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Grüne Woche : Kulinarische Weltreise endet am Knieperstand

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Im Trippelschritt mit Tausenden Besuchern über die weltgrößte Messe für Ernährung

svz.de von
erstellt am 26.Jan.2014 | 22:00 Uhr

Vor den Messehallen weht ein eisiger Wind. Dick vermummt eilen Besucher durch die Türen. Für die nächsten Stunden sind das ihre letzten schnellen Schritte. Hinter den Türen stoßen sie auf einen Ameisenhaufen. Fortan geht es im Trippelschritt auf schmalen Ameisenwegen vorwärts.

Der Weg bis zur Prignitz ist weit und führt über diverse Kontinente, durch exotische Länder, vorbei an schnaubenden Tieren. Das hat seine Vorteile. Überall gibt es was zu schauen und zum Naschen: Der Norweger reicht Lachshäppchen, in der Ukraine wird Bortsch serviert und das Baltikum hat Schokoladentrüffel im Angebot. Da kommt das Gläschen Wodka aus der russischen Tundra gerade recht.

Die Beine werden müde, macht aber nichts. Wer nicht weiter geht, wird geschoben. Wie praktisch. Oder einfach eine Pause einlegen, zum Beispiel am Stand von Zviad Arabidze. Der Georgier lädt zur Weinprobe und wer sich darauf einlässt, kostet uralte Rebsorten.


Ein Gläschen Wein zwischendurch


Die Anfänge der georgischen Weinkultur datieren Archäologen auf 6000 Jahre vor Christus. In dem Land gibt es mehr als 525 endemische Sorten, die nur in Georgien vorkommen. Zviad schenkt einen trockenen Sapheravi oder einen halbtrockenen Kindzmarauli ein. Es gibt Biosorten und Wein aus traditionellen Tongefäßen. „Dieser Wein wird nicht im Fass, sondern in kegelförmigen Tongefäßen in der Erde gelagert“, erklärt Zviad Arabidze, der als Geschäftsführer der Geohaus GmbH georgische Weine online anbietet.

Auf Ameisenpfaden geht es durch Bayern, Sachsen-Anhalt, Berlin, Brandenburg. Geschafft. Die Gerüche wirken vertraut und was auf den Tellern liegt, kommt einem bekannt vor. Knut Jessen vom Burghotel Lenzen serviert heute Knieperkohl. Der neunte Prignitzer Koch am neunten Messetag mit Knieper. „Aber jeder hat seine Kniepergerichte variiert, so dass wir eine unglaubliche Vielfalt zeigen konnten“, betont Mike Laskewitz vom Tourismusverband Prignitz.

Dieser organisiert seit Jahren den Messeauftritt der Prignitzer Gastwirte und sagt: „Was wir mit dem Knieper aufgebaut haben, trägt Früchte.“ Noch ist er nicht so bekannt wie Spreewälder Gurken, aber von Jahr zu Jahr steige das Interesse der Aussteller, der Zeitungen und Radiosender an diesem Gericht. „Knieper wird mittlerweile als Spezialität aus Brandenburg gehandelt und wir hatten Besucher, die sind gezielt zu uns gekommen, um ihn zu essen“, so Laskewitz.


Prignitz weckt Neugier bei Berlinern


Bei Renate Strehle ist es anders. Sie kennt bisher weder Knieper, noch die Prignitz. „Ich komme jedes Jahr extra aus Bayern zur Grünen Woche und jetzt sogar hierher nach Brandenburg“, erzählt sie. Zusammen mit Melanie Nerlich und Anke Bogon aus Berlin ist sie heute auf Entdeckungstour. Die Schnittchen mit Rucola-Mandel-Pesto von Knut Jessen schmecken ihnen köstlich und machen sie neugierig auf die Prignitz. Bis dorthin haben es noch nicht einmal die zwei Berlinerinnen geschafft. Aber jetzt seien sie gespannt, und ihre Freundin Petra Vetter nimmt sich schon mal das Urlaubsjournal.

Was die Prignitz an Kultur zu bieten hat, erfahren die Besucher heute neben der Kulinarik, denn es ist Prignitztag. Auf der Antenne-Brandenburg-Bühne spielt erst der Perleberger Spielmannszug, dann treten die Linedancer Blue Angels auf. Die Gruppe besteht seit mehr als zehn Jahren, ist auf Ernte- und Schützenfesten zu erleben. Der heutige Auftritt ist ihr bisher größter: „Das hat großen Spaß gemacht, aber wir waren wirklich aufgeregt“, gestehen Margret Wolgast und Heidi Reppert.


Charmante Küsschen verführen


Die beiden Frauen sind begeisterte Line-Dancer. „Tanzen ist gut für Kopf und Beine“, sagt Heidi Reppert. Außerdem brauche man beim Line-Dance keinen Partner, da in der Gruppe getanzt wird. Falsch sei auch, dass nur Countrymusik gespielt wird. „Wir haben moderne Songs im Programm“, so Margret Wolgast. Die Blue Angels suchen Nachwuchs und wer sie kennen lernen möchte, kann sie mittwochs um 19 Uhr in Düpow bei der Firma Ryll besuchen.

Auf ganz viele Besucher hofft die Stadt Perleberg in diesem Jahr, schließlich feiert sie ihren 775. Geburtstag und wirbt charmant: Theresa Weiß verteilt Perleberger Küsschen zum Naschen, Yvonne Liermann und Mattis Rusch Prospekte. Da greifen die Wittenberger Daniel Bierwirth und Chantal Krüger gerne zu. „Man hört und liest so viel über diese Messe, da wollten wir sie uns selbst anschauen“, sagen sie. Auch Marita Gehlhar greift zum Küsschen. „Das sind nette Models und der Kuss berührt mich. Eine schöne Idee“, lacht die Wittstockerin. Bürgermeister Fred Fischer weiß, wie er Berliner zu den Feierlichkeiten in die Rolandstadt locken kann: „Weil der Berliner jetzt schon das künftige Zentrum zwischen den Metropolen Hamburg und der Hauptstadt kennen lernen sollte.“

Auf der Anreise lohnt ein Halt in Buddenhagen bei Meyenburg. Dort betreibt Cordula Schoenegge einen Kräuterhof. Heute steht sie als einer von sieben Partnerbetrieben des Biosphärenreservats Elbtalaue auf der Messe. Mitgebracht hat sie Kräutersalze, -tee, -kissen und -rauchmischungen.

In Berlin aufgewachsen zog sie vor 23 Jahren in die Prignitz, wohnte zur Miete und erwarb dann ein 5000 Quadratmeter großes Grundstück. Endlich ausreichend Platz für ihre Kräuter, die sie auf rund 500 Quadratmeter anbaut. „Ich sammle auch Wildkräuter.“ Selbst jetzt im Winter finden sich Brennnessel, Spitzwegerich oder die Gundelrebe. Ihre Rezepte erstellt sie allein. Das koste Zeit und manch ein Fehlversuch sei auch dabei, bis Mischung und Geschmack stimmen. Beim Rosensalz ist es ihr gelungen, wie Birgit Schirmer nach ihrer Kostprobe anerkennend lobt.

Am Prignitztag hat die Region noch mehr zu bieten. Im Kochstudio von pro agro stehen Falko Kolzur, Koch im Brauhaus auf der alten Ölmühle in Wittenberge, und Björn Hildebrandt vom gleichnamigen Hirschhof in Freyenstein am Herd. Er bereitet Mufflonfleisch zu und Falko Kolzur Filetspitzen vom Damwild.


Schlagerstar kostet Filet vom Damwild


Antenne-Moderator Detlef Olle interviewt sie und so erfahren die Gäste weit mehr über die Prignitz, als nur ihre besten Rezeptideen. Detlef Olle blickt auf das Hochwasser zurück, welches die Ölmühle im Kochstudio selbst thematisiert: Lauter kleine Sandsäcke liegen auf dem Tresen und die Gäste dürfen zugreifen, sie als Andenken mitnehmen. Aber erst werden die Gerichte gekostet und ein Schlückchen Herzbräu aus der Ölmühlbrauerei ebenfalls nicht verschmäht.

Gerd Christian kommt vorbei. Gerade noch sang er auf der Bühne seinen Kulthit „Sag ihr auch“, doch nun will er wissen, was es Leckeres im Kochstudio gibt. Nur gut, dass die Gerichte inzwischen fertig sind, denn der Sänger gesteht: „Kochen kann ich nicht.“ Dafür erzählt ihm Detlef Olle von der schicken Bühne auf dem Ölmühlgelände: „Wie wär’s mal mit einem Konzert dort?“ Das klinge interessant, zeigt sich Gerd Christian aufgeschlossen.

Am Tag davor könnte er seinen Auftritt mit einer kulinarischen Entdeckungsreise verbinden. Für die werben heute Jürgen Schmidt als Paul Lincke, Frauke Spiller von der Touristinformation und Robert Kodlin. Der junge Mann ist Koch im Theaterkeller – eine Station der drei im Angebot befindlichen kulinarischen Touren.

Ein viertes Angebot hat er maßgeblich mit entwickelt: den Hildegard von Bingen-Abend. „Sie hat die Urform der gesunden Ernährung begründet. Daran kommt man als Koch nicht vorbei“, sagt Kodlin.

Gut gestärkt ist es Zeit für die Rückreise, die zunächst an weiteren brandenburgischen Köstlichkeiten vorbei führt. Für Senfliebhaber lohnt ein Halt an der Klosterfelder Senfmühle. Vor den Toren Berlins entstehen 35 Sorten – vom Orangen-Senf bis zum Scharfen Boris. „Mit zwei Rezepten von der Großmutter haben wir angefangen“, sagt Chefin Monika Trautmann. Mehr Zeit hat sie nicht, zu viele Besucher wollen etwas über ihre Produktion wissen.

Über Frankreich, Griechenland und Portugal geht es im Trippelschritt zur Garderobe. Rein in die warmen Klamotten, raus in den eisigen Wind. Gut gestärkt ist die Kälte nicht mehr so schlimm zu ertragen und notfalls schaukelt im Gepäck ein Fläschchen Wodka aus der russischen Tundra. Eiskalt schmeckt er bekanntlich am besten.


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