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Wittenberge : Jeden Tag gern zur Schule gegangen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Mit Sigrid Neutmann verabschiedet sich die hochgeschätzte Leiterin der Wittenberger Oberschule in den Ruhestand

von
erstellt am 03.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Nach 30 Jahren als Direktorin bzw. Schulleiterin und vielen Jahren im Schuldienst hat die hochgeschätzte und engagierte Wittenberger Pädagogin Sigrid Neutmann sich jetzt in den Ruhestand verabschiedet. 1987 übernahm Neutmann die Leitung einer polytechnischen Oberschule, war dann Chefin einer Gesamtschule und schloss als Chefin der Oberschule in der Scheunenstraße ihre berufliche Laufbahn.

Für den „Prignitzer“ sprach Redakteurin Barbara Haak mit Sigrid Neutmann.

Sie sind 58 Jahre zur Schule gegangen, davon 54 in Wittenberge. Was steht biografisch dahinter?
Sigrid Neutmann: Ich habe hier in Wittenberge zwölf Jahre die Schulbank gedrückt, habe studiert und bin danach als Lehrerin und Schulleiterin quasi wieder in die Schule gegangen. Eingeschult wurde ich 1959 in die Polytechnische Oberschule II, das war in dem Schulhaus, in dem sich heute die Musikschule befindet. Damals befand sich in dem Gebäude die Unterstufe. Die älteren Klassen nutzten das Gebäude in der Scheunenstraße. Das Gebäude am Schulplatz war zweigeteilt: in die POS IV und die POS VI mit erweitertem Russischunterricht. Nach der 2. Klasse wechselte ich dorthin.

58 Jahre zwischen dem ersten und dem letzten Schultag: Können Sie sich noch an den ersten erinnern?
Daran habe ich wirklich keine Erinnerung mehr. Aber ich weiß noch, wo sich unser Klassenraum befand, gleich unten links neben dem Eingang. Und den Namen meiner ersten Klassenlehrerin habe ich behalten. Es war Frau Wejwoda.

Der erweiterte Russischunterricht hat die Weichen für Ihre Berufswahl gestellt…
Die Sprache hat mir Spaß gemacht, ich habe sie leicht gelernt. Ab Klasse 7 habe ich dann noch Englisch dazu gewählt. Für mich stand damit fest, ich werde Lehrer für Russisch und Englisch. Das bedeutete, dass ich das Abitur mache, das ich 1971 an der erweiterten Oberschule hier in Wittenberge ablegte. Nach einem vierjährigen Studium an der Universität in Jena war ich diplomierter Fachlehrer für Englisch und Russisch.

Das letzte Jahr an der erweiterten Oberschule war auch entscheidend für Ihr persönliches Glück?
Ich habe in der 12. Klasse meinen Mann kennengelernt. Er war mit seiner Familie gerade nach Wittenberge gezogen. Da man sich damals aber bereits in der 11. Klasse um den Studienplatz bewarb, und mein Mann sich woanders beworben hatte, haben wir zwar beide Pädagogik studiert, mein Mann für Mathe und Physik, aber an anderen Orten. Wir sind aber ein Paar geblieben und haben 1973 geheiratet.

Studienende hieß aber nicht gleichzeitig Rückkehr nach Wittenberge?
Nein, es ging nach Wittenburg. Damals wurde man zuerst dort eingesetzt, wo man als Lehrer dringend benötigt wurde. 1979 ging es für uns zurück nach Wittenberge und zwar an die POS I in der Jahnschule. 1987 bin ich dann dorthin zurückgekehrt, wo mein Schulleben – wenn man es so sagen will – begann. Die POS II benötigte einen neuen Direktor. Ich wurde gefragt und habe Ja gesagt. Ab dem 1. August 1987 war ich Direktorin an der Schule, an der ich meinen Berufswunsch fasste.

Und die Familie?
Mein Mann hat mich in dem Entschluss bestärkt. Er hat gesagt: Das packst du. Damals war ich zwar mit einem meiner Söhne im Babyjahr, das endete im Dezember 1987, bin aber trotzdem schon häufig in der Schule gewesen, habe an Beratungen teilgenommen. Alles hat sich gut gefügt.

Sie sind 30 Jahre Leiterin von Schulen gewesen, und das über die Wendezeit mit ihren teils unvorhersehbaren Umbrüchen. Bewegte Jahre?
Auf jeden Fall. In der Wende haben wir an der Schule überlegt, welche Schulform wählen wir? Wir wollten gern eine Gesamtschule von der 1. bis zur 13. Klasse aufbauen, weil wir davon überzeugt waren, das wird allen Kindern gerecht. Wir – meine Stellvertreterin war damals Renate Brandt – haben uns an anderen Gesamtschulen beispielsweise in Elmshorn und Osnabrück informiert, haben als Lehrer und mit den Eltern sowie Schülern beraten. Die Politik hat dann aber anders entschieden. Es wurden eigenständige Grundschulen gebildet. Ab 1993 war unsere Einrichtung dann Gesamtschule von der 7. bis zur 13. Klasse mit Ganztagsangebot, das übrigens als eine der ersten Schulen im Kreis.

Es war möglich, an der Gesamtschule das Abitur abzulegen?
Ja in Kooperation mit dem Oberstufenzentrum. 1996 haben die ersten Schüler bei uns ihr Abitur abgelegt. Es war aber kein Angebot auf Dauer. 2001 haben wir die letzten gemeinsamen Abiturienten von Gesamtschule und Oberstufenzentrum verabschiedet.

Bedauern Sie diese Entwicklung?
Sie war notwendig. Man muss die Entwicklung realistisch sehen. Die Schülerzahlen gaben mehrere Klassen in der Oberstufe nicht mehr her. Damit konnten wir den Unterricht für die Abiturienten nicht mehr wie gefordert anbieten.

Noch einmal zurück zur Wende. Sie waren als Schulleiterin nicht in Frage gestellt. Trotzdem haben Sie die Vertrauensfrage gestellt. Warum?
Ich wollte sicher gehen, dass die Lehrer hinter mir stehen. Alle haben mir ihr Vertrauen ausgesprochen.

42 Jahre Lehrer, 30 Jahre Schulleiterin. Wie fällt Ihr persönlicher Blick zurück aus?
Ich bin jeden Tag gern zur Schule gegangen. Und das trotz der vielen Veränderungen, mit denen wir umgehen mussten. Das hat auch viel damit zu tun, dass meine Kollegen stets hinter mir standen. Gleich nach der Wende existierte ja auch in der Jahnschule eine Gesamtschule. Als sie 1994 geschlossen wurde, wechselten die Lehrer zu uns an die Schule. Als 2005 die Realschule schloss und wir Oberschule wurden, kam der letzte Jahrgang mit den Lehrern ebenfalls an unsere Schule, um hier die 10. Klasse abzuschließen. Danach mussten die Lehrkräfte wieder wechseln, denn die Oberschule hatte wieder weniger Schüler. Aktuell lernen an der Oberschule knapp 300 junge Leute, unterrichtet von 28 Lehrern. Es hat immer wieder Veränderungen gegeben. Ich muss aber auch sagen, dass jeder, der kam und kommt, mit offenen Armen aufgenommen wird und mit jeder möglichen Unterstützung rechnen kann.

Was waren bzw. sind Ihre schönsten Momente als Pädagogin?
Zu den schönsten zählt, wenn sich ehemalige Schüler noch nach Jahren gern an die Zeit bei uns erinnern, beim Treffen bzw. beim Tag der offenen Tür kommen und sagen: „Das war eine tolle Zeit.“ Oder sich für den Unterricht bedanken, der Grundlagen für ihr späteres Leben gelegt hat.

Wie hat sich in den mehr als vier Jahrzehnten Ihres Berufsleben die Arbeit verändert?
Das gesellschaftliche Leben hat sich verändert. Ein Pädagoge muss heute mehr soziale Arbeit leisten. Die Probleme, mit denen die jungen Leute umgehen, sind sehr vielfältig geworden, das spiegelt sich in der Struktur des gesamten sozialen Verhaltens wider, das manchmal auch noch nicht richtig entwickelt ist.

Was raten Sie Ihrem Nachfolger bzw. Ihrer Nachfolgerin?
Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, immer mit allen Beteiligten zu sprechen, Ideen und Vorschläge aufzunehmen, abzuwägen, Dinge gemeinsam zu besprechen, um dann zu entscheiden. Jeder hat damit das Gefühl, in die Entscheidung eingebunden zu sein, akzeptiert sie und setzt sie mit um.

Was sollte Ihr Nachfolger anders machen?
Das muss er allein herausfinden, schließlich muss jeder seinen eignen Stil entwickeln.

Was werden Sie am meisten vermissen?
Meine Kollegen.

Was werden Sie jetzt tun?
Ich habe mehr Zeit für meine Enkel. Als leidenschaftliche Handarbeiterin kann ich mir dafür jetzt die Zeit nehmen. Auch fürs Lesen ist mehr Zeit. Wir haben Haus und Garten. Und wir werden reisen. Es gibt noch so tolle Ziele: vielleicht Australien, Neuseeland, die Toskana, Südtirol.
 

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