zur Navigation springen
Der Prignitzer

23. August 2017 | 14:00 Uhr

Kartoffeln werden rar

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Anbau im Raum Dallmin rückläufig / Stärkefabrik nicht mehr ausgelastet / Höhere Preise sollen mehr Anreiz schaffen

Vielerorts zeigt sich auf den Kartoffelfeldern frisches Grün – kein Wunder, kamen die Knollen aufgrund der Witterung vier Wochen früher als sonst in den Boden. „Im vergangenen Jahr begann das Pflanzen Mitte März, jetzt waren wir bereits am 12. April fertig. Wir mussten reagieren, denn die Knollen im Lagerhaus waren in bester Keimstimmung“, meint Hartmut Lossin. Er freut sich, dass die Kartoffeln gut aufgelaufen sind.

Der Landwirt aus Berge baut seit Gründung seines Marktfruchtbetriebs Stärkekartoffeln an und ist seit 1990 Vorsitzender der „Erzeugergemeinschaft für Stärkekartoffeln Dallmin“. In diesem Jahr bestellte er 137 Hektar mit Knollen und rechnet mit 7000 Tonnen Stärke. Hartmut Lossin hat sich vertraglich breit aufgestellt und beliefert neben der Avebe Kartoffelstärkefabrik Prignitz/Wendland in Dallmin die Stärkefabrik Kyritz sowie die Veredlungswerke Hagenow und Stavenhagen. Die Restfläche nutzt der Landwirt für den Vermehrungsanbau.

„Es gibt viele Bewerber um den gleichen Rohstoff, diese Konkurrenz ist für uns als Erzeuger von Vorteil“, unterstreicht der Landwirt. Zugleich bedauert er, dass die Erzeugergemeinschaft, der Betriebe aus der Prignitz, Altmark, aus Mecklenburg und Niedersachsen angehören, in den vergangenen Jahren merklich schrumpfte.


Die Knolle rentiert sich nicht mehr


Bei ihrer Gründung zählte sie 100 Mitglieder, aktuell sind es noch 40. Hauptgrund für Lossin ist der Biogas-Boom. „Mit Mais lässt sich leichter Geld verdienen, zumal über das EEG-Gesetz die Stromerzeugung aus Biogas gefördert wird. Kartoffel ist dagegen eine arbeitsintensive Frucht, sie benötigt extra Technik und Saisonkräfte. Auch wurde 2012 die EU-Regelung zur gekoppelten Stärkeprämie abgeschafft, so dass die Bauern nur noch den betriebsindividuellen Auszahlungspreis der jeweiligen Stärkefabrik erzielen“, rechnet Lossin vor. Hochpreise für andere Marktfrüchte – 2012 z. B. 20 bis 25 Euro/Dezitonne (dt) für Getreide bzw. 50 Euro/dt für Raps – reizten Landwirtschaftsbetriebe ebenso, ihre Kartoffel-Flächen mit anderen Kulturen zu bestellen.

„Fakt ist, der Stärkekartoffelanbau ist in den letzten drei Jahren im Gebiet um Dallmin zurück gegangen. Einige Landwirte haben den Anbau reduziert bzw. eingestellt oder nutzen eine andere Verwertung, wie Flocken oder Püree“, muss auch Peter Minow, Geschäftsführer der Avebe Kartoffelstärkefabrik Prignitz/Wendland GmbH, konstatieren.

„Aktuell haben wir zirka 750 Landwirte, die hauptsächlich über Avebe Anteile und in kleinem Maße auch über Lieferverträge für die beiden deutschen Avebe-Fabriken liefern. Unsere modernen Betriebe in Dallmin und Lüchow konnten im letzten Jahr nicht ihre volle Produktionskapazität auslasten“, sagt Minow.

Künftig sollen daher eventuell Kartoffeln auf dem freien Markt gekauft werden. „Das praktizierten wir jetzt erstmalig mit einer Nachkampagne. Natürlich ist es besser, wenn wir vor Ort wieder mehr Kartoffeln bekommen. Sollte 2014 ein besseres Erntejahr als 2013 werden, was wir alle hoffen, würde uns dies die Möglichkeit geben, unter bestimmten Umständen wieder freie Mengen zur Deckung des Produktionsbedarfs aufzukaufen“, betont Minow.


Aufkaufpreis muss steigen


2013 vergütete Avebe in ihrem Anbaugebiet inklusive aller Zulagen durchschnittlich 70 Euro je Tonne bei 19 Prozent Stärkegehalt ab Hof. „Dieser Preis muss in den nächsten Jahren steigen“, weiß auch Minow. Avebe arbeite kontinuierlich daran, einen guten Kartoffelpreis für die Landwirte durch besonderen Fokus auf Marktorientierung, Nachhaltigkeit, Kostenführerschaft und Innovation zu erzielen, wie zum Beispiel die Gewinnung von Kartoffeleiweiß für die Verwendung im Lebensmittelbereich. „Die Situation am Markt entwickelt sich positiv, Avebe-Produkte sind gefragt und wir liefern nicht nur in die EU, sondern auch nach Asien und Amerika“, so der Geschäftsführer.

Um die Produktionskosten zu minimieren, wurden verschiedene Investitionen ausgeführt. „Neben der Stärkemodifizierungsanlage, die eine Ganzjahresproduktion ermöglicht, ist besonders die Umstellung von Öl auf Gas als Energieressource für die Dampfgewinnung zu erwähnen“, erläutert Minow.

Gegenwärtig lasse man eine fünf Kilometer lange Gasleitung zum Hauptnetz bei Streesow bauen und rüste die Kessel von Öl- auf Gasbetrieb um. „Das ist nicht ganz billig, aber aufgrund des hohen Bedarfs an Wärme zur Trocknung brauchen wir viel Energie. Hier zeigte sich, dass Gas zumindest in den vergangenen drei Jahren deutlich günstiger war als Öl“, rechnet der Geschäftsführer vor.

Für die Landwirte selbst gelte es, beste Erträge zu erzielen. „Avebe hat ein eigenes Kartoffelzüchterhaus und bietet für die jeweilige Region die passenden Sorten an. Besonders Axion und Avenue passen sehr gut in unsere Region.“

„Wichtig für uns Erzeuger ist, beste Voraussetzungen für den Kartoffelanbau zu schaffen, um möglichst hohe Erträge von 400 bis 600 dt/Hektar in bester Qualität zu erzielen. Gut dran ist, wer über Beregnungsanlagen verfügt. Aber auch die Erntetechnik und Lagerungsbedingungen müssen stimmen“, weiß Hartmut Lossin. „Entscheidend ist der Preis, den wir für unser Produkt bekommen. Das heißt, der Anbau von Stärkekartoffeln rechnet sich aufgrund der hohen Vollkosten nur, wenn Erträge und Preise passen. Je nach betrieblichen Bedingungen sind Umsätze von 3500 bis 4500 Euro/ha notwendig. Grundvoraussetzung sind Erlöse von 80 bis 90 Euro je Tonne“, rechnet Lossin durch.

Als sich mit dem Auslaufen der Quoten und Prämien durch die EU die Stärkekartoffel 2011/12 mehr oder weniger auf dem Prüfstand befand, bot Avebe den Landwirten den Erwerb der Lieferrechte als Genossenschaftsanteile an. „Die meisten machten davon Gebrauch, sie sind Anteilseigner und profitieren auch von den Dividenden“, erklärt Minow. „Als Anteilseigner identifizieren wir uns noch stärker als bisher mit der Stärkefabrik Dallmin und ihrem Erhalt. Sie ist nicht nur für uns, sondern mit ihren rund 60 Arbeitsplätzen auch für die Region wichtig“, unterstreicht Lossin.

Übrigens schlägt der Landwirt, der mit seinen sechs Mitarbeitern 780 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche und 250 Hektar Forsten bewirtschaftet, auch aus Fruchtfolgegründen eine Lanze für die Knolle: „Mit der Kartoffel als Vorfrucht ernte ich bei Getreide zehn Dezitonnen je Hektar mehr. Auch verringert die Knolle den Schädlingsbefall und schaltet Krankheiten aus. Das ist für einen Marktfruchtbetrieb, der Qualität produzieren muss, überaus wichtig.“





zur Startseite

von
erstellt am 11.Jun.2014 | 09:02 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen