Außenwohngruppe des CJD : Lisa sagt „Auf Wiedersehen“

Lisa: „Es war eine wunderschöne Zeit hier. Vor allem meinen Kollegen und den Bewohnern der Außenwohngruppe sage ich Dankeschön.“
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Lisa: „Es war eine wunderschöne Zeit hier. Vor allem meinen Kollegen und den Bewohnern der Außenwohngruppe sage ich Dankeschön.“ Fotos: Hanka Bielert

Für ein Jahr war die Außenwohngruppe des CJD im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes auch ihr Zuhause

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03. Februar 2018, 05:00 Uhr

Am 28. Februar geht es für Lisa, die eigentlich Elizaveta heißt und aus dem russischen Ischewsk kommt, wieder nach Hause. Und wenn alles klappt, dann holt sie so gar ihre Mutti ab. „Wäre toll, denn ich habe so viel Gepäck“, gesteht die 29-Jährige lachend und verrät, dass sie für ihr Leben gern einkauft. Sie liebe nun mal schöne Dinge und davon gab es viele in Deutschland.

Für ein Jahr war die Außenwohngruppe des CJD in der Reetzer Straße im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes auch ihr Zuhause. „Ich wollte die Sprache kennen lernen und natürlich auch die Menschen, die sie sprechen“, erzählt sie in nahezu astreinem Deutsch. Wen wundert’s, schließlich ist sie ausgebildete Dolmetscherin und Deutschlehrerin und in dem einen Jahr hier sprachlich fast perfekt geworden. Das erste Häkchen auf ihrer langen Wunschliste, die sie vor einem Jahr anlegte.

Viele neue Menschen wollte sie kennen lernen. „Habe ich und noch dazu aus aller Herren Länder“, kommt wie aus der Pistole geschossen. International ging es nämlich bei den beiden Seminaren der Freiwilligendienstler zu. Das erste in Werneuchen bei Berlin. „Für uns Großstädter ein Dorf. Es gibt keine Läden nur Häuser und Natur.“ Dagegen ist ihr Zuhause in Russland eine Metropole. Immerhin leben dort knapp 630 000 Menschen.

Am meisten schockiert waren die jungen Leute, dass es eben auch kein Internet gab. Das Argument ihres Trainers: „Ihr wollt doch euch kennen lernen und dafür braucht es keines Internets“, erzählt Lisa lachend. Zurückblickend sei es eine tolle Woche gewesen und „wir haben sogar einen Kurzfilm gedreht. Das Thema: Ein gutes Leben.“ Was macht ein solches für Lisa aus? „Harmonie.“ Das nächste Häkchen.

Neue Erfahrungen wollte die inzwischen 29-Jährige sammeln. „Ganz viele sind es geworden. Ehrenamtlich habe sie an der Friedrich-Gedike-Oberschule Asylbewerberkinder in Deutsch unterrichtet. Eine Herausforderung, „denn ich konnte ihre Sprache nicht und sie nicht die meinige“. Wörterbuch und über Umschreibungen von Begriffen arbeitete man sich zu des Pudels Kern vor.

Die Menschen, die in der Außenwohngruppe leben, sind aber mit die schönste Erfahrung“, gesteht die junge Frau. Sichtlich beeindruckt ist sie von den vielen Talenten, die diese Frauen und Männer haben. In Ischewsk arbeitete Lisa mit Vorschulkindern. Hier sind es geistig behinderte Erwachsene, denen sie hilft, ihr Leben weitgehend eigenständig zu führen. „Man muss nur bereit sein, sich zu öffnen, dann erfährt man ganz viel, sieht die Welt aus einem neuen Blickwinkel, was überaus spannend ist.“

„Ganz wie in einer Familie ist es hier – nur ist diese recht groß“, so die 29-Jährige. Sie fühlte sich ganz schnell als Mitglied. Gemeinsam wird eingekauft, gekocht, saubergemacht, Lisa hilft beim Wäschewaschen, beim Schreiben und Rechnen. Michi beispielsweise kann nicht lesen. Mittels Bilderkarten wird da der Einkaufszettel zusammengestellt. Stefan wollte endlich seine Handynachrichten selbst lesen können. Lisa hat ihm dabei geholfen und ganz nebenbei ihm auch den einen oder anderen Zungenbrecher beigebracht. Fasziniert ist Lisa vor allem aber von Schorni, der tolle Gedichte schreibt. Henry hat ein Talent fürs Basteln und Steven ein unglaubliches Gedächtnis. „Er weiß nicht nur alle Geburtsdaten aus dem Kopf, er kann auch ellenlange Passagen aus Filmen haargenau zitieren.“

Einen neuen für sie bisher unbekannten Weg wollte sie gehen. „Hier habe ich ihn gefunden, in den Menschen, die mich mögen und denen ich gleichso etwas geben kann.“ Das nächste Häkchen.

Nationalparks wollte sie sich ansehen. Gemeinsam mit ihrer Mutti, die sie im Juli besuchte, war sie in der Schweiz. „Traumhaft.“ Und im Herbst dann im Nationalpark Jasmund im Nordosten der Insel Rügen. „Ich wusste bis dato gar nicht was für einen zauberhaften Landstrich es in Deutschland gibt.“ Das nächste Häkchen.

Die Liste ist abgearbeitet, was Lisa allerdings erlebt, was sie beeindruckt hat und ihr den Abschied nun so schwer macht, dass sei ganz viel mehr. Was sie zuhause erwarte, wisse sie noch nicht. Mit ihrem Deutsch könne sie dort relativ wenig anfangen. In der Schule sei Deutschunterricht inzwischen eher nebensächlich. Dennoch wolle sie weiter Sprachen und vom Leben lernen und am liebsten die Welt weiter erkunden. Am 28. Februar sagt Lisa auf Wiedersehen, denn zumindest Urlaub möchte sie hier noch einmal machen. Und ein weiteres freiwilligen Jahr in Deutschland – „keine Frage, sofort“.

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