Männer, die der Krieg im Frieden tötete

<strong>Das Foto,</strong> eine Reproduktion des Originals aus dem Jahre 1953, zeigt den Gedenkstein.<foto>privat</foto>
Das Foto, eine Reproduktion des Originals aus dem Jahre 1953, zeigt den Gedenkstein.privat

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18. Januar 2013, 06:54 Uhr

Perleberg | Post aus Leonberg erreichte dieser Tage die Redaktion des "Prignitzers". Ursula und Fritz Schuster steht auf dem Absender. Das multimediale Zeitalter macht es möglich, schnell fanden wir auch die dazu gehörige Telefonnummer, konnten wir uns mit Fritz Schuster selbst unterhalten. Und er erzählte von seinem Schwiegervater Walter Zander.

Ein Gedenkstein auf dem Perleberger Friedhof erinnert an ihn und an fünf weitere Männer. Sie starben am 21. Januar 1953 in Oranienburg beim Bergen einer Luftmine aus dem 2. Weltkrieg. Ihre Namen: Walter Zander, Willy Kursch, Heinz Wienicke, Willi Voss, Heinrich Bonk und Paul Sill.

Von Hause aus Kraftfahrzeugschlosser, arbeitete Walter Zander als Motorenprüfer auf dem Perleberger Flugplatz, während des Krieges dann auf den verschiedensten deutschen Feldflughäfen. Zuletzt in Frankreich, wo er auch in Gefangenschaft geriet. TBC-krank kehrte er nach Kriegsende zurück, arbeitet dann in der Firma Mohr als Kfz-Schlosser.

Das Geld war knapp. Da wurde ihm die Stelle in einem Bombenentschärfungstrupp angeboten. Ihm und fünf weiteren Männern aus Perleberg und Glöwen. "Die Spuren des letzten Weltkrieges zu beseitigen, war nicht nur Arbeit der Trümmerfrauen oder das Werk der Demokraten bei der Schaffung unseres Grundgesetzes. Viele Männer, die nach Jahren in der Kriegsgefangenschaft endlich wieder ihre Kinder sehen konnten, wurden zur Beseitigung von Blindgängern herangezogen", berichtet Fritz Schuster.

Die Schrecken des Krieges und der Gefangenschaft überlebten die Männer und wurden nun doch noch von diesen eingeholt. Beim Verladen einer Luftmine auf einen Lastkraftwagen explodierte diese.

Auch heute, wie kürzlich in Hannover, wo 25 000 Einwohner zeitweise ihre Wohnungen verlassen mussten, werden noch solche Blindgänger gefunden und müssen entschärft werden. Doch es sind Spezialisten, sie sind speziell ausgebildet, verfügen über viel Erfahrung. Vor 60 Jahren hatten die Männer nichts von alledem. Und der Preis, den ihren Familien zahlten, war ein sehr hoher. Die Ehefrau verlor ihren Mann, die Kinder ihren Vater, die Enkel kennen den Opa nur von Bildern. "Meine Schwiegermutter war damals 41 Jahre, meine spätere Frau Ursula gerade mal 15 Jahre alt", erzählt Fritz Schuster.

Auf dem Perleberger Friedhof erinnert ein Gedenkstein an diese Männer. Bis ins hohe Alter pflegten Alma Kursch und Else Zander das Grab. 100 wäre Else Zander am 31. Dezember 2012 geworden, ihren 95. Geburtstag feierte sie noch mit ihren Kindern und Enkeln in Leonberg.

Durch den plötzlichen Tod ihres Mannes musste sie 1953 die kleinen Familie ernähren, Geld verdienen. Fritz Schuster erinnert sich, dass sie noch ihre Facharbeiterprüfung als Verkäuferin machte und fortan beim Konsum arbeitete. "Sie hatte einfach goldene Hände, konnte nähen, das war ein Traum. Sie hat auch das Hochzeitskleid ihrer Tochter, meiner Frau genäht." Mit dem Brief wollen Fritz und Ursula Schuster an das Ereignis vor 60. Jahren, an die Männer, die der Krieg im Frieden tötete, erinnern und die heutige Generation mahnen, nicht leichtfertig den Tod durch Terror und Krieg einzukalkulieren. Dem Brief legte der heute fast 80-Jährige 50 Euro bei, die der "Prignitzer" mit seinem Einverständnis der Kirchgemeinde übergab. "Wir werden davon die Grabstätte herrichten", versprach Pfarrer Tilmann Kuhn.

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