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Der Prignitzer

22. November 2017 | 03:04 Uhr

Lernen den ganzen Tag

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erstellt am 23.Feb.2012 | 07:42 Uhr

Potsdam | Das Brandenburger Bildungsministerium nennt die Entwicklung der Ganztagsschulen "eine Erfolgsgeschichte". Heute nehmen knapp 40 Prozent der Grundschüler und die Hälfte der Schüler in der Sekundarstufe I die Angebote wahr. Damit seien die 2003 anvisierten Ziele weit übertroffen.

Die Serviceagentur "Ganztägig lernen" in Potsdam berät Bildungseinrichtungen und ihre Kooperationspartner. Dort sitzen Lehrer und Diplom-Pädagoginnen wie Karen Dohle. Die Leiterin der Agentur ist vom Konzept begeistert: "Ganztagsschulen bieten weit mehr als Unterricht. Die Mädchen und Jungen werden ganzheitlich gefördert, lernen die Welt aus neuen Blickwinkeln kennen." Dafür sorgen Künstler, Sportler oder Musikschullehrer. Vereinzelt sind geringe Teilnahmebeiträge fällig, der Großteil ist kostenlos.

An offenen Ganztagsschulen läuft vormittags der Unterricht, nachmittags finden Arbeitsgemeinschaften, Hausaufgabenhilfe und Förderunterricht statt. So können die Kinder entscheiden, ob sie daran teilnehmen wollen oder nicht. Anders ist es beim gebundenen Modell: Dort werden die zusätzlichen Angebote in den Stundenplan integriert, die Teilnahme ist Pflicht. Dann sind die Kinder an drei oder vier Tagen von acht bis 16 Uhr in der Schule. Manche Eltern oder Lehrer finden das allerdings zu viel: Die Kinder seien erschöpft und nicht mehr aufnahmefähig.

Auf der anderen Seite werden mehr Kinder erreicht: "Es findet keine Auslese der besonders Engagierten statt", so Karen Dohle. Von Vorteil sei, dass die Mädchen und Jungen dort nicht so unter Beobachtung stünden wie im Unterricht. "Sie werden nicht bewertet, sondern können ihre Fähigkeiten und Interessen frei entwickeln. Es gibt keinen Druck, in einer begrenzten Zeit ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen", sagt Karen Dohle. In diesem Freiraum werden Talente sichtbar, die sonst vielleicht unentdeckt geblieben wären. Beim Theaterspielen können sich die Kinder plötzlich ganz leicht Texte merken. Oder sie lernen ein Instrument - auch wenn ihre Eltern den Beitrag für die Musikschule nicht aufbringen können.

Allerdings reiche es nicht, sich einfach das Etikett "Ganztagsbetrieb" an die Schultür zu kleben. Nicht jede Schule bekommt die Genehmigung vom Schulamt und damit die finanzielle Unterstützung vom Land. Für den Antrag braucht die Bildungseinrichtung ein Konzept mit Aussagen zu pädagogischen Inhalten, Organisation, individueller Förderung, Vereinbarungen mit Kooperationspartnern, Teilnehmerzahlen. Ganztagseinrichtungen bekommen zusätzliche Lehrerwochenstunden und Honorargelder für externe Partner. Aber nicht allein das Konzept ist ausschlaggebend, auch Faktoren wie die Schulentwicklungsplanung sowie in der Region schon vorhandene Ganztagsangebote spielen eine Rolle. Unter den Partnern muss mindestens einer aus der Jugendhilfe sein, dazu zählen etwa die freiwillige Feuerwehr, Wohlfahrtsverbände oder Sportvereine. "Für das kommende Schuljahr liegen elf Anträge auf Neueinrichtung oder Erweiterung von Ganztagsangeboten bzw. der Änderung der Angebotsform vor", hieß es vom Bildungsministerium.

Mit der Ganztagsschule sind zahlreiche Erwartungen verknüpft: Sie soll Lernmotivation und Schulfreude erhöhen, soziale und kognitive Fähigkeiten fördern, Benachteiligung kompensieren, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Die bundesweite Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen zeigt, dass schulische Leistungen sich verbessern, wenn die Schüler die Angebote als motivierend wahrnehmen und sich aktiv beteiligen können. Darüber hinaus verringert eine regelmäßige Teilnahme das Risiko, in der Sekundarstufe I eine Klasse wiederholen zu müssen.

"Die großen Erwartungen, dass die schulischen Leistungen von Mädchen und Jungen aus sozial schwachen Familien nun in die Höhe springen, haben sich allerdings nicht bestätigt", sagt Karen Dohle. Immerhin wirkt sich die Teilnahme positiv auf das Verhalten aus: Je stärker die Jugendlichen mitbestimmen können, umso häufiger helfen sie ihren Mitschülern und sind in der Lage, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Außerdem wird der Unterricht seltener gestört.

Nach dem Auslaufen des Bundesprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung", mit dem von 2003 bis 2008 insgesamt 130 Millionen Euro nach Brandenburg flossen, stellte das Land 31 Millionen Euro für den Ausbau der Ganztagsangebote aus dem Konjunkturpaket II zur Verfügung. Die flossen vor allem in Bau- und Sanierungsmaßnahmen. "In den nächsten Jahren wird der Ausbau weitergehen, aber wesentlich moderater als bisher", so Bildungsministerin Martina Münch (SPD). Im Schuljahr 2011/12 stellt das Land den Ganztagsschulen 400 Vollzeitlehrerstellen und drei Millionen Euro an Barmitteln zur Verfügung.

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