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10 Jahre Hochwasser : Knapp an der Katastrophe vorbei

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Wenn der Deich rutscht – Einsatzkräfte erinnern sich an entscheidende Momente beim Hochwasser 2006 und 2013

von
erstellt am 14.Apr.2016 | 04:45 Uhr

Sie lachen und scherzen. Direkt am Sandsackfüllplatz in Bälow herrscht eine ausgelassene Stimmung. „Ich habe unseren Einsatzbefehl von vor zehn Jahren dabei“, sagt Peter Schröder, der Prignitzer Polizeichef. Fast jeder der Anwesenden kann sich erinnern an jene bewegenden Tage im April 2006, als niemand lachen mochte.

Helfer schwitzten beim Füllen der Sandsäcke, die Bundeswehr half mit Soldaten und Amphibienfahrzeugen bei der Deichsicherung. Ein Tornado flog den Deich ab, machte Spezialaufnahmen. Selbst wer 2002 das Hochwasser erlebt hatte, blieb skeptisch und der damalige Rühstädter Bürgermeister Jürgen Herper, bekannt für seine Ruhe und Besonnenheit, war ernsthaft besorgt.

Landrat Torsten Uhe hält Fotos in den Händen, die das Geschehen dokumentieren. Interessiert schaut Dirk Ilgenstein, Präsident des Landesumweltamtes, auf die Bilder. „Ich habe noch kein Hochwasser erlebt, darüber bin ich auch nicht böse“, sagt Ilgenstein, der seit Januar 2015 im Amt ist. Die Lage sei 2006 beherrschbar gewesen, im Vergleich zu 2002 seien deutlich weniger Sandsäcke verbaut worden. Aber dafür war es ein sehr lang anhaltendes Hochwasser. Fast 50 Tage lang blieben die Pegel hoch, blickt Stefan Blechschmidt, Referatsleiter im Landesumweltamt, zurück.

Heute erinnert an dieser Stelle nichts mehr an die brenzlige Situation. Der Deich ist saniert. In Fahrzeugen fahren die Experten die gesamte Strecke bis zur Wehrgruppe in Quitzöbel ab. Ein Stopp muss aber sein – auf dem Mitteldeich bei Quitzöbel.

Beim jüngsten Hochwasser 2013 war der Deich an dieser Stelle abgerutscht. Weder 2002 noch 2006 war die Gefahr eines Deichbruchs in der Prignitz so real, wie in jener Nacht. Zuständig waren eigentlich die Einsatzkräfte aus Sachsen-Anhalt. Sie hatten bereits begonnen, Big Packs aus der Luft abzuwerfen. „Allerdings an der falschen Stelle“, sagt Marko Oelze. Er war der Fachmann aus dem Landesumweltamt, der abends gegen 21 Uhr eintraf.

Wo wir heute auf eine Wiese blicken, stand damals das Wasser. „Wir paddelten mit dem Boot, suchten nach der richtigen Stelle, an der wir eine Druckbank aufbauen wollten.“ In Absprache mit dem Krisenstab in Stendal übernahmen die Prignitzer die Gefahrenstelle und die Verantwortung.

Der damalige Innenminister Dietmar Woidke war gerade in Perleberg, beorderte eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei an die Schadstelle. „Angeleint standen sie im Wasser, stapelten Sandsäcke“, so Oelze. Alles funktionierte, auch der Materialtransport. „Was wir anforderten, kam zügig.“ Stundenlang dauerte der Einsatz. Erst morgens um 6 Uhr kam die Entwarnung.

Es war unwahrscheinlich knapp gewesen. „Als wir ankamen, war der Deich noch trocken. Hätte auch nur irgendwo das Wasser gesprudelt, hätten wir noch evakuieren können“, macht Marko Oelze klar. 20 Ortschaften wären betroffen gewesen, selbst Wittenberge hätte Wasser abbekommen.

Heute ist auch dieser Bereich saniert. Sachsen-Anhalt hat 3,5 Millionen Euro investiert und investiert weiter. Aktuell an der Wehrgruppe in Quitzöbel. Von hier aus können die Havelpolder geflutet werden. 2002 und 2013 brachte das für die Elbe eine spürbare Entlastung. Aktuell arbeiten Experten an einem Modell, wie die Flutung der Havelpolder noch effektiver erfolgen kann. Das sei wichtig, denn das nächste Hochwasser kommt gewiss.

 

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