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Der Prignitzer

21. November 2017 | 18:48 Uhr

Landarzt sagt nach 36 Jahren Tschüss

vom

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erstellt am 28.Jan.2011 | 07:06 Uhr

Dallmin | Den Landarzt-Filmen kann Michael Heyn nur ein Lächeln abgewinnen. Die Realität sehe doch etwas anders aus. Der Sanitätsrat aus Dallmin muss es wissen. Mehr als 36 Jahre praktizierte der Allgemeinmediziner als Landarzt, lernte alle Seiten dieses fordernden Berufs kennen. Gestern hielt er seine letzte Sprechstunde, geht nach insgesamt 42 Dienstjahren, davon fünf Jahre Facharztausbildung, in den wohlverdienten Ruhestand."Ich bin jetzt im 68. Lebensjahr", sagt Michael Heyn.

Vielleicht hätte er schon etwas früher aufgehört, doch da war immer noch die Frage offen, finde ich einen Nachfolger, stand die Verantwortung gegenüber seinen Patienten, sie nicht ins Ungewisse zu entlassen. Die glückliche Fügung, einen Nachfolger - genauer gesagt eine Nachfolgerin - zu finden, ergab sich erst vor kurzem. Ganz frisch ist das Okay des Zulassungsausschusses der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburgs vom 19. Januar. Nahtlos wird Diplommedizinerin Sonja Gericke, Ärztin für Allgemeinmedizin, die Praxis übernehmen und am 7. Februar ihre erste Sprechstunde abhalten. "Sie führt ihre Praxis in Perleberg weiter, wird aber ihren Schwerpunkt nach Dallmin verlegen", erzählt Michael Heyn. Die täglichen Sprechstunden sind hier montags und donnerstags von 15 bis 18 Uhr sowie dienstags, mittwochs und freitags von 8 bis 12 Uhr.

Er selbst wird mit seiner Frau an die Ostsee ziehen - wieder, muss man hinzufügen. Denn Michael Heyn ist ein "Jung von de Waterkant", in Bergen auf Rügen geboren - ein "Rüganer", wie er nicht ohne Stolz betont. Nach dem Medizinstudium 1962 bis 1968 in Rostock verschlug es den gebürtigen Pfarrerssohn zur Facharztausbildung nach Roßlau und in den Kreis Sangerhausen. Doch dann wollte er wieder weiter in den Norden, "wo man mein Platt versteht". In der Prignitz, in Dallmin, blieb er 1974 als 31-Jähriger hängen, übernahm die neu installierte staatliche Arztpraxis und baute ein Netz von Nebenstellen in Dambeck, Brunow, Klueß und Reetz auf. Im Laufe der Jahre wuchs die Zahl der zu betreuenden Patienten in den zwölf Orten und Ortsteilen auf 1800. "Bis zu 300 Hausbesuche im Quartal waren damals Satz", fügt Michael Heyn an. Heute sind es 150 Hausbesuche und etwa 1500 Patienten.

Allgemeinmediziner und Landarzt zu werden, stand für den heutigen Sanitätsrat bereits vor Studienbeginn fest. Und er habe die Entscheidung nie bereut. "Als Allgemeinmediziner muss ich zwar ein breites Feld abdecken, kann damit in einzelnen Disziplinen nicht so in die Tiefe gehen. Wichtig ist, eine Nase zu haben, wann muss ich abgeben, an einen Facharzt überweisen oder eine notwendige stationäre Behandlung einleiten", betont Michael Heyn. Und: "Neben aller Fachlichkeit ist mir das Zwischenmenschliche sehr wichtig gewesen."

So erlebte er das Aufwachsen mehrerer Generationen mit, sah mit Freuden, wie Kinder aus der ersten Mütterberatung zu "wohlgestalteten Eltern" wurden. Zweimal musste der Arzt als Geburtshelfer einspringen, kamen die Babys schneller als der Krankenwagen da war. "Mich hat nur geärgert, dass dann auf der Geburtsurkunde Perleberg und nicht Dallmin stand." Als Arzt praktizieren, heiße aber ebenso, den Totenschein auszufüllen. Auch im Bewusstsein, dass das Leben endlich ist, sei das immer ein Gefühl der Niederlage - und auch des Schmerzes, wenn man sich mit der Familie verbunden fühlt.

Michael Heyn schließt seine Praxis, die in der letzten Januarwoche noch einmal, auch durch die Urlaubsvertretung für seinen Pröttliner Kollegen Dr. Eberhard Arndt mehr als gut besucht war, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil nun mehr Zeit ist als bisher für die Hobbys - seine große Bibliothek, die Numismatik, für die Familie und die Ostsee, die er endlich wieder vor der Tür hat. Lachend auch, weil er eine Nachfolgerin fand. "Weinend, weil sich in 36 Jahren viele Freundschaften und Bekanntschaften entwickelten, die man nicht einfach amputieren kann. Wir werden sie weiter pflegen, die räumliche Trennung ist aber doch eine Zäsur."

Mit Befriedigung schaut Michael Heyn auch auf Erreichtes in den langen Jahren seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Mitglied der Kreissynode der evangelischen Kirche, des Kreiskirchenrates, des Gemeindekirchenrats sowie der Gemeindevertretung und des Ortsbeirates Dallmin. Anteil hat er an der Sanierung beziehungsweise Erneuerung von Glockengeläut, Turm, Giebel und Fenster der Dallminer Kirche. "Der I-Punkt wäre die Restaurierung der Orgel. Wir mussten sie aufgrund der anderen Arbeiten nach hinten schieben. Nun wird es auch ohne mich gehen müssen. Vielleicht klappt es ja 2012 oder 2013", meint Heyn, dem das wertvolle historische Instrument des Baumeisters Anton Heinrich Gansen, das es in der Art nur zweimal gibt, sehr am Herzen liegt. Die zweite Orgel ließ die Familie von Bismarck in Krevese in der Altmark bauen. "Die Dallminer Orgel, von der damaligen Familie von Winterfeldt in Auftrag gegeben, hat jedoch zwei Register mehr", merkt Heyn schmunzelnd an.

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