zur Navigation springen

Landkreise sehen Tempo 70 auf Alleen skeptisch

vom

svz.de von
erstellt am 19.Nov.2011 | 05:49 Uhr

Seelow | Autofahrern im Landkreis Märkisch-Oderland bietet sich in diesen Tagen ein seltsamer Anblick am Straßenrand. Dort hantieren Arbeiter in roten Warnwesten mit Zollstock und Maßband, machen sich an Baumstämmen zu schaffen, zählen Bäume auf festgelegten Abschnitten. Was auf den ersten Blick merkwürdig aussieht, hat spätestens Anfang nächsten Jahres weitreichende Folgen. Dann nämlich soll der von Brandenburgs Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD) erarbeitete Tempo-70-Erlass umgesetzt werden. Auf Straßen mit dichtem Baumbestand, in der Regel Alleen, soll demnach die Geschwindigkeit gedrosselt werden, um Unfallzahlen zu senken. Denn immerhin 40 Prozent aller Unfalltoten in Brandenburg lassen ihr Leben an Straßenbäumen. "Kriterien für Tempo 70 sind mindesten 15 Bäume auf einem Straßenabschnitt von 500 Metern. Stehen die zudem weniger als viereinhalb Meter vom Straßenrand entfernt, ist Gefahr im Verzug",erläutert Uwe Wähner, Leiter der Straßenverkehrsbehörde des Landkreises Märkisch-Oderland. Die Landkreise sind demnach verpflichtet, ihre Bestandsaufnahme zu Bundes- und Landesstraßen bis zum Jahresende ans Ministerium zu melden. Für entsprechende Kreis- sowie kommunale Straßen wird die Umsetzung von Tempo 70 "dringend empfohlen".

Dieses Schlupfloch will der Landrat vom Nachbarkreis Oder-Spree, Manfred Zalenga, nutzen. "An unseren Kreisstraßen wird sich nichts ändern. Gebe es da noch Unfallschwerpunkte, an denen Tempo 70 angebracht wäre, hätte unsere Verkehrsunfallkommission in den vergangenen zehn Jahren geschlampt", sagt der Verwaltungschef, der den Minister-Erlass als "blinden Aktionismus ohne Sinn und Verstand" bezeichnet. Mit seiner Kritik am Tempo-70-Limit steht er längst nicht allein."Unverhältnismäßig" nennt der Bundesverband mittelständische Wirtschaft den Erlass angesichts bereits bestehender Geschwindigkeitsbeschränkungen in Brandenburg. Weitere Restriktionen würden den Gütertransport behindern, zusätzliche Kosten verursachen und dem Mittelstand schaden. Starke Zweifel an der Zweckmäßigkeit neuer Tempolimits haben auch Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburgs.

Auch der Landkreis Märkisch-Oderland ist mit dem verpflichtenden Erlass nicht gerade glücklich, wie Sprecher Tobias Seyfarth betont. "Angesichts einer hohen Alleendichte in Märkisch-Oderland werden wir wohl demnächst ein großes Maß an Geschwindigkeitsbeschränkungen haben", konstatiert er. Dass sei problematisch für einen Pendler-Landkreis, der auf eine gut funktionierende, nicht ausgebremste Infrastruktur angewiesen ist. Seyfarth verweist auf ein deutschlandweit einmaliges Experiment an der Bundesstraße 158 bei Tiefensee. Dort wurden vor einem Jahr in einer gefährlichen Kurve signalrote Sichtwände aufgestellt. "Seit dem gab es dort keine Unfälle mehr", bestätigt Wähner. Einzige Alternative zu Tempo 70 wäre laut Ministererlass das Aufstellen von Leitplanken - zu kostspielig für die finanziell dünn ausgestatteten Landkreise. Ein Kilometer Schutzplanke kostet rund 40 000 Euro, bei entsprechenden Landeszuschüssen blieb der Eigenanteil der Kommunen und Kreise bei 10 000 Euro.

Da sind Tempo reduzierende Schilder durchaus erschwinglicher, sagt Wolfgang Hoffmann vom Brandenburger Landesbetrieb Straßenwesen, Eigentümer der Landstraßen. "Natürlich kommen da immense Kosten auf uns zu. Die Gelder müssen wir an anderer Stelle einsparen, denn zusätzliche Mittel gibt es laut Ministerium ja nicht." Aber jeder Verkehrstote sei eben einer zu viel, so Hoffmann.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen