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Der Prignitzer

17. Dezember 2017 | 09:15 Uhr

Krippenspiel im afghanischen Feldlager

vom

svz.de von
erstellt am 23.Dez.2012 | 06:07 Uhr

Havelberg/Prignitz/Kunduz | Rund 100 Havelberger Soldaten sind derzeit in Afghanistan im Einsatz. Unsere Mitarbeiterin Andrea Schröder hat sie vor Weihnachten im Feldlager besucht. In einer kleinen Serie werden wir über ihren Einsatz, ihren Alltag berichten, werden erzählen, wie sie Weihnachten verbringen. Heute berichten wir von einer Spendenaktion.

Das altbekannte Lied "Weihnachten in Familie" klingt durch den Raum, als sich die Havelberger Soldaten zum Adventsnachmittag treffen. In ihrem "Outpost" duftet es nach frischem Kaffee. Auf dem Tisch stehen Lebkuchen, selbstgebackene Plätzchen und Stolle.

Die Panzerpioniere kommen zusammen, um die Grüße aus der Garnisonsstadt entgegenzunehmen. Darunter ein großes Tuch mit einem winterlichen Dommotiv und vielen Unterschriften von Leuten aus der Stadt und ihren Familien aus der Prignitz. Gut 6000 Kilometer trennen sie von der Elb-Havel-Kaserne und von ihren Lieben zu Hause.

Seit Juli beziehungsweise August leisten die Soldaten im ISAF-Kontingent im Feldlager in Kunduz ihren Dienst - die zweite Kompanie im deutschen Einsatzverband PATF, Teile des Stabes übernehmen im Unterstützungsverband PRT die Aufgaben der Leitung. Bei all den verschiedenen Aufgaben in Afghanistan weihnachtet es überall in Kunduz.

Bäume kamen aus Brandenburg

Die Weihnachtsbäume wurden eingeflogen, sie wuchsen in Zernitz bei Neustadt-Dosse, berichtet Oberstleutnant Roland. Er ist im Stab für die Materialversorgung des Feldlagers zuständig und hat sich um die rechtzeitige Lieferung der Bäume und diversen Adventsschmuckes gekümmert. In seinem Büro zieren Weihnachtsservietten den Tisch, ein Räuchermännchen verbreitet wohligen Duft.

Auch in anderen Büros stehen Schalen mit selbstgebackenen Plätzchen. Päckchenweise kommt süßer Nachschub von den Familien aus Deutschland. An den Adventsgestecken brennen Kerzen. Es gab schon kleine Weihnachtsmärkte der Deutsche und der Niederländer - ein bisschen Heimatgefühl in der Fremde.

"Klar wären wir lieber zu Hause, wer was anderes behauptet, der lügt", sagt ein Soldat. Gerade in der Vorweihnachtszeit gehen die Gedanken immer öfter zu den Lieben daheim, man wird dünnhäutiger. Das wissen auch die Chefs.

Beim Bataillonsantreten appelliert der Kommandeur des Havelberger Panzerpionierbataillons Oberstleutnant Oliver Esdar, der hier Chef des Stabes ist, an alle, noch mehr aufeinander zu achten, Probleme zwischenmenschlich zu regeln. Gerade Weihnachten und Neujahr im Einsatz zu sein, bedeute Stress, sei eine emotionale Belastung.

Viele sagen, dass es für sie in Kunduz, in dieser "Familie auf Zeit", gar nicht so schlimm sei, wie für die Familie zu Hause. "Hier wird jeder kameradschaftlich aufgefangen". Die Angehörigen wiederum denken, "wir haben ja die Familie, die Freunde um uns herum", war am vergangenen Freitag beim Treffen in der Familienbetreuungsstelle in der Havelberger Kaserne zu hören.

In Hamburg warten die Frau und ein Baby

Besonders schwer ist es für all diejenigen, die Kinder zu Hause haben. Christian aus Hamburg zum Beispiel ist im September Vater geworden, ebenso Stephan aus Potsdam. Matthias, der in Deutschland auf dem Truppenübungsplatz Baumholder und in Kunduz im Stab tätig ist, vermisst das Plätzchenbacken mit seinem Patenkind und die Weihnachtsmärkte mit Glühwein und heißen Maronen.

Ralf aus Havelberg findet es schade, sein zweijähriges Enkelkind nicht sehen zu können. "Das ist das erste Weihnachten, das sie bewusst erlebt. Aber wir machen es uns hier auch schön. Auch wenn ich nicht zu Hause bin, freue ich mich echt schon auf die Festtage."

Die Leute sind ganz anders in der Vorweihnachtszeit. Man trifft sich zum Adventskaffee, freut sich noch mehr auf Pakete und über Geschenke. Viele lassen sich was einfallen, so hingen zum Nikolaus Süßigkeitenbeutel an den Türen. Schüler aus Deutschland haben an die Soldaten geschrieben, berichtet der Major, Amerikaner schickte Päckchen geschickt, Kirchengemeinden Karten geschrieben und Adventsschmuck gebastelt. "Es ist eine ganz besondere Zeit, es denken viele Menschen an uns."

Der Stabsoffizier für Instandsetzung sorgt selbst auch dafür, dass die Soldaten und zivilen Kräfte im Feldlager ein schönes Weihnachtsfest haben. Seit Ende Oktober wird das Krippenspiel einstudiert. Die Idee dazu entstand schon in Havelberg. Mit der interessanten Inszenierung, in der dem Engel Gabriel eine große Rolle zukommt, hoffen die Akteure, die Weihnachtsbotschaft vermitteln zu können und den Soldaten in ihrer vielleicht traurigen Stimmung zu helfen.

17 Leute spielen mit. Heute wird das Krippenspiel um 19 Uhr im Speisesaal im Feldlager in Kunduz aufgeführt, am ersten Weihnachtsfeiertag fliegen die Akteure zur Aufführung zum Außenposten OP North, wo 300 bis 400 Soldaten stationiert sind. Die beiden Militärpfarrer bereiten Gottesdienste vor.

Die zweite Kompanie der Havelberger Pioniere wird heute Abend geschlossen zum Essen in den Speisesaal gehen, berichtet Spieß Maik aus Sandau. In lockerer Runde werden alle dann zusammensitzen und es wird auch eine Bescherung geben. Auch die Bundeswehr hat für Geschenke gesorgt, zum Beispiel mit Thermobecher, USB-Stick und Handtuch.

"Es ist mein erstes Weihnachten ohne Familie. Bis jetzt geht’s mir gut. Ich habe einen kleinen Baum geschickt bekommen. Ich denke, wir machen hier das beste draus", sagt Florian (25) aus Tangermünde. Auch Christin (26) aus Seehausen wäre natürlich lieber zu Weihnachten zu Hause. Doch wie alle anderen erledigen auch diese beiden weiterhin ihren Dienst und freuen sich, im Januar nach sechs Monaten nach Deutschland zurückzukehren.

Kurz vor Weihnachten hatte die Familienbetreuungsstelle in Havelberg am Freitag zur Videokonferenz eingeladen, bei der Kommandeur, Kompaniechef und Spieß von Kunduz aus zu den Angehörigen sprachen und versicherten, dass den Soldaten drei ruhige Tage bevorstehen. Die Frauen, Mütter, Kinder hatten Gelegenheit, jeweils eine viertel Stunde mit ihrem Soldaten zu sprechen. "Ich habe schon einen Kloß im Hals, wenn ich daran denke, dass Weihnachten das Fest der Liebe ist und einer fehlt", sagt Daniela Lindholz. Ihre Söhne Pepe und Max, Schwager Erik und Schwiegermutter begleiteten sie zu dem Gespräch mit ihrem Mann.

Annett Meier hatte ihren Sohn Leeroy und Freunde mitgebracht. "Wir haben keine kleinen Kinder mehr und ich mache Weihnachten Nachtdienste im Kinderheim, da sind die Festtage nicht ganz so schlimm. Ansonsten bin ich aber sehr froh, dass ich Familie, Freunde und meine Katze habe, sonst wäre die Trennung für ein halbes Jahr vom Ehemann sehr schlimm", sagt die Havelbergerin.

Angela Pfüller denkt in diesen Tagen besonders oft an ihren Sohn und ist froh, wenn sie ihn bald wohlbehalten wieder in Havelberg begrüßen kann.

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