Perleberg : Komfort sieht anders aus

So sehen die Einzelzellen aus. Tisch und Stuhl gibt es nicht. Fotos: Hanno taufenbach (2)
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So sehen die Einzelzellen aus. Tisch und Stuhl gibt es nicht. Fotos: Hanno taufenbach (2)

Kalte Fliesen, harte Bänke – wir schauen uns die Ausnüchterungs- und Gewahrsamszellen der Polizei an.

svz.de von
13. Dezember 2018, 09:54 Uhr

Nein, keine einzige Nacht freiwillig. Da dürfte jedes Hostel einladender sein. Wer bei den Gewahrsamszellen der Polizei auch nur annähernd Komfort vermutet, liegt falsch. Richtig falsch. Sieben Zellen, Toilette, Durchsuchungs-, Arztzimmer. Der Trakt zweigt direkt von der Eingangshalle der Polizei in Perleberg ab.

Auffallend die roten Zellentüren mit dem Spion. Ein Farbklecks in der kalten Umgebung. Kacheln und Beton bestimmen das Bild. Gleich rechts die Gemeinschaftszelle. Zwei graue Matten wie in Turnhallen, eine Bank. „Diese Zelle wird sehr selten genutzt“, sagt Daniel Reihwald, der uns die Türen aufschließt.

Eine Toilette, ein Waschbecken. Zahnbürste, Duschgel, Handseife liegen am Becken. „Wir stellen Zahncreme, Ersatzkleidung und Badelatschen bereit“, so Reihwald. Er öffnet die Ausnüchterungszelle. Hier wird es unappetitlich. Eine Matratze und ein im Boden eingelassene Loch für die Notdurft.

Die Spülung lässt sich von außerhalb der Zelle betätigen. Eine sinnvolle Maßnahme. Um das zu wissen, genügen die Andeutungen des Beamten. Er muss gar nicht erst detailliert schildern, was die Kollegen hier manchmal zu ertragen haben. Manche Insassen müssen oder wollen geduscht werden. Es gibt einen Schlauch, um sie mit Wasser abzuspritzen. Dienst in den Ausnüchterungszellen zählt nicht zu den Lieblingsaufgaben der Beamten.

Ähnliches Bild in den Einzelzellen: Bank und Matratze, kein Tisch, kein Stuhl. Decken gibt es bei Bedarf. Über eine Signalanlage können Insassen Hilfe anfordern. „Ein Kollege ist für sie zuständig, übernimmt die Versorgung, führt vorgeschrieben Kontrollgänge durch“, sagt Reihwald.

Hereingebracht werden die Personen über den Hinterhof. Im Durchsuchungszimmer müssen sie sich ausziehen, werden durchsucht – Körperöffnungen mit eingeschlossen. Dunkle Abdrücke an der weißen Wand zeigen, wo sie ihre Hände gegenlegen. „Schmuck, auch Piercings, werden wenn möglich entfernt sowie alle Gegenstände, von denen eine Verletzungsgefahr ausgeht.“ Die persönlichen Sachen kommen in ein kleines Schließfach, wie man es aus Schwimmbädern kennt. Manche Besucher sind häufiger hier, ihre Personalien bekannt. Wenn nicht, werden Fingerabdrücke genommen.

Das Arztzimmer dient für Untersuchungen. Es gilt festzustellen, ob die Personen tauglich für den Gewahrsam sind. Bei offenkundigen Verletzungen werden sie erst ins Krankenhaus gebracht, dann auf die Wache. Übelkeit, Kopfschmerzen, stark alkoholisiert seien häufige Beschwerden.

326 Personen wurden 2017 in Gewahrsam genommen, in diesem Jahr bisher rund 300, sagt Polizeichef Dieter Umlauf. Meistens seien es Männer. „Im vergangenen Jahr hatten wir 28 Frauen hier.“ Die Personen müssen 18 Jahre alt sein, dürfen für maximal 48 Stunden festgehalten werden. Grundlagen sind das Polizeigesetz, die Strafprozessordnung oder die Amtshilfe, so Umlauf.

Bei Trunkenheitsfahrten oder Drogeneinfluss werden Personen aus Gründen der Gefahrenabwehr mitgenommen. Wer Platzverweise mehrfach ignoriert, findet sich in der Zelle wieder. Täter auf frischer Tat ertappt oder ausgeschriebene Haftbefehle führen ebenfalls direkt in den Gewahrsam. Seltener ist die Amtshilfe. Wer Vorladungen des Gerichts ignoriert, kann unter Umständen eine Nacht in Gewahrsam verbringen.

Hungern und dursten muss niemand. Es gibt drei Mahlzeiten am Tag. Mal aus der Kantine, mal von der Tankstelle. „Religiöse Besonderheiten oder Wünsche nach veganem Essen berücksichtigen wir“, sagt Dieter Umlauf. Verpflegungssätze regeln, wie viel das Essen kosten darf.

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