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Der Prignitzer

18. Oktober 2017 | 02:32 Uhr

Leon kann wieder lachen

vom

svz.de von
erstellt am 23.Dez.2011 | 03:41 Uhr

Leon | Er tollt herum, er lacht, er kann es kaum erwarten, dass heute der Weihnachtsmann die Geschenke bringt. Das schönste Geschenk jedoch hat Leon bereits bekommen: ein zweites Leben. Dass der achtjährige Junge aus Perleberg und seine Familie unbeschwert Weihnachten feiern können, ist ein Glücksfall, denn zu Jahresbeginn sah es nicht nach einem Happy End aus.

Hilferuf

Der damals siebenjährige Junge war todkrank. Die Ärzte hatten bei ihm Hämophagozytische Lymphohistiozytose diagnostiziert - einen extrem seltenen Gendefekt. Seine einzige Chance bestand in einer Knochenmarkspende. Verzweifelt wandten sich seine Eltern Heidelinde Plog und Maik Brusberg an unsere Zeitung. Gemeinsam baten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, um Hilfe. Die Aktion Leon war geboren.

Noch beim Lesen unseres Beitrags über Leons Schicksal griff Perlebergs Stadtwehrführer Andreas Rohloff zum Telefon. "Dem Jungen müssen wir helfen", sagte er sich und telefonierte erst mit anderen Feuerwehren, dann mit unserer Redaktion. Noch am selben Tag gewann der "Prignitzer" die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) für einen Aktionstag.

Wettlauf

Zunächst war die DKMS etwas skeptisch, schließlich muss die gesamte Organisation für solche offiziellen Aktionen durch Helfer vor Ort abgesichert werden, bedarf es Räume, Versorgung und Personal, darunter medizinischer Fachkräfte. "Das schaffen wir", überzeugten "Der Prignitzer" und Perlebergs Feuerwehr gemeinsam die DKMS und bauten diese Versicherung einzig auf dem Fundament Euphorie.

In Wirklichkeit war gar nichts vorbereitet. Aber die Zeit drängte, lief gegen Leon. Zwei Wochen blieben bis zum gesetzten Aktionstermin. Partner, Verbündete, Freunde mussten gefunden werden. Telefondrähte glühten. Anrufe in Praxen, im Krankenhaus, in Schulen, bei Bürgermeistern. Nirgends stießen wir auf Ablehnung.

Die Rolandschule in Perleberg stellte Räume. Enzo Hilscher, dem einst selbst eine Knochenmarkspende das Leben rettete, sagte als Notarzt zu. Arzthelferin Ilona ließ ihre Geburtstagsgäste zu Hause warten und kam zum Blutabnehmen. Ihre Kollegin Ulrike wollte drei Stunden bleiben, blieb aber fast sechs. Perlebergs Bürgermeister Fred Fischer begleitete die Aktion Leon über Wochen hinweg, warb persönlich um Hilfe.

Unvergessen die Unterstützung durch das Team der Physiotherapie Simone Thätner in Perleberg. Sie strichen ihren Feierabend, warfen private Pläne über den Haufen. Stattdessen massierten sie 24 Stunden für die Aktion Leon, spendeten den Erlös - ein Marathon der Lebensretter. Selbst nachts 3.30 Uhr standen noch drei Mädels vor ihrer Tür. Sie waren direkt von der Disko gekommen. Zu dem Zeitpunkt war eine Kollegin schon auf der Liege eingeschlafen.

Freudentränen

Am Morgen kullerten dann aber bei den vier Frauen die Freudentränen: 1600 Euro steckten in der Spendenbox. Ein viel verheißender Beginn, denn jede einzelne Typisierung muss von der DKMS bezahlt werden und daher ist sie dringend auf Spenden angewiesen. 349 Prignitzer ließen sich am Aktionstag als potenzielle Knochenmarkspender registrieren, insgesamt waren es für die Aktion Leon mehr als 500.

Die Spendenbereitschaft hielt wochenlang an: Volks- und Raiffeisenbank, Regionaler Wachstumskern, Rotaryclub Perleberg und viele, viele Klein- und Kleinstspender sind es geworden. Am Ende stehen 11 603,53 Euro auf dem Konto - eine der größten Summen, die jemals im Landkreis für eine Aktion zusammen kam.

Rettung

"Für eine Region wie der Prignitz ist das enorm", würdigt Paulina Wilde von der DKMS rückblickend. Sie war persönlich nach Perleberg gekommen, erlebte den Aktionstag am 12. Februar live mit. "Logistisch war das eine sehr gute Organisation."

Noch während in amerikanischen Speziallabors die Blutproben untersucht wurden und die DKMS ihre neuen Spender in die Datenbank einpflegte, kommt für Leons Familie der erlösende Anruf: Ein Spender ist gefunden.

Am 22. März erfolgte die Transplantation. Seitdem geht es Leon von Woche zu Woche besser.

"Das hören wir gerne, denn nicht immer geht es gut aus", sagt Paulina Wilde. Erst vor wenigen Tagen hatte ein kleiner Junge seinen Kampf verloren. Auch für ihn hatte es kürzlich eine Typisierungsaktion gegeben, doch weltweit sei kein Spender gefunden worden.

Heimkehr

Wie gut es Leon wieder geht, davon haben sich die Perleberger Kameraden selbst überzeugen können. Donnerstagabend fuhren sie mit vier Autos in seine Straße und klingelten. "Hallo, ich bin der Andreas von der Feuerwehr", sagt Rohloff zu dem Jungen. Der nickt ganz cool und meint: "Weiß ich. Du hast ja eine Feuerwehrjacke an."

Die Einladung zur Spritztour nimmt er sofort an und saust die Treppen hinunter, sodass weder seine Eltern noch Oma Eva Wendel hinterherkommen. Leon entscheidet sich für die Drehleiter, in deren Fahrerkabine die Männer Platz machen für den Jungen.

In der Wache wartet eine weitere Überraschung: Feuerwehr und die Stadt Perleberg laden Leon zusammen mit seiner zwölfjährigen Schwester Saskia in das Jugendlager ein. Das findet jährlich kreisweit in den Sommerferien in Cumlosen statt: Toben, Baden, Lagerfeuer und vieles mehr wartet dort auf die Kinder. Die passende Ausrüstung für so eine Abenteuertour hat "Der Prignitzer" für beide Kinder mitgebracht. Leon ist baff. Damit hatte er nicht gerechnet.

Seine Eltern lächeln, freuen sich, dass Leon wieder lachen kann. "Für uns ist es ein Wunder, dass nach einer so langen Zeit des Bangens, doch noch alles gut wurde", sagt Vater Maik Brusberg. Die ganze Familie sei in ein schwarzes Loch gefallen. Tiefer und tiefer. "Aber die große öffentliche Unterstützung hat uns Kraft gegeben." Am stärksten von allen jedoch sei Leon. "Er hat nie aufgegeben", sagt seine Oma, die die meiste Zeit über bei ihm im Krankenhaus war.

Aus medizinischer Sicht sei Leon richtig gesund. Das habe die Untersuchung in dieser Woche in Hamburg gezeigt. Er habe sich von der Krankheit und den Strapazen der Behandlung wie die Chemotherapie viel schneller erholt, als die Ärzte es vermutet hätten.

Nach den Winterferien kann Leon endlich in die Rolandschule gehen. Bis dahin bekommt er weiterhin Hausunterricht. Besonders freut er sich auf Mathe. Mehr Wünsche kann und mag der knuffige Junge nicht nennen. Zu viel ist in diesem Jahr für so eine kleine Seele passiert. Er ist glücklich, wieder in seinem Zimmer spielen zu können, mit seinen Autos, die er in einer Kiste unter seinem Bett aufbewahrt.

Dort liegt auch seine Schatzkiste, von der niemand weiß, was er darin versteckt. Doch, eine Person gibt es. Oma Eva hat er es verraten. Omas sind nun mal was ganz Besonderes. So soll es auch sein, lieber Leon. Wir wünschen dir schöne Weihnachten.

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