Landschleicher pirscht nach Wildbockwurst

Foto: Felix Alex
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27. März 2013, 07:15 Uhr

Kietz | Das Gewehr geschultert und den Feldstecher vor den Augen blickt Sigrid Tietz von ihrem Hochsitz über die weite Elbtalaue. Doch was sie an diesem Morgen erblickt, lässt ihre Hand nicht zum Gewehr greifen. Denn wo sie sonst Wildschweine und Enten sieht, blickt die Kietzerin heute in das Objektiv einer Kamera. Der Ausruf "jetzt bitte nochmal nach links gucken" lässt dann auch das letzte bestehende Gefühl der Jagd verschwinden. Grund für dieses Schauspiel ist die rbb-Sendung Landschleicher. Heute vor 20 Jahren begab sich dessen Team zum ersten Mal auf Geschichtensuche in einen Brandenburger Ort mit einer Einwohnerzahl unter 2 000. Wie passend, dass morgen die jährliche Ostersondersendung ansteht. Dafür machte sich das siebenköpfige Team in dieser Woche auf in die Prignitz. Von Breetz ging es über Kietz nach Boberow. Der "Prignitzer" traf das Fernsehteam bei ihrem Dreh in Kietz, wo Moderator Gerald Meyer mit eben jener Sigrid Tietz über die Eröffnung ihres Cafés und ihre Sonderstellung in der Männerdomäne Jagd plauderte.

Zum Jagen kam die Lenzener Boutiquebetreiberin vor fast genau zehn Jahren über ihren Sohn. "Eigentlich wollten wir zusammen den Jagdschein machen, aber er ist dann drei Tage vor Kursbeginn abgesprungen", erzählt die Kietzerin. Durchgezogen hat sie den Lehrgang anschließend alleine und es bis heute keine Sekunde bereut, auch wenn sie in der Männerdomäne Jagd als Frau eher die Ausnahme bleibt.

Eben dieser Seltenheitswert war es auch, der den Land schleicher in die Lenzerwische lockte. Da muss Moderator Gerald Meyer dann doch auch gleich noch einmal nachfragen, als die beiden auf dem Hochsitz miteinander sprechen. "Was ist für Sie denn faszinierend an der Jagd und was schmeckt Ihnen denn am besten?". "Die Natur erleben und genießen und gleichzeitig die Hege und Pflege des Wildes ist es, was ich nicht mehr missen möchte", erzählt Sigrid Tietz daraufhin und ergänzt lächelnd: "Natürlich auch das Wildfleisch". Und eben jenes ist es auch, das neben ihrem Jagd-Hobby nun ihre Zukunft prägen wird.

Ein Jagdzimmer als Geburtstagsgeschenk

Denn nach Ostern eröffnet sie zusammen mit ihrem Mann Michael ein Café, direkt neben ihrem Wohnhaus. Hier, im ehemaligen Wencksternschen Schloss, verbrachte die bisherige Boutiquebesitzerin einen Großteil ihrer Kindheit und wird nun genau an diesem Ort ihre Besucher empfangen. Doch war es bis zur Eröffnung des "Imbiss zur alten Wenck sternburg" ein ebenso verschlungener Weg wie die Geschichte des alten Gemäuers. So gehen die Aufzeichnungen über das Gebäude mindestens bis zum Jahre 1740 zurück, die des 100 Meter entfernt gelegenen Burgwalls sogar bis auf das Jahr 1150. Nach dem Geschlecht der Wenck sterns bevölkerten dann über die Jahrhunderte verschiedene Verwalter das ehemalige Schloss, das aufgrund von Materialmangel in der Umgebung 1945 um zwei Drittel seiner Größe schrumpfen musste. Durch die Bodenreform in den 1950er Jahren wurde das Anwesen dann an die Großeltern von Sigrid Tietz übertragen. "Ich habe selbst bis 1965 hier gelebt und auch später von Lenzen aus jeden freien Tag hier bei meinen Großeltern verbracht", erzählt sie. 1993 zog das Ehepaar Tietz dann in ein neu errichtetes Gebäude wenige Meter vom Schloss entfernt. "Doch so richtig angekommen ist meine Frau dann erst wieder mit der Jagd", erinnert sich Michael Tietz.

Währenddessen verfiel ein Teil des Schlossgebäudes immer mehr, nachdem er im Laufe des Jahrhunderts als Stallung genutzt wurde und anschließend 25 Jahre lang leer stand. "Da es nicht ewig so bleiben konnte, habe ich meiner Frau dann zum Geburtstag einen Gutschein für ein Jagdzimmer geschenkt", so Michael Tietz. 2008 gingen dann die Bauarbeiten los. "Alle Deckenbalken waren gebrochen, es regnete rein und eine Wand drohte rauszufallen", beschreibt der Freizeitchronist. Hinzu kam eine Hobbyküche für das Wildfleisch, das die Jagd mit sich brachte und die ebenfalls in den Räumen Platz fand. Von dort aus war der Schritt zum ehemaligen Jugendtraum der Beiden, ein eigenes kleines Café zu betreiben, nicht mehr weit. Und so wurde aus dem eigentlich für private Zwecke gedachtem Jagdzimmer innerhalb weniger Monate ein gemütlicher Ort, der nun auf seine Gäste wartet. "Ich will den Touristen die Schönheit zeigen, die das Wassergrundstück und die Geschichte bietet und dazu selbstgebackenen Kuchen sowie Wild-Bockwurst, -Knacker, -Sülze, -Schinken, -Salami und -Leberwurst reichen", erklärt Sigrid Tietz, die bereits in Kindertagen mit dem Schlachten in Berührung kam und deshalb die Rezepte ihrer Großmutter anwenden kann.

Kein Wunder also, dass sich auch das Landschleicher Team beim Anblick der Köstlichkeiten nur schwer zurückhalten konnte, bevor sie nach Boberow zur MoorScheune aufbrachen. Der Landschleicher extra mit den Beiträgen aus Kietz, Breetz und Boberow läuft am Karfreitag um 18.55 Uhr auf rbb.

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