Lenzen : Lenzen wartet auf Rettung

Das Nebeneinander von sanierten und noch auf eine Wiederbelebung wartenden Fachwerkhäusern prägt heute noch die Lenzener Altstadt.
Das Nebeneinander von sanierten und noch auf eine Wiederbelebung wartenden Fachwerkhäusern prägt heute noch die Lenzener Altstadt.

Rettung der Altstadt ist möglich braucht aber noch Zeit.

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27. April 2019, 05:00 Uhr

Lenzen | Landeskonservator Thomas Drachenberg nennt zu Beginn jedes Jahres bedrohte Denkmale in Brandenburg. In diesem Jahr nannte er erstmals eine ganze Stadt: Lenzen an der Elbe! Wie sieht es in einer Stadt aus, für die es fünf  vor zwölf sein soll?

„Lenzen? In Brandenburg?“  Die Dame am Schalter des Verkehrsverbundes in Berlin-Friedrichstraße kann lange kein Lenzen finden. Nach einigem Suchen treibt der Computer doch eine Verbindung auf. „Sie müssen mit der Bahn nach Wittenberge und dann fast eine Stunde mit dem Bus“, sagt die Dame und es klingt wie: Wollen Sie sich das wirklich antun?

Auf jeden Fall! Die Stadt taucht in der Landespolitik auf, wenn ein Elbehochwasser die Prignitz bedroht, sonst hört man wenig aus dem äußersten Nordwestzipfel des Landes. Und nun schlägt der Landeskonservator Alarm, dass es die Stadt als einzige in den vergangenen 30 Jahren nicht schaffte, ihre historische Innenstadt zu sichern. 52 historische Gebäude stehen leer, verfallen, ein Drittel davon steht auf der Denkmalliste.

Der Busfahrer möchte seinen Namen nicht nennen. Er lebt in Wittenberge und berichtet, dass er überlegt hat, ein Haus in Lenzen zu kaufen. Die sind nicht teuer. Aber es gibt meist keinen Garten oder Hof – und die Denkmalpflege! Nein, in Lenzen wird er sich den Traum vom Haus nicht verwirklichen.

Lenzen zählt zu den ältesten  Städten des Landes. Im zehnten Jahrhundert stand hier eine Slawenburg. Die wechselte mehrfach den Besitzer. Heute ist in den alten Mauern ein Besucherzentrum des Biosphärenreservates Flusslandschaft Elbe untergebracht. Der BUND Niedersachsen, dem das Gebäude gehört, betreibt hier mit Partnern Forschungen zu europäischen Flussläufen.

Sabine Forberg von der Besucherinformation scheint regelrecht entsetzt, als sie erfährt, wie die Denkmalpfleger in Potsdam über die Stadt reden. Sie empfinde Lenzen nicht als gefährdete Stadt. 18 000 Besucher kommen jährlich auf die Burg und damit durch die Stadt. Da gibt es keine Klagen. Außerdem sei gerade ein Zuzug zu erleben. Ältere Paare, die sich in die Fachwerkhäuser verlieben und sie sanieren.

Ein Gang durch die Stadt erschreckt keineswegs. Man kann den nahen Elberadweg entlang radeln, einen Abstecher zur  Burg und durch die Altstadt machen und ein nettes, etwas verträumtes Städtchen erleben. Sanierte, romantisch verwinkelte Straßen, eine versteckte aber hübsche Uferpromenade an der Löcknitz und jede Menge liebevoller Hinweisschilder auf die historischen Ereignisse und besondere Gebäude.

Und Kunst natürlich: Vor dem Rathaus die lebensgroße Bronzestatue der Brezeltante Anna. Auf dem Vorplatz der Burg stehen im Halbkreis Kunstwerke, mit denen sich die Lenzener humorvoll mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen. Ein Bericht des kurfürstlichen Amtmannes Gijsels van Lier beklagte nach dem Dreißigjährigen Krieg, dass die Bürger ihre Notdurft auf der Straße verrichten, die Richter und Amtmänner nicht lesen und schreiben können und die Häuser von vornherein krumm und schief gebaut werden – all das wurde in Bronze verewigt.

Christian Steinkopf, ehrenamtlicher Bürgermeister, könnte  sich angesichts dessen  über den Landeskonservator und die Aussagen zu Lenzen fürchterlich aufregen. Tut er aber nicht. Bei einem Spaziergang zeigt er auf all die dunklen Fenster, auf die Dächer, denen Ziegel fehlen, die geschlossenen Läden. In einem ragen noch alte Zuckertüten in die Leere. Der CDU-Politiker kennt die Gründe: Lenzen lag nach der DDR-Gründung im Sperrgebiet. Vermeintlich unzuverlässige Bürger wurden ausgesiedelt, andere nutzten in den 50ern die Elbe, um sich in den Westen abzusetzen. Die Häuser übernahm der Staat und vermietete sie. Nach der Wende gab es viele Rückübertragungsansprüche. Die Mieter zogen angesichts der Unsicherheiten aus. Es dauerte Jahre, bis die Eigentumsverhältnisse geklärt waren und die Erbengemeinschaften sich geeinigt hatten. Und dann fanden sie unbewohnte, ja unbewohnbare Ruinen vor.

Und die Denkmalpflege! Anfangs seien die Anforderungen extrem hoch gewesen, so Steinkopf. Wer die damals möglichen 80 Prozent Förderung in Anspruch nehmen wollte, musste auch innen alles denkmalgerecht herrichten. Steinkopf erzählt von einem Maurermeister, der eine Zwischendecke nicht entfernen durfte und einen Raum mit  1,60 Meter Deckenhöhe erhalten musste. Elvira Bartoschewitz, die mit ihrem Mann das Café am Markt betreibt, klagt ebenfalls über die Denkmalpflege. Bei der Sanierung ihres Hauses durften keine Eckschienen an den Fenstern eingeputzt werden. Nun beginnt die Fassade dort zu reißen. Und die vorgeschriebene Farbe sei auch nicht von Bestand, so die Wirtin.

Die Prignitzer Kreisverwaltung verweist darauf, dass es jahrelang um die Erhaltung und Nutzung der Burg Lenzen ging, um die Stadtpfarrkirche und die Infrastruktur. Mehrere Workshops wurden zum Erhalt der Altstadt abgehalten, einzelne Häuser vorbildlich saniert.

Der Landeskonservator ist sicher, dass die Altstadt in ein paar Jahren ein Schmuckstück sein wird, sich Liebhaber für die Fachwerkhäuser finden – vorausgesetzt, es gelingt, die Substanz noch einige Jahre vor dem Verfall zu schützen. Die Stadt hat drei Häuser für je einen Euro gekauft. Die Idee ist es, die Hülle zu sanieren und sie an Interessenten zu verkaufen, die den Innenausbau nach eigenem Gusto übernehmen.

In der Hamburger Straße wurde so ein Doppelhaus hergerichtet. Steinbach hofft, dass daraus ein Mehrgenerationenhaus wird. Für das Erdgeschoss stellt er sich Markthalle mit Prignitzer Produkte vor. Das klingt fast  zu schön, um wahr zu werden. Auf jeden Fall klingt der Bürgermeister der 2000-Einwohnerstadt nicht so, als habe man an der Elbe die Hoffnung aufgegeben.

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