Das neue Leben in der Prignitz : „Jetzt sind wir sicher“

familie azizi foto sayed musa rafizada

Familie Azizi aus Afghanistan hat in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Anschluss an Deutsche haben sie noch nicht

23-76616880_23-77885790_1457459114.JPG von
21. Februar 2018, 05:00 Uhr

„Ich kann endlich wieder ruhig schlafen und meine Familie auch“, antwortet Sayed Hamed Azizi auf die Frage, ob er sich in Wittenberge wohl fühle. Gemeinsam mit seiner Frau Lima (36) und Söhnchen Jasur (5) kam er im Januar 2016 nach Deutschland, sie leben in einer Wohnung in der Allendestraße.

Die Lage in Afghanistan, dem Heimatland der Familie, war nicht mehr sicher. Ganz im Gegenteil. „Es wurde mit den Taliban schlimmer. Sie haben auch meine Patientinnen bedroht“, sagt Lima Azizi in ordentlichem Deutsch. Die junge Frau ist Gynäkologin, sie arbeitete in der nordafghanischen Provinz Tachar von morgens bis nachmittags in einem Krankenhaus und dann noch einige Stunden in ihrer eigenen Praxis. In Deutschland will sie sich nun eine berufliche Zukunft aufbauen, absolvierte ein Praktikum im Kreiskrankenhaus in Perleberg. „Die Arbeit dort ist grundsätzlich gleich. Aber in Afghanistan wurden 20 Babys am Tag geboren. Hier sind es weniger“, berichtet Lima Azizi lachend.

Ihr Mann, Sayed Hamed, war ebenfalls Praktikant im Krankenhaus. Er war in der Bettenaufbereitung tätig. Bevor er nach Europa floh, war er 13 Jahre beim Zoll in Afghanistan. „Ich habe an der Grenze zu Pakistan gearbeitet. Dort griffen uns immer öfter die Taliban an. Einige meiner Kollegen wurden getötet“, berichtet Sayed Hamed Azizi, der Wirtschaft an einer Universität studierte und auch bei einer Finanzbehörde und einer Bank arbeitete. „Unsere Hochschule hatte Kontakt zu der Uni in Bochum. Dadurch hatte ich eine Verbindung nach Deutschland.“ Als die Lage immer gefährlicher wurde, verließ das Paar seine Heimat. Mit dem Flugzeug ging es in die Türkei, von dort mit einem Schiff weiter nach Griechenland und dann per Bus und Bahn bis in die Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt. „Dort waren wir nur einige Tage. Dann hat man uns nach Wittenberge geschickt. Am Bahnhof haben uns Leute von der Awo abgeholt. Sie unterstützen uns sehr“, erzählt Azizi, während sein Sohn auf der Couch neben ihm Fernsehen guckt. „Er geht in die Awo-Kita im Gehrenweg und kann besser Deutsch als wir“, sagt Lima Azizi. Es sei eine schwere Sprache, sie lerne unentwegt. Um ihren Arztberuf auch hier ausüben zu können, brauche sie das höchste Sprachniveau, dazu noch einen Sonderkurs für medizinische Fachbegriffe.

Schon vor vielen Jahren seien einige ihrer Verwandten ausgewandert. Zwei Brüder von Sayed Hamed leben seit 30 Jahren in den USA. Eine Schwester, ein Bruder und die Mutter von Lima Azizi leben seit vielen Jahren in Großbritannien. Warum möchten sie nicht dorthin, sondern lieber in Deutschland bleiben? „Es gefällt uns hier. Wir fühlen uns wohl“, sagt das Paar übereinstimmend. „Und hier sind die Frauen gleichberechtigt“, schiebt Lima Azizi nach. Ihr Mann nickt lächelnd. „Ich koche, putze. Alles kein Problem.“

Viel Kontakt zu Deutschen hätten sie leider noch nicht. Die Freizeit spielt sich zwischen Fernsehen, kochen, spielen und gelegentlichem Hallenfußball mit anderen Flüchtlingen ab. „Viele Menschen haben Angst und Vorurteile, weil ich ein Kopftuch trage“, sagt Lima Azizi, Traurigkeit liegt in ihrem Blick. „Wir sind normale Menschen, keine Terroristen“, betont ihr Mann. Wie ein kleiner Urlaub sei es, wenn sie in den wärmeren Monaten an der Elbe ein Picknick machten.

Familie Azizi würde sich sehr freuen, Anschluss zu finden. Das Paar ist aufgeschlossen, hat für den Termin mit dem Reporter Snacks vorbereitet. Darunter auch sogenannte Elefantenohren. Das sind hauchdünne Teigstücke, die mit Zucker, Puderzucker und Kardamom bestreut sind. In ihrer Form ähneln sie dem Ohr eines Dickhäuters. „Wenn sie wiederkommen, kochen wir gemeinsam“, lädt Sayed Hamed Azizi ein.

Zwar sagt es der 42-Jährige nicht explizit, dennoch scheint er die Hoffnung auf Frieden in Afghanistan aufgegeben zu haben. „Seit ich ein kleines Kind war, gab es immer Krieg. So oft fielen nachts Bomben und gab es Explosionen und Schüsse. Die Taliban kommen selbst aus den Dörfern, die sie zerstören, sie kennen uns. Aber jetzt sind wir sicher.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen