"Kriegsende wäre beinahe auch meines gewesen"

Das U 331 wurde nach dem Durchbruch der Seeblockade bei Gibraltar im Mittelmeer eingesetzt und hier am 17. November 1942 nördlich von Algier versenkt. 32 Seeleute kamen dabei um, 17 konnten gerettet werden. felix alex(1)/Privat(3)
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Das U 331 wurde nach dem Durchbruch der Seeblockade bei Gibraltar im Mittelmeer eingesetzt und hier am 17. November 1942 nördlich von Algier versenkt. 32 Seeleute kamen dabei um, 17 konnten gerettet werden. felix alex(1)/Privat(3)

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08. Mai 2013, 09:54 Uhr

Kümmernitztal/Grabow | Wenn heute Politiker allerorts an das Podium treten, um ihre Worte zum Tag der Befreiung an die deutsche Bevölkerung zu richten, so können sie nur erahnen, was damals in den Männern und Frauen vorging. Zeitgleich wird im kleinen Prignitzer Dorf Grabow, in der Gemeinde Kümmer nitztal, ein fast 96-Jähriger auf seine Anbauwand schauen, auf ein Modell eines U-Bootes mit der Nummer 311 blicken und sich an seinen ganz persönlichen 8. Mai und die vorangegangenen Kriegsjahre erinnern.

Jedoch war der 8. Mai 1945 für den Prignitzer Franz Lent bereits ein Tag, nahezu wie jeder andere auch. Der Grabower hatte, nachdem er 1939 in die Kriegsmarine eingetreten war, fast alle Seiten des Krieges miterlebt, dabei aber nie eine Pistole abgefeuert. Als das U-Boot 311 im Jahr 1940 vom Stapel lief, war Franz Lent ebenso dabei, wie beim Durchbruch der Seeblockade bei Gibraltar ein Jahr später. Der Torpedierung und Versenkung des Unterseebootes konnte er nur knapp entgehen und wäre beinahe unmittelbar vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands von einem deutschen Unteroffizier erschossen worden. Dass er seine große Liebe in den Kriegswirren fand und für sie von der Akropolis in Athen mit dem Zug in die Prignitz aufbrach, sind Erlebnisse, die ihm die verheerende Zeit bescherte.

Doch an eben jenem 8. Mai hatte das normale Leben bei Franz Lent schon beinahe wieder Einzug gehalten.

Meere von englischer Tyrannei befreien

"An dem Tag war alles ruhig und wir haben ja auch gewusst, dass sich das Ganze dem Ende zubewegt", blickt der mittlerweile 95-Jährige auf die fast sieben Jahrzehnte vergangenen Ereignisse zurück.

Franz Lent erzählt gern von dieser Zeit und das merkt man. Er ist keiner, der wenigen lebenden Zeitzeugen, die das Geschehene lieber ruhen lassen wollen. Und vielleicht schwingt auch ein wenig Verklärung mit, wenn er von seinen Fahrten nach Oslo oder Athen erzählt und seine Erlebnisse mit den Menschen dort und seinen Kameraden rekapituliert.

Aber der Geist ist wach wie eh und je in Franz Lent. Mit deutlicher Stimme werden die Bilder vor seinem geistigen Auge lebendig und vermitteln das Bild jener Zeit.

So erzählt er, wie der Vater die Familie verließ als Franz Lent 14 Jahre alt war, er anschließend Arbeitsdienst in Berge leistete und sich dann im Winter 1938 der Kriegsmarine anschloss. Nachdem er in Sassnitz in die Rekrutenkompanie aufgenommen und in Stralsund auf U-Boot Tauglichkeit getestet wurde, ging es nach Emden zur Baubelehrung.

"Hier sollten wir das Boot vom Bau an kennenlernen", erinnert sich der Prignitzer an seine erste Begegnung mit dem U 311, auf dem er mehrere Monate seines Lebens verbringen sollte.

Der Zeitgeist spiegelte sich bereits in der Ansprache des Werkdirektors Möller wieder. Die hielt er zum Anlass des Stapellaufes von U 331 und damit zum ersten in den Nordseewerken Emden gebauten Kriegsfahrzeuges am 20. Dezember 1940 als "Betriebsführer" vor seiner "Gefolgschaft": "Denn in der Tat ist im Kampf gegen unseren Erzfeind England die Waffe, welche hier in den Nordseewerken geschmiedet wird, neben der Luftwaffe als das Schwert zu betrachten, das am unmittelbarsten auf das Leben des Gegners zielt. ... Und wenn dieses Schiff einst, geschmückt mit den Zeichen siegreicher Feindfahrten, in seinen Heimathafen zurückkehrt ... wird auch seine Flagge ... die deutsche See- und Weltgeltung über die von englischer Tyrannei befreiten Meere tragen."

Was dem Stapellauf folgte, war eine wechselhafte Geschichte des U 331, die eng mit der Franz Lents verknüpft ist. Insgesamt zehn Feindfahrten mit zwei Versenkungen stehen in den Geschichtsbüchern. "Wieviele Torpedos ich gesehen habe, kann ich gar nicht mehr sagen", erzählt der am 18. Februar 1918 geborene Lent, der auf einer Fahrt nach Danzig auch auf Adolf Hitler traf.

Die Aufgaben innerhalb des U-Bootes waren klar verteilt. "Bei Alarm musste ich ans Hauptruder und die Steuerung per Knopfschaltung übernehmen", erzählt der Gefechtsrudergänger. "Die Kameradschaft an Bord, ohne die nichts geht, war groß und Oberleutnant zur See Hans Diedrich von Tiesenhausen war auch in Ordnung", so Lent weiter.

Beschuss, Minen und zwei Tage unter Wasser

So lässt sich das Leben mit all seinen Gefahren im U-Boot aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehen, vor allem, wenn Franz Lent wie alltäglich von den Erlebnissen berichtet. "Unser Boot wurde einmal auf über 200 Meter abgedrückt, ich habe dann gesagt: ’Herr Kaleu, (Kapitänleutnand d. Red.) es werden schon 290 Meter angezeigt’ und wir mussten ganz sachte anblasen, damit keine Leitung platzt."

Geschichten und Eindrücke, bei denen jedem heute der Atem stockt, könnte Franz Lent reichlich schildern, doch von Angst ist in seiner Stimme nichts zu hören. So erzählt er von zwei kompletten Tagen unter Wasser, Artilleriebeschuss und Wasserminen ebenso nüchtern, wie von seiner Zeit als Bürgermeister von Grabow und als LPG-Vorsitzender.

Doch so weit in die Zukunft konnte Franz Lent damals nicht vorausplanen. Am 3. September 1941 hatte das U 331 den Durchbruch der Seeblockade bei Gibraltar geschafft und operierte von da an ausschließlich im Mittelmeer. Sieben Feindfahrten, hauptsächlich im Nordatlantik, stehen in Franz Lents Lebenslauf, bevor er an Bord erst befördert und dann abkommandiert wurde.

Trotz der ganzen Kriegsumstände fand sich Zeit für die Liebe. Bereits in den 1930er hatten sich Franz und seine spätere Frau Herta in Schmolde kennengelernt, doch erst bei einem Tanzabend 1940 kamen sie sich näher. Der Heiratsantrag wurde kurzerhand per Brief vorgetragen und schon wenig später konnten sich die beiden Prignitzer am 27. Dezember 1941, während ein paar kurzer Urlaubstage, das Ja-Wort geben.

"Da haben wir in Athen gelegen und ich bin mit dem Zug in die Prignitz gereist", erinnert sich der 95-Jährige an die ungewöhnlichen Heiratsumstände. Im Dezember 2011 konnten das Paar noch zusammen seine Gnadenhochzeit feiern.

Die Gewehrmündung schon vor Augen

Doch nach wenigen Tagen zu zweit hatte Franz Lent der Kriegsalltag schnell wieder. Allerdings hatte er Glück, dass ihm die wohl schwerste Stunde seines U-Bootes erspart blieb: Am 17. November 1942 wurde es im Mittelmeer nördlich von Algier versenkt, als Franz Lenz auf Lehrgang war. 32 Seeleute kamen dabei um, 17 konnten gerettet werden, darunter Freiherr von Tiesenhausen.

Auch in den folgenden Kriegsmonaten sollte dem Grabower das Glück hold bleiben. "Ich wurde für das nächste Boot angefordert, habe mich in der Besatzung aber nicht wohl gefühlt und war auch krank. Der Arzt wurde gefragt, ob ich mit auslaufen kann und sagte ’Nein, der Maat hat noch Fieber’. Wenige Tage später sank auch dieses Boot", erzählt er auf die glücklichen Fügungen rückblickend.

In der Folgezeit bildete das Festland das Einsatzgebiet von Franz Lent, auch wenn dieser Untergrund ebenso wenig für Sicherheit garantierte. So fuhr er Zugstreife von Kiel nach Brest, war in Toulouse und anschließend in Flensburg stationiert.

Als das Kriegsende kurz bevor stand, wäre es auch beinahe um Franz Lent geschehen gewesen. "Aufgrund eines Fliegerangriffs waren wir in einem Bunker und haben im Radio die Nachricht von den Werwölfen (Untergrundbewegung am Ende des Zweiten Weltkrieges d. Red.) gehört. Ich habe nur gesagt ’na das ist dann wohl das Letzte’ und schon hatte ich so einen 100-Prozentigem Unteroffizier am Hals, der brüllte, ’ich sorge dafür, dass sie an die Wand gestellt werden’." Aber auch hier ließ das Glück Franz Lent nicht im Stich. Unversehrt konnte er wenig später nach Grabow zurückkehren.

"Ich bin mit dem Zug nach Güstrow und von dort aus sofort zu Fuß nach Grabow gelaufen, meine Frau war da allerdings nicht zu Hause. Am nächsten Tag bin ich ins Holz gegangen und habe gearbeitet. Ab da hatte Franz Lent der heimische Alltag wieder.

1949 wurde das Haus errichtet, in dem er noch heute lebt, 1956 trat er in die LPG ein. Doch die Kriegserinnerungen ließen ihn nie vollkommen los. Vor allem die heutigen Darstellungen kritisiert er: "Ich bin in vielen Ländern gewesen und alle Menschen waren immer freundlich zu uns. Feindschaft kenne ich nicht. Bei Landgang hatten wir auch nie Pistolen mit und haben uns immer mit allen gut verstanden", so der Vater von vier Töchtern.

Das die Erinnerungen auch 70 Jahre nach dem Geschehen nicht verblassen und nachfolgende Generationen noch die Worte aus dem Mund eines Zeitzeugen hören, dafür ist Franz Lent auch heute noch, mit fast 96-Jahren, Mitglied der Pritzwalker Marinekameradschaft.

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