Letzten Geheimnissen auf der Spur

Thomas Glass bei der Arbeit an der Dorfchronik.
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Thomas Glass bei der Arbeit an der Dorfchronik.

Thomas Glass erforscht lokale Geschichte und arbeitet an der Dorfchronik Kleeste / Zweiter Weltkrieg ist seine eigentliche Leidenschaft

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05. Mai 2017, 14:21 Uhr

Eigentlich wollte Thomas Glass an seinem großen Thema, den letzten Kriegswochen in der Region, arbeiten. Aber der Nachbarort Muggerkuhl feiert in diesem Jahr 475-jähriges Bestehen. Und da Thomas Glass einen Namen und viel Material hat, wurde er gebeten, die Ortschronik anzufertigen.

„Mein Wissen über die Familie von Winterfeld und die Familie von Eberhardt, die letzten Besitzer des Gutes, haben mir sehr geholfen“, sagt der Regionalhistoriker aus Kleeste. „Von ihnen habe ich mehrfach Unterlagen erhalten, so zum Gut Muggerkuhl.“ Auch Siegfried Hartmann aus Muggerkuhl unterstützte ihn mit Material.

Behandelt wird die Zeit vor 1945, die Geschichte des Gutes, die Entwicklung nach 1945, Veränderungen im Ort und das Leben im Dorf. Die Chronik ist fast fertig, erhält noch den Feinschliff. So hofft Thomas Glass auf ein besseres Bild der Muggerkuhler Glocke, die dem Deutschen Historischen Museum gehört und an das Haus der Geschichte in Bonn als Dauerleihgabe ging.

Generell sieht Thomas Glass die Beschäftigung mit der Heimat- und Regionalgeschichte als identitätsstiftenden Faktor. Viel Zeit und Geduld sowie ein großes Netzwerk sind für den Freizeithistoriker notwendig, um belastbare und aussagekräftige Ergebnisse zu erreichen. Denn die Wege von Akten, Unterlagen und Dokumenten sind oft verschlungen und schwer nachvollziehbar. Manchmal helfen nur der Zufall und die Bekanntheit als Hobbyhistoriker.

So lagen vermisste Kleester Gemeindeakten auf dem Dachboden eines alten Bahnhofsgebäudes und tauchten beim Entrümpeln auf. Thomas Glass fand heraus, wer während des Krieges im Ort lebte einschließlich der sogenannten Fremdarbeiter.

Während der Kleester in der Prignitz mit Unterstützung von Amts- und Kreisverwaltung und des aus seiner Sicht herausragenden Kreisarchivs auf wenig Probleme stößt, wird es außerhalb schwieriger.

Dort wird er oft skeptisch beäugt, hat mit Quellenschutz und bürokratischen Hürden zu kämpfen.

Glass rekonstruiert den Weg der sowjetischen 69. Armee der 2. Belorussischen Front durch die Prignitz und benachbarte mecklenburgische Gebiete. Wege der Einheiten und deutscher Verbände, Kämpfe und was in den Orten geschah, zeichnet er nach. Der kleinteilige Ansatz überfordert zum Teil die großen Militärarchive. In Freiburg fanden sich auf einige Fragen keine Antworten, das Museum Karlshorst konnte kaum helfen.

Online lassen sich seit einigen Jahren aber russische Archive auswerten, die aber unvollständig sind. „Ich versuche, wie ein Staubsauger möglichst viele Informationen aufzunehmen, denn niemand kann sagen, wie lange die Quellen verfügbar sind“, beschreibt er seine Arbeit.

„Amerikanische Militärquellen seien zugänglich, aber stets kostenpflichtig. Aber auch im Militärarchiv in Freiburg lässt sich in der Freizeit nicht alles erforschen, an den Diensten eines Recherchebüros führt manchmal kein Weg vorbei“, so Glass. Auch in diversen Foren ist er Mitglied, hat enge Kontakte zu einem Regionalgeschichtskreis in Mecklenburg-Vorpommern geknüpft, um Informationen auszutauschen und um neue Erkenntnisse überprüfen zu können.

Denn Zeitzeugen gibt es immer weniger und ihre Erinnerungen wurden durch die zurückliegenden 70 Jahre verändert. Alte Tagebücher geben Familien nur ungern heraus, so blieben oft nur Dokumente und Bilder.

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