Saatkrähen : Keine Chance gegen die intelligenten Vögel

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Verwaltung plant nach Beschwerden weitere Maßnahmen / Keine der betroffenen Städte in Deutschland hat Erfolge vorzuweisen

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12. Juli 2014, 08:00 Uhr

„Mancher gibt sich viele Müh’, mit dem lieben Federvieh.“ – Die Worte, mit denen Wilhelm Busch den ersten Streich von Max und Moritz einläutete, treffen auch auf die Elbestadt zu – die sich seit Jahren der gefühlten Invasion von Saatkrähen zu erwehren versucht.

Glaubt man Experten, ist es vergebene Mühe, ein Kampf gegen Windmühlen, den die Stadt nicht gewinnen kann. „Den Krähen geht es in unserer Mitte einfach viel zu gut“, sagt Lars Lachmann, Referent Ornithologie und Vogelschutz beim Naturschutzbund (Nabu). „Sie finden hier hervorragende Lebensbedingungen, ausreichend Futter und haben kaum natürliche Feinde. Von sich aus werden sie nicht umziehen, warum auch?“ Weiterhin verweist der Experte darauf, dass sich die Art nicht übernormal entwickelt, sich der Bestand von einem historischen Tief erholt, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch intensive Bejagung entstand. Heute lebten in ganz Deutschland bis zu 90 000 Brutpaare, ein Teil als standorttreue Brutkolonien, ein Teil als Wintergäste aus Osteuropa.

Seit den 70er Jahren dokumentieren hiesige Naturschützer die Entwicklung der Art in Wittenberge. „Ursprünglich waren die Vögel nahe des Raw heimisch, zogen, nachdem dort Bäume gefällt wurden, in Richtung Nähmaschinenwerk um und ließen sich schließlich in der Stadt nieder“, sagt Herbert Schulz, Leiter der Fachgruppe Ornithologie im Nabu-Kreisverband. Von 1994 bis 2001 sei der Bestand leicht von 280 auf 412 Brutpaare angewachsen. „Es gab drei Kolonien, die größte im Stadtpark mit schließlich 365 Paaren, zwei weitere an der Jahnschule und am alten Krankenhaus.“

Die erste Vergrämung im Jahr 2002 habe die Zahl der Paare kurzfristig auf insgesamt 211 gedrückt, „führte aber dazu, dass die Tiere ein Jahr später nicht nur die alte Kolonie erneut aufbauten, sondern zusätzlich auf andere Standorte auswichen“, wie Schulz erklärt. Erstmals siedelten sich Saatkrähen im Zetkin-Park an, und auch am Nähmaschinenwerk bauten sie erneut Nester. Bis heute schlugen alle Versuche der Vergrämung fehl, führten vielmehr zu einer weiteren Aufteilung der Kolonien, so dass die Krähen inzwischen Bäume an mehr als zehn verschiedenen Standorten in Wittenberge besiedeln.

„Die Aktionen haben den Bestand eher vergrößert, 2013 zählten wir 733 Paare“, schlussfolgert Schulz. Lars Lachmann will nicht ausschließen, dass dass permanente Unter-Druck-Setzen durch Vergrämungen auch Auswirkungen auf die Reproduktionsrate habe – und zwar positive. „Erstens ist eine Art, die sich bedroht fühlt, bestrebt, mehr Nachkommen hervorzubringen. Zweitens sorgt die Aufteilung der Kolonie für Wachstum, weil die Teilkolonien zunächst kleiner sind, sich entwickeln können, bis sie eine gewisse Größe erreicht haben.“ Die einzige, Methode, die Krähen sicher zu vertreiben, sei ein radikaler Kahlschlag aller Bäume. „Ob das die Stadt lebenswerter macht, nur weil dadurch das Krähengeschrei verstummt, wage ich zu bezweifeln“, so Lachmann.

Was auch immer die Elbestadt ausprobiert hat, um die Kolonien im Clara-Zetkin-
Park und vor dem Awo-Seniorenzentrum zu vertreiben: Es brachte nichts. „Zunächst wurden Bäume ausgeästet, um die Nistmöglichkeiten zu verringern. Die Bäume aber trieben ein Jahr später stärker aus, so dass sich die Situation für die Vögel noch verbesserte“, sagt Peggy Heyneck von städtischen Umweltamt. Nester wurden entnommen mit dem Ergebnis, dass die Krähen umso fleißiger Neubauten hochzogen. Ultraschallgeräte sorgten für Lärm im Geäst – die Tiere gewöhnten sich daran. Lediglich radikale Baumschnittaktionen auf dem Hof der Jahnschule hatten Erfolg, die Tiere zogen um. Infolge fortdauernder Beschwerden plane man mit der Naturschutzbehörde weitere Maßnahmen, Details nannte Heyneck nicht.

Wittenberge ist nicht der einzige Ort, der an der Krähenfront kämpft, wie das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ jüngst berichtete. Im oberschwäbischen Laupheim ballern Bürger mit Schreckschusswaffen in den Himmel, andere hängen tiefgefrorene Rabenkrähen in die Bäume, als Abschreckung. Außer dem Gestank der verwesenden Kadaver und dem Grollen der Schüsse kein dauerhafter Effekt. Selbst ein Falkner, der seine Greife auf die Krähen hetzte, kapitulierte. Die intelligenten Vögel merkten sich, wie sein Auto aussah und machten sich aus dem Staub, sobald es um die Ecke bog. Kaum packte der Falkner zusammen, waren sie wieder da. In Kempten im Allgäu beschallte der städtische Betriebshof mit einer Drohne die Kolonien mit Falkenschreien – den Krähen war‘s egal. In Jever, Ostfriesland, kam man auf die glorreiche Idee, so genannte Krähenklatschen in die Bäume zu hängen. Zogen Passanten an einem Strick, knallten zwei Holzlatten aufeinander. Nicht nur die Krähen flogen kurzzeitig davon, auch mehrere Geräte aus den Bäumen – und nur knapp am „Bedienpersonal“ vorbei. Nach Minuten kehrten die Vögel in ihre Bäume zurück.

„Übrigens“, fügt Herbert Schulz an, „ist die Krähenkolonie auf dem Friedhof in Pritzwalk seit 1994 kaum gewachsen. Vielleicht liegt es daran, dass man sie einfach in Ruhe gelassen hat?“
 

Kommentar

Akzeptieren statt bekämpfen
von Lars Reinhold

Nichts ist peinlicher als ein Verlierer, der nicht wahrhaben will, dass er verloren hat. Die Stadt hat verloren, hat der Krähenpopulation mit ihren Vergrämungsversuchen sogar ungewollt Auftrieb verschafft. Es ist an der Zeit zu kapitulieren und einzusehen, dass der Lebensraum Stadt nicht dem Menschen allein, sondern auch zahlreichen Tierarten gehört – und zwar ganz unabhängig vom Geschrei manch fanatischen Tierschützers. Die Krähe sitzt am längeren Hebel, ignoriert sturköpfig alle Argumente und Aktionen  ihrer Gegner. Die Natur diktiert, der Mensch hat sich zu fügen – auch wenn es ihm alles andere als leicht fällt.
 

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