Lanzerin spinnt den längsten Faden

<strong>Die Hände von</strong> Ilse Kowallek sind das Spinnen seit Kindertagen gewohnt.
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Die Hände von Ilse Kowallek sind das Spinnen seit Kindertagen gewohnt.

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09. Juli 2012, 10:15 Uhr

Blüthen | 19 Minuten vor 11 Uhr gibt Maria Vieten, Mitglied im Prignitzer Kunsthandwerkerverein, das Zeichen: 25 Spinnräder fangen leise an zu surren. Die Füße der Frauen an den Spinnrädern finden schnell ihren Takt. 60 Gramm Wolle hat jede von ihnen. Wer daraus in 60 Minuten den längsten Faden spinnt, gewinnt die 2. offenen brandenburgischen Spinnmeisterschaften, sagt Petra Herbon. Sie ist Vorsitzende des Prignitzer Landfrauenvereins. Dieser hat gemeinsam mit dem Prignitzer Kunsthandwerkerverein nach Blüthen auf das Gelände am Reitplatz zu den Meisterschaften eingeladen. Dessen Chefin Manuela Walther sitzt heute selbst hinter ihrem Spinnrad, will die Wolle zu einem möglichst langen Faden verarbeiten. Jede habe das gleiche Material bekommen, sagt sie. "Ich habe heimische Wolle bestellt, gewaschen und gekämmt. Die Wollen kommt von Brandenburger Landschafen."

Die Spinnräder surren weiter, die Frauen zupfen dünne Fasern aus dem Wollhäufchen auf ihrem Schoss. Die Spindeln drehen sich rasend schnell, füllen sich langsam, aber stetig mit Garn.

Hanna Schneider aus dem Niedersächsischen hat vor Beginn schnell ihren neun Monate alten Sohn Joost versorgt. Der Junge krabbelt munter durch den Raum. Seine Mutter kann beides: spinnen und ihn im Auge haben. Auch die anderen Frauen sind, obwohl voll konzentriert, durchaus in der Lage, mit den Nachbarinnen zur Linken oder Rechten zu plaudern. Die Hände von Ilse Kowallek aus Kummer bei Ludwigslust wissen seit Kindheit, wie sie Wolle zu Garn spinnen können. "Wir waren Umsiedler. Wenn meine Mutter bei den Bauern auf dem Feld fürs Essen gearbeitet hat, habe ich heimlich spinnen geübt. Das war eigentlich verboten, denn das Spinnrad war sehr kostbar. Wir hatten es geborgt", erzählt die heutige Mecklenburgerin, während ihre Finger unermüdlich Wolle zu einem Faden werden lassen. Heute spinnt sie, "weil es entspannt". "Und solche Meisterschaften, wie die hier in Blüthen, sind gut, weil man andere Leute trifft, sich austauschen kann." Aus Strigleben sind Anna Winter und Theresia gekommen. Mutter und Tochter gehören zu den 13 Prignitzerinnen, die sich am Wettbewerb beteiligen. Anna Winter hat in dem Dorf einen Milchschafhof. Da sei es eigentlich selbstverständlich, dass man spinnt. Theresia gehört an diesem Tag sicher zu den jüngsten hinter dem Spinnrad, vertritt aber nicht allein die junge Generation. Diese Meisterschaft belegt, es sitzen beileibe nicht nur Großmütter am Spinnrad. Und noch etwas fällt auf bei diesem Wettstreit: Spinnrad ist nicht gleich Spinnrad. Während die einen aussehen, als seien sie bei Dornröschen ausgeliehen, sind andere modern, haben Riemen und verschieden große Räder, um die Geschwindigkeit zu regeln. Viel Interessantes weiß Maria Vieten, sie spinnt an diesem Tag selbst nicht mit, sondern misst die Zeit, über die verschiedenen Spinnradmodelle, über die Verarbeitung von Flachs und Wolle zu Garn und auch übers Klöppel zu erzählen.

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