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Wittenberger Kultur- und Festspielhaus : Keine Zeit für den gemütlichen Ruhestand

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Nach 25 Jahren verabschiedet sich Hans-Joachim Böse als Manager des Wittenberger Kultur- und Festspielhauses und plant schon wieder Neues

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erstellt am 12.Feb.2017 | 13:00 Uhr

25 Jahre managte Hans-Joachim Böse als Chef das Kulturhaus, hat es – gemeinsam mit seinem kompetenten Team – zu einem renommierten Haus gemacht, wie es in der weiteren Region kein zweites gibt. In der vergangenen Woche verabschiedete er sich vom Publikum des Hauses in einen unruhigen Ruhestand. Für den „Prignitzer“ sprach Redakteurin Barbara Haak mit ihm über Vergangenes und Zukünftiges.

Sie haben Stars von Weltgeltung nach Wittenberge geholt. Wer und was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Hans-Joachim Böse: Ich habe sensible und tolle Künstler kennengelernt. Aber es gibt eben auch Künstler, die sind weniger sympathisch, wenn man mit ihnen umgehen muss.
Zum Beispiel…
Günter Wallraff ist ein ganz toller Mensch. Nach seinem Auftritt bei uns im Haus haben wir noch an die zwei Stunden zusammengesessen und miteinander geredet. Das hat mir dann auch viel gegeben. Oder Iris Berben, um deren Auftritt hier in Wittenberge ich mich lange bemüht habe, bis es 2016 endlich klappte. Natürlich habe mich bei so einer bekannten und gefragten Künstlerin auch gefragt: Ist sie eine Diva, wie geht man dann mit ihr um? Ich kann nur sagen, sie ist eine sehr angenehme Künstlerin, ohne jede Allüren.

Schwieriger im Umgang war Jürgen von der Lippe. Ich habe ihn nicht als sympathischen Menschen empfunden.

Ganz anders sind Eva Lindt, Andrea Berg, die wir 2000 hier hatten, oder auch Max Raabe und Albert Hammond. Mit Gabi Albrecht verbindet mich mittlerweile eine Freundschaft. Und wie Thomas Lück und Andreas Holm bei ihrem Auftritt das Kulturhaus gerockt haben, so etwas bleibt in Erinnerung.
Rufen Leute von Rang und Namen einfach mal so an und fragen nach einem Auftrittstermin, wie es immer mal wieder heißt?
Grundsätzlich ist es so, dass viele Künstler heute wenig Zeit für Termine draußen haben, und wenn, dann sind sie mit eigenen Tourneen unterwegs. Da hat man als kleines Haus so gut wie keine Chance.
Und trotzdem haben Sie Leute nach Wittenberge geholt, die auch von größeren Häusern sehr angefragt sind…
In der Regel fragen jene Leute nach Auftritten, die man nicht unbedingt unter Vertrag nehmen möchte. Jenen, die man haben möchte, muss man manchmal Jahre hinterher laufen oder auch reisen, also auch mal zu ihren Auftritten fahren, so Kontakte aufnehmen. In unserer Branche muss man manchmal einfach auch zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Und man muss auf seine jahrelange Erfahrungen und Kontakte setzen.
Wie zum Beispiel auch Florian Silbereisen?
Nein, da war es etwas anders. Wir hatten ihn für eine Muttertagsfeier im Programm. Als wir den Vertrag geschlossen haben, war Silbereisen noch nicht so bekannt. Dann ging sein Aufstieg fast raketenartig. Er hat den Vertrag bei uns aber erfüllt. Und vor allem die Besucherinnen waren total begeistert. Schon wie er mit seinem großen weißen BMW hier anrollte, hat das Eindruck gemacht.
Ihre Erfahrungen und Kontakte beschränken sich nicht auf die 25 Jahre als Kulturhausleiter. Sie haben schon vorher jahrelang in der Branche gearbeitet, sind studierter Kulturwissenschaftler, Programmredakteur und –regisseur. Was hat Ihr berufliches Leben vor dem Kulturhaus geprägt?
Ich bin Perleberger, haben bei der Konzert- und Gastspieldirektion in Schwerin gearbeitet, bin neun Jahre gependelt. In Schwerin habe ich auch Veranstaltungen für die Sport- und Kongresshalle organisiert; beispielsweise, als dort Tengerine Dream vor rund 6000 Leuten aufgetreten ist.

Die Wende brachte es mit sich, dass ich mir eine andere berufliche Zukunft aufbauen musste. Ich ging in die Selbstständigkeit, gründete eine eigene Veranstaltungsagentur, bis ich dann vor 25 Jahren die Leitung des Kulturhauses, seit der Modernisierung 1998/99 Kultur- und Festspielhaus, übernahm.
Wie stehen Sie zu dem damaligen Entschluss der Stadtverordneten, so viel Geld in die Modernisierung und den Umbau des Hauses zu stecken?
Es war die einzig richtige Entscheidung. Wir haben zwar etwas an Plätzen verloren. Aber für die 14 Mio Mark Stadt-, Landes- und EU-Geld ist ein multifunktionales Haus entstanden. Wir haben die klassische Saalvariante mit den über 600 Plätzen, können aber auch Podeste wegnehmen, so dass im unteren Bereich eine Ebene entsteht, die für die verschiedensten Veranstaltungen geeignet ist. Auch die technische Ausrüstung ist erstklassig. Das Kultur- und Festspielhaus ist sehr gut aufgestellt. Wir haben häufig an der Reaktion der Künstler gemerkt, über was für ein hervorragend ausgestattetes Haus mit vielen Möglichkeiten Wittenberge verfügt. Und das Haus hat sehr gute Mitarbeiter in allen Bereichen, die zu jeder Zeit wissen, was sie tun. Ich kann für die letzten 25 Jahre sagen, hier hat sich eigentlich jeder gut aufgenommen gefühlt – Künstler wie Publikum.
Da Sie von Möglichkeiten sprechen, Sie haben auch die Norddeutschen Meisterschaften im Bodypainting im Kultur- und Festspielhaus erfunden. Warum?
Es reizt, Neues auszuprobieren, ausgetretene Wege zu verlassen. So war das auch mit dem Bodypainting. Das Haus bietet sich dafür an. Die Veranstaltungen, sprich die Tage waren toll. Aber auch der Aufwand war immens. Man musste Modells besorgen, es musste mit den Airbrushern passen. Hotelzimmer waren zu besorgen, weil die Künstler teils von weither kamen. Das Rahmenprogramm für einen gesamten Tag haben wir auf die Beine gestellt. Deshalb haben wir es schließlich auch bei drei Bodypaintingmeisterschaften belassen.
Um Künstler zu verpflichten, muss man über ein Budget verfügen. Wie funktioniert das?
Ich hatte als Manager rund 250  000 Euro im Jahr für die Programmgestaltung zur Verfügung. Denn die laufenden Kosten für das Haus und die Mitarbeiter trägt der Kultur- und Tourismusbetrieb als Eigenbetrieb der Stadt. Für diese Viertel Million Euro lässt sich ein rundes facettenreiches Angebot übers Jahr zusammenstellen, das möglichst viele Gäste anspricht. Denn die Bedingung für mich und mein Team war: Unter dem Strich muss eine schwarze Null stehen.
Bis zum 31. Januar waren Sie Chef im Kultur- und Festspielhaus. Wird man Sie dort künftig auch privat erleben?
Selbstverständlich. Bei Jazz, Klassik, bei Balletten oder auch schönen Ausstellungen in der Galerie, die ja auch ein Markenzeichen des Kulturhauses und seines engagierten Fördervereins ist.
Aber das wird Sie ja nicht allein ausfüllen…
Ich werde mir hier und da etwas mehr Zeit gönnen. Aber ich habe auch eine ganze Reihe von Plänen. Ich bin froh, dass ich künftig wieder mehr selbst Musik machen kann, beispielsweise mit dem Roland-Show-Orchester. Beim Dixielandfest, übrigens auch vom Kulturhausmanagement mit Partnern ins Leben gerufen, werde ich mit der Oldtime Marching Band auf der Bühne stehen. Musik, speziell der Jazz, ist mein Hobby, das ich nun wieder mehr pflegen kann.

Seit dem 1. Januar diesen Jahres bin ich auch wieder selbstständig, habe wieder meine eigene Veranstaltungsagentur Prignitz-Concert, ich habe sie von meiner Tochter übernommen, die sich jetzt auf ihr Baby freut.
Womit befasst sich Ihre Agentur?
Mit Event- und Projektmanagement jeder Art oder auch Konzepten, derzeit arbeite ich beispielsweise an einem für ein Kulturhaus.
Was geben Sie Ihren Nachfolgerinnen mit auf den Weg?
Erst einmal will ich noch sagen, dass es sehr erfrischend war, zehn Jahre mit einer jungen Kollegin wie Petra Luft zusammen zu arbeiten. Und ich denke, wenn jemand Neues kommt, dann wird er Neues ausprobieren. Und das muss auch so sein, tut dem Haus bestimmt gut. Ich möchte nur raten, nicht ganz die Traditionen aus dem Auge zu verlieren, Veränderungen behutsam anzugehen. Auch Traditionen sind für das Publikum bedeutsam. Und das entscheidet mit seinem Besuch letztlich über der Erfolg des Hauses.

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