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Besuch aus Mexiko zum Stadtfest : Kaffee-Pionier aus Perleberg

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Arthur Erich Edelmann revolutionierte Anbau und Verarbeitung der Bohnen im mexikanischen Hochland / Schmankerl zur 777-Jahrfeier

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erstellt am 22.Jul.2016 | 05:00 Uhr

Kennen Sie Arthur Erich Edelmann? Nein? Dann wird es höchste Zeit: Immerhin geht ein mexikanischer Spitzenkaffee auf den Unternehmergeist des gebürtigen Perlebergers zurück. Und eben dieser Kaffee wird am Wochenende, anlässlich der 777-Jahrfeier, hier kredenzt, das Ganze auch noch im Beisein der Urenkelin von Arthur Edelmann, die eigens aus Mexiko anreist, „weil wir uns hier so rührend um die Familiengeschichte kümmern“, sagt Fritz Gensel aus Wittenberge. Seine Frau ist Inhaberin des dortigen Reformhauses mit Kaffeerösterei „Elbland-Genuss“. Die Genuss-Experten sind morgen und Sonntag im Kaffee- und Teehaus in der Krämerstraße vor Ort.


Viel mehr als nur edle Bohnen


Kaffeeröster Frank Wenzel grub eine spannende Historie aus und stellte sie dem „Prignitzer“ exklusiv zur Verfügung: Arthur Erich Edelmann führte im 19. Jahrhundert eine Maschinenbaufirma, die über die Grenzen der Prignitz hinaus erfolgreich tätig gewesen sein muss. Dass Edelmann wohl ein weltoffener und risikobereiter Unternehmer war, belegt die Tatsache, dass er 1888 auf Einladung der mexikanischen Regierung nach Mexiko auswanderte. Ziel war es, die Landwirtschaft zu fördern und Arbeitsplätze zu schaffen. In der Hochebene des Soconuscos in Chiapas im Süden Mexikos gründete Edelmann die Kaffeeplantage „Finca Hamburgo“. Er startete mit seiner Frau Doris Mertens und einigen seiner besten Mitarbeiter, die ihm aus Perleberg folgten. Die beiden Kinder, Harald Bruno und Anneliese, wurden in die Heimat geschickt, um dort ihre Schulbildung zu erhalten.

Arthur Edelmann wurde zu einem Pionier in der Kaffeeproduktion, trieb mit seinem Wissen durch die Einführung von Maschinen zur Weiterverarbeitung des Rohkaffees die Industrialisierung voran. Das gestaltete sich oft schwierig, da alle aus Deutschland importierten Maschinen und Teile auf Maultieren durch kaum erschlossenes Gebiet gebracht werden mussten. Die Inbetriebnahme der ersten Eisenbahnlinie 1908 und somit die Anbindung der Region Chiapas verkürzte diese Zeiten spürbar.

Um die Maschinen betreiben zu können, wurde ein eigenes Elektrizitätswerk errichtet. Zwei Jahre nach dem Tod Edelmanns kehrte sein Sohn Harald Bruno 1929 aus Deutschland zurück. Mit knapp 20 übernahm er das Erbe des Vaters, modernisierte die Finca weiter. Um die Transportwege weiter zu optimieren, wurde 1939 sogar eine Drahtseilbahn in Betrieb genommen.

Schwere Jahre begannen 1942. Mexiko erklärte u. a. Deutschland den Krieg, ansässige Deutsche waren plötzlich Feinde der Nation. Ihr Besitz wurde enteignet, darunter auch 66 Kaffee-Fincas. Folge: Die Produktion ging um 50 Prozent zurück. Nach Kriegsende konnte Familie Edelmann die heruntergewirtschaftete Finca wieder zurückkaufen. Das Geschäft entwickelte sich, die Nachfrage stieg. Harald Bruno Edelmann sorgte sich jedoch nicht nur um den Wiederaufbau der Finca – er ließ 1953 die Grundschule „Abraham Lincoln“ bauen, erhielt dafür eine Anerkennung des damaligen Staatspräsidenten.

1976 starb er, sein Sohn Bruno übernahm die Finca. Der Verfall der Kaffeepreise führte 1989 zu Problemen. Familie Edelmann sah in dieser Krise jedoch die Chance für eine Umstrukturierung und bewies damit ein glückliches Händchen: Ab sofort war nicht mehr Massenproduktion angesagt, sondern der Anbau von Spezialitätenkaffees.

Seit 2002 verwaltet nun Tomas Edelmann Blass die „Finca Hamburgo“. Der wirtschaftliche Erfolg führte zur spürbaren Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter. Sportplätze, weiterführende Schulbildung (Telesecundaria), Küchen für die Schulspeisung, Krankenstation und Elektroanschlüsse in allen Bereichen. Der Produktionsschwerpunkt liegt heute auf hochwertigen Kaffeevarietäten, wie Bourbon, Catuai, Maragogype und Pacamara.

Zahlreiche Auszeichnungen und 2012 die erfolgreiche Teilnahme am mexikanischen Kaffeewettbewerb „Cup of Excellence“ zeugen vom Qualitätsanspruch der Familie Edelmann. Mittlerweile gibt es auf der Finca einen Hotelbetrieb mit Spa-Bereich und ein Museum mit einem Rückblick auf über 125 Jahre Kaffeeproduktion in der Sierra Madre de Chiapas. Und nicht zuletzt: ein Restaurant mit dem Namen „Perleberg“.  

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