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Wo entwickelt sich Wittenberge hin? : „Liebenswert, interessant, dynamisch“

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Bürgermeister und Historiker Dr. Oliver Hermann über das Gestern, Heute und Morgen von Wittenberge / 2014 wird die Stadt 775 Jahre alt.

Vor 775 Jahren nennt eine Urkunde erstmals einen Ort namens Wittenberge. Im Jahr 1300 erhält dieser Ort das Stadtrecht: Heute ist Wittenberge, selbst nach 20 Jahren steten demografischen Schrumpfens, die bevölkerungsreichste Stadt der Prignitz. An ihrer Spitze steht mit Dr. Oliver Hermann ein Bürgermeister, der von Hause aus studierter Historiker ist. Mit ihm sprach Barbara Haak über das Gestern, Heute und Morgen der Stadt.
Beginnen wir mit dem Heute: Welchen Rang nimmt Wittenberge derzeit in der Prignitz ein?

Um Ränge und Rangfolgen geht es uns schon lange nicht mehr. Nur gemeinsam mit der Region können wir die Aufgaben der Zukunft lösen, die sich vor allem aus dem demografischen Wandel ergeben. Da gibt es Risiken, aber auch Chancen. Und ich denke, dass wir in dem Nutzen von Chancen zurzeit nicht so schlecht aufgestellt sind. In der Wirtschaft, im Stadtumbau, im Tourismus, überhaupt im Leben dieser Stadt: Überall tut sich eine Menge. Wir haben uns auch noch viel vorgenommen. Wittenberge ist auf gutem Weg.
Ergibt sich aus der Größe einer Stadt auch die Rolle, die sie innerhalb einer Region spielt?
Die Größe einer Stadt ist immer nur ein Faktor, wenn auch kein unerheblicher. Wittenberge ist gemeinsam mit Perleberg Mittelzentrum und in der Prignitz die größte Stadt.

Das wird sie auch bleiben. Denn das Problem der Schrumpfung haben nicht nur wir, sondern die ganze Region. Trotz Bevölkerungsabnahme wird Wittenberge auch 2030 noch der größte Verdichtungsraum in der Prignitz sein. Daraus ergeben sich besondere Anforderungen, die man nicht aus dem Auge verlieren darf. Wittenberge bleibt sowohl von der Bevölkerungskonzentration, von der räumlichen Funktion als auch von der baulichen Struktur her ein städtischer Raum. Die zentralörtliche Rolle innerhalb unserer ländlichen Region wird eher noch zunehmen, wie wir es bereits jetzt an der stärker gewordenen Zuwanderung vom Lande in unsere Stadt beobachten können.

Welche Rolle eine Stadt innerhalb einer Region spielt, hängt jedoch nicht nur von ihrer Größe und Funktion ab, sondern von den Menschen, die in ihr leben, die hier investieren und die an ihre Zukunft glauben. Je nachdem können die Wittenberger Vorreiter und Vorbild oder – im negativen Fall - auch Schlusslicht sein. Es liegt in unserer Hand.
Blicken wir in die Historie: Warum hat sich Wittenberge nicht nur zu einem kleinen Landort, sondern zu einer größeren, über viele Jahrzehnte industriell geprägten Stadt entwickelt?
Wittenberge ist ein sehr typisches Beispiel für die Industrialisierung Europas im 19. Jahrhundert, sogar eines der ältesten. Aus dieser Zeit künden auch heute noch die zahlreich erhaltenen ehrwürdigen architektonischen Zeugen.

Warum dieser Prozess gerade in Wittenberge in dieser Dynamik stattfand, hat mehrere Ursachen. Es sind dieselben, die auch heute noch für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt von Bedeutung sind: Die Lage im Raum zwischen Hamburg und Berlin auf der einen und die Verkehrsanbindung auf der anderen Seite.

Das hatten um 1900 schon die Singer-Werke erkannt. Und die Firma Austrotherm, unsere jüngste Ansiedlung, sieht das ganz genau so: Bei guter verkehrlicher Anbindung kann man von hier aus einen Großraum beliefern, nicht nur eine, sondern mehrere Metropolen. Voraussetzung ist aber die Infrastruktur, damals Schiene und Wasser, heute Straße, Schiene und Wasser. Daher ist es so wichtig, dass die A14 endlich fertig wird.
Was ist heute für Wittenberge wichtig?
Zunächst müssen wir uns vor Augen führen, dass Wittenberge nach wie vor ein wichtiger Industriestandort ist. 25 Prozent aller Beschäftigten arbeiten im produzierenden Gewerbe, gemeinsam mit dem Baugewerbe sind es sogar fast 35 Prozent. Und das ist nicht nur das Bahnwerk, unser wichtigster und größter Arbeitgeber. Das sind auch viele kleine und größere Betriebe, die sich hier bei uns aus traditionellen Wurzeln (zum Beispiel Prignitzer Chemie, WTW, Schacht GmbH) oder ganz neu angesiedelt haben (z. B. Francotyp, Innox, Austrotherm, Meyer & Meyer).

Den Industriestandort weiter zu entwickeln, das ist die eine Aufgabe.

Eine andere Aufgabe ist es, die Stadt touristisch zu entwickeln. Das ist neu für Wittenberge. Niemand hätte sich vor 30 Jahren vorstellen können, dass Wittenberge einmal eine sogenannte touristische Destination werden könnte. Heute sind wir auf dem besten Wege dahin. Und: Wenn eine Stadt touristisch attraktiver wird, dann wird sie auch für ihre Einwohner attraktiver. Attraktivität und Lebensqualität: Das sind die Stichworte für eine erfolgreiche Stadtentwicklung.
Blicken wir in das Morgen: Wo sehen Sie als Bürgermeister und Historiker Wittenberge in 75 Jahren?
Im Jahre 2089 wird die sogenannte „politische Wende“ genau 100 Jahre her sein. Mit dem Abstand wird man deutlicher sehen, dass dieses Ereignis für die Stadtgeschichte vor allem ein Beschleuniger von Entwicklungen war, denen sich die Stadt irgendwann hätte sowieso stellen müssen.

Der demografische Wandel, die einschneidendste Veränderung, wäre auch ohne „Wende“ eingetroffen. Auch unsere alten Industrien hätten sich den neuen Gegebenheiten der Gegenwart stellen müssen. Nicht nur in Wittenberge gibt es keine Nähmaschinenproduktion mehr, auch in Kaiserslautern wie überall in Europa werden Nähmaschinen so gut wie nicht mehr hergestellt. Vielleicht hätte man in anderen Verhältnissen oder in anderen Rahmenbedingungen mehr Zeit zur Anpassung an die Moderne gehabt, so wie viele Städte in den alten Bundesländern seit den 70er- und 80er-Jahren. So ging alles sehr schnell und sehr einschneidend.
2089 wird Wittenberge diese Entwicklungen lange bewältigt haben, und eine neue Generation wird dann „ihre“ Stadt und „ihre“ Probleme gestalten.

Welche das sind, wie groß oder wie klein dieses Wittenberge dann sein wird: Wer weiß das schon? An uns liegt es jedoch, mit unserem Handeln die Möglichkeiten für eine Zukunft zu schaffen, wie sie auch immer konkret aussehen mag. Ich bin aber davon überzeugt, dass Wittenberge auch in 75 Jahren eine liebenswerte, interessante und dynamische Stadt sein wird, so wie sie es war und wie sie es heute ist.

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erstellt am 02.Jan.2014 | 12:00 Uhr

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