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Der Prignitzer

22. September 2017 | 15:31 Uhr

„Mahlzeit“ – Stadt plant Broschüre

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Perleberger Beitrag zum europäischen Kulturerbe / Gefragt sind persönliche Geschichten rund ums Thema Essen

von
erstellt am 22.Feb.2017 | 11:11 Uhr

Im nächsten Jahr wird dem europäischen Kulturerbe besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Da passt das Thema Essen, genauer gesagt Essen als Kulturgut, sagte sich Martina Hennies vom Kulturamt. Wie ihre Idee nun Gestalt annehmen soll, darüber sprach Redakteurin Doris Ritzka mit ihr.


Kulturgut Essen, das klingt groß und irgendwie elitär.
Martina Hennies: Ist es aber nicht, denn essen müssen wir alle. Jeder aber hat seine Erfahrungen mit dem Essen gemacht, weiß hundertprozentig Geschichten zu erzählen, die sich um dieses Thema ranken. Und genau, um diese persönliche Sicht soll es gehen.
Worin denn?
Wir als Kulturamt haben die Absicht, die Geschichten in einer Sammlung „Mahlzeit!“ zusammenzufassen.
Kochbücher gibt es nun aber schon en gros – von Omas Zeiten bis zur modernen gesunden, kalorienbewussten Küche. Noch ein Kochbuch mehr?
Eben das soll es nicht werden. Vielmehr sollen Geschichten rund ums Essen erzählt werden. Und da hat gewiss jeder seine individuellen Erlebnisse – die Jugend ganz andere als die Älteren. Die Zeitumstände, Status und gesellschaftliche Gegebenheiten haben das Essen geprägt, bestimmt und verändert. Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden sich deutlich voneinander. Das Winterhalbjahr war früher eine Zeit des deftigen Essens. Die Winterarbeit, bevor es Maschinen gab, und die Kälte forderten Energie. Und es gab nur das zu essen, was man bevorratet hatte. Kartoffeln und Kohl wurden eingelagert, Obst eingeweckt oder gedörrt, es wurde geschlachtet.

Angesichts voller Supermarktregale, gefüllter Tiefkühltruhen und zu jeder Jahreszeit ein breites Angebot an Obst und Gemüse heute kaum vorstellbar, wie es ohne Globalisierung war, jedenfalls für die Jugend.
Zumindest kennt sie es nur vom Hörensagen. Ein Grund mehr, die Geschichte des Essens lebendig werden zu lassen und festzuhalten, was der Einzelne mit dem Thema verbindet. Die mühevolle Beschaffung der Nahrung, Hunger in Kriegs- und Nachkriegszeiten oder ein Lieblingsessen nach Großmutters Rezept. Wir laden alle ein, ihre Geschichten aufzuschreiben, um in Zeiten von Überfluss und Diäten der heranwachsenden Generation auch zu vermitteln, dass genügend Essen nicht selbstverständlich ist. Auch das sollten wir uns immer mal wieder vor Augen führen, wenn Dinge in den Abfall wandern, weil man einfach zu viel eingekauft hat oder die Augen größer waren als der Magen.
Auf einen kurzen Nenner gebraucht: Mit Essen spielt man nicht?
Der Spruch „auf der Zunge zergehen lassen“ gefällt mir besser. Doch uns geht es nicht um den erhobenen Zeigefinger, sondern vielmehr darum zu zeigen, dass ein Kulturgut gehegt, gepflegt und bewahrt werden soll. Und Essen hat nicht nur was mit Kultur zu tun, Essen ist ein Kulturgut, das eben auch Veränderungen unterliegt.
Früher entweder recht spartanisch bzw. in höheren Kreisen elitär und heute…?
Uns fehlt es eigentlich an nichts. Das heißt aber auch nicht, dass nicht viele schauen müssen, was der Geldbeutel hergibt. Doch Schrebergärten, die ursprünglich für den Anbau von Obst und Gemüse für den Eigenbedarf und weniger für Blumen und Wiese gedacht waren, werden immer weniger. Statt einzukochen wird geschaut, was die Gefriertruhe hergibt, wenn unverhofft Gäste kommen. Schnelle Gerichte stehen zumeist in Gaststätten auf der Speisekarte, die inzwischen auch in Perleberg ganz international geworden ist.
Spielt Bevorratung heute überhaupt noch eine Rolle? Was ich nicht im Hause habe, wird per App bestellt.
Die Frage kann vielleicht die Jugend am ehestens beantworten. Und mit Sicherheit gibt es auch hier Erzählenswertes. Umgekehrt, wer kennt von unseren Kindern noch Abo-Essen, weiß, was in Perleberger Gaststätten einst auf der Speisekarte stand bzw., dass es mit Ranzen und Brottasche in die Schule ging. Oder wie war es, wenn sich die ganze Familie zum Essen am Tisch versammelte, was wurde aufgetischt, worüber unterhielt man sich? Was steckte im Nikolausstiefel?

Krieg und Not machten erfinderisch, auch was das Essen betraf. Die DDR-Zeit, in der niemand hungern musste, soll ebenso widergespiegelt werden: Himbeersirup mit Wasser, Brot, das auch an die Tiere verfüttert wurde, denn Getreide war teuer und privat nicht zu bekommen, das Glücksgefühl vor Weihnachten eine Tüte Apfelsinen pro Familie erstanden zu haben oder wenn frisches Gemüse im Frühjahr wieder in die HO- und Konsum-Läden kam. Was aß man früher, welche Früchte kannte man noch nicht? Wer drüber nachdenkt, wird feststellen, Essen ist ein Kulturgut, über das man unbedingt mehr erzählen muss.
Und wem kann er das erzählen bzw. an wen senden, was er dazu zu Papier gebracht hat?
An die Stadtinformation Perleberg, Großer Markt 12, in 19348 Perleberg oder an die Stadt Perleberg, Martina Hennies, m.hennies@stadt-perleberg.de. Und alles sollte einen Bezug zu Perleberg haben, wollen wir doch als Stadt mit unserem Kulturgut Essen unseren ureigensten Beitrag, und sei er noch so klein, zum europäischen Kulturerbe leisten.



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