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Kunstpfeifen - Mit Pfiff auf die Festspielbühne

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erstellt am 18.Jul.2011 | 06:53 Uhr

Beethovens "Neunte", Vivaldis "Vier Jahreszeiten" oder die "Königin der Nacht": Vor Geert Chatrou ist wirklich kein Klassiker sicher. Dabei pfeift der Niederländer wahrhaftig auf jede Form von Instrument, wenn er die großen Namen der Musikgeschichte interpretiert, denn Chatrou ist Kunstpfeifer.

"Zugegeben, ein bisschen verrückt kommt das den meisten Menschen schon vor, wenn sie mich das erste mal pfeifen hören", sagt er im Gespräch mit dem "Prignitzer" und stimmt gleich eine Melodie an. Und jenen Kulturfreunden, die noch nie vom Fach der Kunstpfeiferei gehört haben, muss beinahe zwangsläufig die Spucke weg bleiben, wenn sie hören, welche wilden Tonfolgen Chatrou einzig und allein mit seinem Mund und den gespitzten Lippen hervorbringt.

"Dabei haben die Lippen selbst den geringsten Anteil am Ton, auch meine Zunge und die Stimmbänder benutze ich nicht dafür", sagt der 42-Jährige und setzt eine nicht so ganz ernst gemeinte Lehrermiene auf. "Die Töne entstehen im Kehlkopf, aber wie das anatomisch genau funktioniert, da habe ich ehrlich gesagt selbst keine Ahnung."

Wann genau er sein Talent entdeckt hat, weiß Geert Chatrou selbst nicht so genau. "Ich pfeife, so lange ich denken kann. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass mein Vater Schuld daran ist, denn er hat zu Hause auch immer rumgepfiffen. Als Kleinkind habe ich das bestimmt für einen Teil der normalen Kommunikation gehalten und ihn imitiert." Allerdings weiß Chatrou - inzwischen selbst mehrfacher Vater -, dass jedes Kind irgendwann das Pfeifen probiert. Das liege dem Menschen wohl irgendwie im Blut, mutmaßt er.

"Das Pfeifen ist eine Sache, die Menschen eigentlich nur dann tun, wenn sie gut drauf sind", ist Chatrou überzeugt. "Von daher ist es natürlich toll, dass ich diese Fähigkeit soweit perfektionieren konnte, um damit aufzutreten. Damit zaubert man immer ein Lächeln auf die Gesichter der Zuhörer."

Bei vielen gestandenen Musikerkollegen in den Orchestern hingegen trifft Chatrou nach wie vor zuerst auf Ablehnung. "Die denken offenbar, sie haben nicht jahrelang ihr Instrument studiert, um jetzt zusammen mit einem Komiker, mit einer Zirkusnummer aufzutreten." Diese Einstellung löse sich aber zumeist mit der ersten gepfiffenen Partie in Luft auf. "Nach dem Auftritt gibt es hinter der Bühne nicht selten wortloses Schulterklopfen, aus dem eine ernst gemeinte Anerkennung spricht", bemerkt Chatrou.

Obwohl er am liebsten gemeinsam mit großen Orchestern spielt, fühlt sich der Holländer in so ziemlich jeder Musik zu Hause. "Klezmermusik, Jazz, alte Musik, Klassik - jedes Genre hat seinen Reiz. Ich habe mir sogar schon ein Duell mit einem Hard-Rock-Gitarristen geliefert, das hat die Zuschauer natürlich begeistert."

Dreieinhalb Oktaven umfasst Chatrous "Stimm"-Umfang, wobei der höchste Ton "irgendwo knapp über der letzten Taste auf dem Klavier", liegt, wie er lachend erklärt. "Vom Klangcharakter her ist so ziemlich alles drin, vom Lyrischen über das Dramatische bis hin zur Virtuosität."

Sein seltenes Talent hat Geert Chatrou dreimal den Titel als Weltmeister im Kunstpfeifen eingebracht. Außerdem war er Jurymitglied bei diversen Wettbewerben, ist als Juror für die Kunstpfeifer-WM 2012 in Japan gebucht. Darüber hinaus gibt er Workshops, "in denen ich aber niemandem das Pfeifen beibringen kann, sondern nur denjenigen, die Talent haben, Tipps zur Interpretation gebe".

Und ab und zu nutzt er seine Fähigkeit auch, um andere hereinzulegen, wie er augenzwinkernd zugibt. "Ich mache Klingeltöne von Handys nach oder Pfeife im Fahrstuhl das Signal für Überladung", sagt er und grinst. Einmal hat es seine Kollegen in einem Krankenhaus - Chatrou ist gelernter Krankenpfleger, arbeitet noch vier Tage pro Monat in seinem Beruf - getroffen. "Ich hatte Dienst in einer Psychiatrie, wo jeder Pfleger einen Alarmknopf bei sich hat, um Hilfe zu holen, wenn er von einem Patienten bedroht wird. Wir Pfleger saßen gemeinsam im Pausenraum, guckten Fernsehen, und ich pfiff genau den Alarmton. Alle waren geschockt, sprangen hektisch auf, um dem Kollegen zu Hilfe zu eilen, nur ich blieb sitzen. Ab und zu kann ich es mir einfach nicht verkneifen."


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