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Prignitzer Landwirte stellen immer weniger Flächen zur Verfügung : Kranichen den Wasserhahn zugedreht

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Die Zahl der Kraniche nahm in den letzten 2 Jahren um rund 50% ab. Hinter dieser Entwicklung scheint ein handfester Streit um den Vertragsnaturschutz zwischen Land, Tierschützern und Landwirten zu stehen.

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erstellt am 22.Nov.2011 | 10:19 Uhr

Linum/Potsdam | Mehr als 80 000 Kraniche konnten noch vor zwei Jahren zu Spitzenzeiten an einem Tag rund um Linum (Ostprignitz-Ruppin) gezählt werden. In diesem Jahr waren es maximal 45 000. Hinter dieser Entwicklung scheint ein handfester Streit um den Vertragsnaturschutz zwischen Land, Tierschützern und Landwirten zu stehen.

So hat beispielsweise die Rhinmilch Agrargenossenschaft aus Fehrbellin in diesem Jahr keine Luchflächen mehr zur Überflutung bereitgestellt. "Diese sind für Kraniche aber sehr wichtig", erklärte Heidrun Beckmann von der Naturschutzstation des Landesumweltamts in Linum. Die Vögel brauchen neben Futter auch seichte Gewässer, um übernachten zu können. Das Wasser biete Schutz vor natürlichen Feinden wie zum Beispiel dem Fuchs. "Natürlich gibt es hierfür immer mehrere Faktoren. Doch ein Zusammenhang ist schon naheliegend", setzte Hendrik Watzke vom Naturschutzbund nach. "Uns hat keine andere Möglichkeit zur Verfügung gestanden, als den Vertragsnaturschutz mit dem Land nicht zu verlängern", erklärte Rhinmilch-Chef Hellmuth Riestock. "Seit Jahren heißt es, dass hier im Oberen Rhinluch ein Naturschutzgebiet eingerichtet werden soll. Wenn dies passiert, geht es für uns Landwirte an die Existenz." Felder könnten dann nur noch extensiv bewirtschaftet werden. "2014 soll aber die Förderung europaweit für diese Form der Grünflächen-Bewirtschaftung eingestellt werden. Und was dann?"

Ein reich gedeckter Futtertisch für die Vögel

Der Großlandwirt führe einen Betrieb mit rund 85 Mitarbeitern, hat knapp 4000 Hektar und 4000 Rinder. Rhinmilch produziere Milch, Fleisch und Biogas. "Um zu überleben, müssen wir pro Hektar und Jahr 3000 Euro an Futter und Biomasse erwirtschaften. Mit einem Naturschutzgebiet geht diese Rechnung nicht mehr auf", so Riestock. Vor rund zehn Jahren ist mit dem Vertragsnaturschutz in der Region begonnen worden. "Auch wir haben mitgemacht, anfangs mit knapp 200 Hektar, später waren es rund 150 Hektar", so der Großlandwirt weiter. Als Gegenleistung seien Entschädigungen geflossen. In dieser Zeit habe sich das Rhinluch, etwa 60 Kilometer nördlich von Berlin gelegen, zu Europas größtem Kranichrastplatz gemausert. Daran nicht ganz unbeteiligt war der Ausbau der Maisproduktion. Die Vögel fanden so einen reich gedeckten Tisch vor.

Jeweils im September schweben die majestätischen Vögel ein, um sich auf ihrem Weg ins Winterquartier ordentlich Speck anzufressen, damit sie die tausenden Kilometer aus Skandinavien und Russland auf die Iberische Halbinsel schaffen. Ende November machen sich die letzten Kraniche auf ans Mittelmeer. Riestock frage sich, warum jetzt auf "Krampf" ein Naturschutzgebiet hersolle. "Mit Vertragsnaturschutz waren es bis zu 80 000 Vögel. Ohne unsere Unterstützung wären es gar nicht so viele geworden." Er habe nichts gegen die Tiere. Aber diese seien nur vier Wochen im Jahr da. "Landwirte müssen aber zwölf Monate im Jahr von der Händearbeit leben können." Heidrun Beckmann meint jedoch, dass ein Naturschutzgebiet besser für die Tiere sei. Jährliche Vertragsverhandlungen mit den Landwirten seien so nicht mehr notwendig. Es gebe dann einen festen Rahmen und Planungssicherheit, auch für die Bauern.

Gibt es ein Naturschutzgebiet, entfallen Verhandlungen

"In solchen Gebieten können viele Kompromisse geschlossen werden", betonte Beckmann, dass ein gutes Miteinander zulasse. So könne beispielsweise in bestimmten Jahreszeiten auch Gülle auf die Felder herausgebracht werden. Zudem lege EU-Recht die Ausweisung des Luchs nahe. Hendrik Watzke bringt Verständnis für die Situation von Rhinmilch auf. Existenzängste müsse niemand haben. Tierschutz sei wichtig. "Aber das Land muss sich endlich erklären, was es vorhat." Das Verfahren befinde sich schon lange in der Schwebe. Ausgleichzahlungen oder -flächen könnten die Lage im Luch beruhigen. "Das Land ist am Zug", so Watzke.

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