Judenhof: Kleines Juwel entsteht

So wird sich der Judenhof dem Betrachter präsentieren. Gestern stellte Rainer Meißle das Raum- und Ausstellungskonzept vor.
So wird sich der Judenhof dem Betrachter präsentieren. Gestern stellte Rainer Meißle das Raum- und Ausstellungskonzept vor.

Über Blut-Mythen und prachtvolles Gebetsbuch – das erwartet die Besucher in der künftigen Ausstellung

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16. September 2015, 11:59 Uhr

Der Judenhof: Zum Jahresende soll er fertig sein und sich als lebendiger Ort offerieren, an dem man sich zu Musik-, Film- und Theateraufführungen, zu Lesungen, Diskussionen und zum Besuch der Ausstellung trifft, umreißt Rainer Meißle kurz das Veranstaltungskonzept. Er ist faktisch auch der geistige Vater der Raum- und Ausstellungskonzeption. Unterstützt wurde er dabei von der Museumsdesignerin Susanne Diering.

Gestern wurde jenes der Öffentlichkeit vorgestellt. Die fiel recht übersichtlich aus, vielleicht geschuldet der Tatsache, dass das Hoffest am Sonnabend ab 17 Uhr Gelegenheit bietet, sich zu informieren, was hier entsteht. Hartmut Schneider, Vorsitzender des Kulturvereins, welcher dieses Projekt betreut, bringt es auf den Punkt: „Wenn es fertig ist, hat die Stadt ein Juwel, etwas ganz Besonderes, ist sie um ein Kleinod reicher.“

Auf dem kleinem Judenhof empfängt den Besucher dann ein räumliches Konstrukt von Hof-, Innenraum, Garten und Wasser, das ihn entsprechend den angebotenen Offerten in den Bann zieht. „Das ist jedenfalls unser Ziel, einen Platz für spannende Kunst und lebendige Auseinandersetzungen zu schaffen“, betont Rainer Meißle.

Ein einziger Raum wird dabei zur Ausstellung, zur Bühne, zum Ort der Begegnung mit deutsch-jüdischer Geschichte des Mittelalters.


Blättern im Machsor Lipsiae


„Die Ausstellung ist wie ein aufgeschlagenes Buch, aus dem sich die Anfangsbuchstaben der Wörter verselbstständigt haben. Einige beziehen sich direkt auf die Illustrationen des jüdischen Gebetbuchs Machsor Lipsiae“, so Meißle, mit Verweis auf das prachtvollste noch existierende Exemplar eines mittelalterlichen Machsor, einer Sammlung mit Gebeten für die sieben besonderen Festtage des jüdischen Jahres.

Übrigens, das Projekt Judenhof hat von der Leipziger Uni-Bibliothek die Erlaubnis, diese Buchmaterialien zu verwenden. Und so wird man in der Ausstellung elektronisch im Originalgebetsbuch blättern können, macht Rainer Meißle neugierig auf ein neues Perleberger Alleinstellungsmerkmal.

Von Info-Einheiten umgebene Hänger, deren Umfeld immer dunkler wird und hinter Klappen, Ritzen und Türen gefunden werden will je dubioser die Themen des Mittelalters, die sie ansprechen – all das erwartet die Besucher. Zentraler Punkt, der den Zusammenhalt symbolisiert, ist ein großer Kreis am Boden – ein Abbild der Kuppel der Hagia Sophia, eine einst christlich byzantinische Kirche im damaligen Konstantinopel, die zur Moschee umgewidmet wurde, berichtet Meißle. Doch anders deutet die hiesige nachempfundene Kuppel nicht gen Himmel, sondern mit ihrem Zentrum in den Boden, „zu den ,lebendigen Wassern’ der ehemals hier existierenden Mikwe“.

Zehn sogenannte Informationseinheiten – von der mittelalterlichen Stadtentstehung, über den Perleberger Judenhof bis zum Minnesänger Süßkind von Trimberg, einem jüdischen Spruchdichter aus der Zeit, da die Stadt Perleberg gegründet wurde – erwarten den Betrachter. Und im Bodenmonitor ist ein Film zu sehen, der sich mit den Blut-Mythen in unterschiedlichen Kulturen beschäftigt.

Getrennt durch Schiebewände, die bei Bedarf in den seitlichen Mauern verschwinden, steht der hintere Bereich u. a. Schülern für ihre Recherchen zur Verfügung.

Und selbst wenn die Türen zur Ausstellung geschlossen sind, lohnt sich der Weg. In der Besucherzeile, die mittels Glaswand den Blick ins Innere gewährt, können Informationen über den Judenhof und geplante Veranstaltungen jederzeit abgerufen werden. Für Events im Freien lässt sich die Zeile öffnen und wird zu einer kleinen, überdachten Bühne – „ein Umstand, der den Judenhof einmal mehr auch als Spielort für das Perleberg-Festival interessant macht“, gesteht Kulturamtsleiterin Ulrike Ziebell. 

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