Grüne Oase im Zentrum von Perleberg : Letzter Sommer im großen Garten

An diesem Platz am Mückenbaum  entstanden die meisten Familienfotos, berichten die Kinder der Kohls . So sollte auch das letzte Foto ganz in Familie hier gemacht werden.
An diesem Platz am Mückenbaum entstanden die meisten Familienfotos, berichten die Kinder der Kohls . So sollte auch das letzte Foto ganz in Familie hier gemacht werden.

Nach 64 Jahren geben Vera und Willi Kohls ihr 1612 Quadratmeter großes Paradies zwischen Stadtmauer und Stepenitz in Perleberg auf

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27. Juli 2015, 08:00 Uhr

So viel Besuch sieht der Garten von Vera Kohls und ihrem Mann Willi nun wirklich nicht alle Tage, auch wenn die Perleberger gern und oft Gäste hier haben. Sonnabend ist aber auch ein besonderer Tag: Abschied wird gefeiert. Nach 64 Jahren geben die Kohls ihr blühendes Paradies an der Stepenitz in Nachbarschaft der „Arschkerbe“, wie dieser Straßenzug im Volksmund heißt, auf. „Wir sind nicht jünger geworden, der Garten ist für uns jetzt einfach zu groß“, so die 77-Jährige, die am 6. August Geburtstag feiert und dann mit ihrem Mann altersmäßig wieder gleichzieht.

Ein Stück Herzblut geben sie damit auf, denn das Fleckchen Grün gehört zum Leben der Perlebergerin. „Als Kinder, wir wohnten in der Arschkerbe, haben wir in dem verwilderten Garten, der uns damals noch nicht gehört, Kirschen und Äpfel stibitz“, beichtet sie schmunzelnd. Als der Vater aus der Gefangenschaft kam, pachtete die Familie 1951 die 1612 Quadratmeter Grün an der Stepenitz. „Unsere Eltern hatten vier Mäuler zu stopfen und das in einer Zeit, wo es von allem nur wenig oder nichts gab“, erinnert sich Vera Kohls. Ein Garten war da fast wie ein Lotteriegewinn. Doch dieser glich damals allem, nur nicht einem solchen. „Wir mussten uns durch dichte Brombeerbüsche förmlich einen Weg bahnen“, berichtet die Perlebergerin, die das als Kind aber als überaus abenteuerlich empfand und sich noch heute gern daran erinnert.

Der Vater baute eine kleine Gartenlaube und funktionierte sie zur Werkstatt um. Denn von Hause aus war er Tischler und arbeitete bei der Gebäudewirtschaft in der Mühlenstraße. Fortan wurde im Garten auch gewerkelt. Übrigens, die Werkstatt steht noch heute, die Kohls haben später daraus wieder eine Laube gemacht.

Ein kleiner Bootsschuppen mit Steg, eine Laube direkt am Wasser, Geräteunterstand – all das zimmerte der Vater, der dann leider zu früh verstarb. Als auch die Mutter den Garten nicht mehr allein bewirtschaften konnte, übernahm Tochter Vera mit ihrer Familie diesen und verkauften den in der Beguinenstege. Ihre drei Kinder sind hier groß geworden und auch die Enkel haben dort in der Stepenitz das Schwimmen gelernt. Im Garten grünte und blühte es, „wir hatten alles an Obst und Gemüse selbst“, ergänzt die Perlebergerin. Was nicht sofort frisch auf dem Tisch oder im Kochtopf landete, das wurde eingeweckt oder überwinterte im Eiskeller, denn die Kohls sind stolzer Besitzer eines solchen. Und der ist schon über 150 Jahre alt. Er gehörte einst zu Hoffmanns Hotel. Dessen Besitzer ließ ihn 1858 unmittelbar an der alten Stadtmauer erbauen. Eis lagert hier seit Jahrzehnten nicht mehr, aber die dicken Ziegelwände lassen im Sommer die Hitze und im Winter die Kälte draußen, „ideal um Kartoffeln, Äpfel und Gemüse zu lagern“. Von all dem trennen sich die Kohls nun – nach 64 Jahren. „Am 31. Dezember ist offiziell Schluss.“ Was ihr jetzt noch relativ leicht über die Lippen geht, das wird sicher noch für manchen Seufzer sorgen. „Da kullern noch etliche Tränen“, gesteht Vera Kohls.

Viele Erinnerungen hängen an dem Stückchen Land. Sommers war es das Zuhause, winters, wenn die Stepenitz zugefroren war, traf man sich auf dem Fluss zum Schlittschuhlaufen oder mit den Nachbarn von gegenüber bei Glühwein und Grog.

Sonnabend aber wurde noch einmal gefeiert. Eingeladen sind alle Cousins und Cousinen. 22 Erwachsene und drei Kinder, darunter ein Baby, genießen einen letzten Sommertag im riesigen Gartenparadies zwischen Stadtmauer und Stepenitz.

Ganz Schluss ist für die Kohls mit dem 31. Dezember aber nicht. „Einmal Gärtner, immer Gärtner. Ohne geht es halt nicht“, weiß auch Ehemann Willi. Und so haben die beiden bereits einen neuen Garten gepachtet – an der Stepenitz versteht sich, allerdings mit 350 Quadratmetern um etliches kleiner. Die Gartenlaube steht bereits, so dass das nächste Sommerfest in Familie dann unweit des Stadtparks stattfinden kann.

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