lüchow.

Sein Kenntnisstand sei, dass in Deutschland geerntete Amflora-Kartoffeln in einer kleinen Stärkefabrik in Tschechien oder der Slowakai für die industrielle Anwendung verarbeitet werden sollen.

"Wir haben mit der konventionell gezüchteten Eliane das Gegenstück zur Amflora, sie ist all die Jahre weiter ausgebaut worden, das reicht uns an Amylopektinstärke erst mal aus. Und da die Amflora-Zulassung nur für Nonfood gilt, wir in Dallmin und Lüchow 100 Prozent Food-Stärke produzieren, ist eine Amflora-Verarbeitung aus heutiger Sicht für uns absolut kein Thema", stellt Minow klar. "Wir wissen, wo wir stehen, sind bei Eliane bei 85 Prozent Feldleistung und streben 100 Prozent an." Doch müsse man akzeptieren, dass mit der EU-Zulassung eine rechtliche Basis für den Amflora-Anbau besteht.
Wie Avebe suchte die Emsland-Stärke-Group in den Jahren des Amflora-Zulassungshickhacks nach einer alternativen Amylopektinkartoffel durch klassische Züchtung. Erste kommerzielle Verarbeitungen dieser GMO-freien Kartoffel fanden im vergangenen Herbst in Cloppenburg und Kyritz statt. Ursprünglich wollte das Unternehmen mit der EU-Zulassung jetzt auch Amflora anpflanzen lassen, hat aber die Meinung geändert. "Die Konsequenzen wären zu groß", hieß es.
Was Hartmut Lossin bei allem Pro und Kontra sehr begrüßt: Mit der Zulassung der gentechnisch veränderte Kartoffel sei nach 14 Jahren endlich die Tür aufgemacht worden für wirklich Neues. "Amflora selbst ist nichts Innovatives, sondern ein alter Hut. Innovativ ist, dass BASF auch gegen Krautfäule resistente Kartoffelsorten gezüchtet hat, das würde uns als Kartoffelanbauer einen weiten Schritt nach vorn bringen. Wir hoffen daher, dass sich die EU in den nächsten Jahren nicht mehr ganz so schwer tun wird, solche Sorten zuzulassen", meint der Vorsitzende der Erzeugergemeinschaft.

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