Lindenberg : „Lindenberg hatte keinen Bahnhof“

Die Fotografie von 1937 entstand am sogenannten Lindenberger Bahnhof und zeigt als Zweiten von links den Vater von Elke Kraft.
Die Fotografie von 1937 entstand am sogenannten Lindenberger Bahnhof und zeigt als Zweiten von links den Vater von Elke Kraft.

Der „Prignitzer“ geht einem Leserhinweis nach. Mit Lindenbergerin Elke Kraft in die Historie eintauchen

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09. Juni 2018, 12:00 Uhr

„Viele Leute denken noch heute, dass ich im ehemaligen Bahnhof von Lindenberg wohne“, sagt Elke Kraft, schüttelt energisch den Kopf und sagt: „Es gab hier aber nie einen Bahnhof, nur Ende des Krieges für einige Monate eine Art Betriebsbahnhof als Umfahrung von Wittenberge.“

Die vitale 81-Jährige unterstreicht mit dieser Feststellung die Wortmeldung von Olaf Lemm. Der heute in Lenzen lebende Wittenberger war der Bitte der Redaktion gefolgt und hatte sich zu unserer Sonderausgabe zum Anradeln in der Prignitz geäußert. In einem Beitrag hatte Lemm dort vom Lindenberger Bahnhof gelesen und ist überzeugt, „dass es den gar nicht gab“. Lemm, heute 67-jährig, leitet das, wie er sagt, aus dem Ausbau der Strecke ab, wie er sie noch kennen lernte.

Tiefer in die Historie kann Elke Kraft eintauchen und erklären, was es mit dem sogenannten Bahnhof von Lindenberg auf sich hat. Sie sagt, in dem Haus, das immer wieder als Bahnhof bezeichnet wird, „befanden sich in Wirklichkeit Dienstwohnungen der Bahn“. „Mein Vater war Eisenbahner, bei der Signal- und Fernmeldemeisterei auf dem Bahnhof in Wittenberge beschäftigt“, erzählt Elke Kraft. Sie ist in dem vermeintlichen Bahnhofshaus geboren, lebt heute noch dort. Vor den Fenstern der Eisenbahnerfamilie ratterten bis kurz nach dem Krieg Züge vorbei. Denn das Haus mit den Dienstwohnungen stand unmittelbar an den Gleisen der Lüneburger Bahn, die dort parallel zur Feldstraße verlief. Wenn Elke Kraft heute durch eine ihrer Gartentüren geht, steht sie auf dem ehemaligen Bahndamm – jetzt ein ausgebauter Radweg. Nach dem 2. Weltkrieg sind die Schienen für Reparationszahlungen an die Sowjetunion demontiert worden.

Elke Kraft kann aber noch über ein weiteres, recht wenig bekanntes Stück Wittenberger Eisenbahngeschichte erzählen. „Es muss Ende 1944 oder Anfang 1945 gewesen sein, da ist von Weisen aus unter Umgehung des Wittenberger Nordbahnhofs ein Gleis bis Lindenberg verlegt worden“. „Hinter unserem Haus war die Weiche für den Anschluss an die Lüneburger Bahn.“ Zu diesem Minibetriebsbahnhof hätten auch – soweit sie sich erinnern kann – vier Entlastungsgleise gehört. Ein Wasserturm wurde errichtet, ein Schlackenkanal. Eben alles, wie es bei der Bahn zu sein hatte. „Ich war ja noch ein Kind. Aber ich kann mich noch an die armen Kerle erinnern, die den Bahndamm aufschütteten und die Gleise verlegten“, sagt Kraft. Es seien wohl Kriegsgefangene gewesen. Die Baracken, wo sie untergebracht waren, standen im Lindenberger Wald Richtung Bentwisch. Noch heute können man die Stelle finden. Dort würden kaum Bäume wachsen. Auch die Fundamente des Wasserturms lassen sich für den, der ortskundig ist, noch entdecken. Olaf Lemm kann sich erinnern, „dass wir in dem Mauerwerk noch gespielt haben“.

Auf dem in aller Eile errichten Umfahrungsgleis sei 1945 nur noch ein einziger Zug gefahren, weiß Elke Kraft. Der 2. Weltkrieg sei fast zu Ende gewesen. Die Amerikaner standen auf der anderen Seite der Elbe. Elke Kraft erinnert sich an die schweren Flakgeschütze, die dann auf den Gleisen „bei uns am Haus in Stellung gebracht wurden“. „Die sollten wohl die Bomber abschießen, waren deshalb für die Amis auf der anderen Seite ein Ziel. Wir haben damals riesige Angst gehabt.“ Elke Kraft ist beruflich übrigens in die Fußstapfen ihres Vaters getreten, sie wurde Eisenbahnerin. Und bis zu ihrem Renteneintritt hatte sie die verantwortungsvolle Funktion der Fahrdienstleiterin auf dem Bahnhof inne.

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