Prignitzer-Meldung heiß diskutiert : Je suis Wäscheleine

Meldung aus „Der Prignitzer“ Lokalausgabe vom 30. 12. 2015
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Meldung aus „Der Prignitzer“ Lokalausgabe vom 30. 12. 2015

Oder: Warum man nicht hinter jeder Nachricht eine Weltverschwörung sehen sollte

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18. Januar 2016, 21:00 Uhr

Eine Meldung sorgt gerade im Internet für Aufregung und reichlich Diskussionen: Wie konnte das nur passieren? Warum wird das erst jetzt bekannt? Und wo war die Polizei?, fragt sich die Facebook-Gemeinschaft.

Tatort Perleberg. Die kleine Stadt liegt im Herzen der Prignitz. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Man kennt sich. Man grüßt sich auf der Straße. Umso schockierender muss es für die Einwohner gewesen sein, als sie am 30. Dezember vergangenen Jahres folgende Nachricht in unserer Lokalausgabe des „Prignitzers“ lesen mussten: „Wäscheleine im Keller durchtrennt“.

Menschen verschluckten sich am Käsebrötchen. Kaffee wurde über den Frühstückstisch geprustet. Frauen ließen Obstschalen fallen. Aber im Ernst: Wir sind nicht ganz stolz auf die Meldung. Doch es kann schon mal passieren, wenn der letzte Schreiberling nachts in der Redaktion gerade das Licht ausmachen will und dann noch einmal das Telefon klingelt: „Die Tanzprobe morgen im Vereinshaus fällt aus. Bitte nicht drucken!“ – Dann werden panisch E-Mails und Amtsblätter durchforstet, Presse-Sprecher aus dem Bett geklingelt. In diesem Moment der Aussichtslosigkeit erscheint sie dann – die Polizei-Meldung. Wie der Heilige Gral, der Kaffee am Morgen, das Pausenklingeln nach der Algebra-Stunde.

Die Resonanz auf Facebook hat auch uns überrascht. Knapp 10 000 Likes bekam der Beitrag auf der Seite „Perlen des Lokaljournalismus“, über 3000-mal wurde er geteilt und fast 800-mal kommentiert. Hier ein paar Auszüge:

Kai: „Hätten wir die umfassende Vorratsdatenspeicherung, wäre das nicht passiert. Aber nein, diese ganzen Gutmenschen und Wäscheleinenbeifallklatscher schreien ja immer nach Datenschutz. Nun herrscht wieder Angst und Schrecken in den Gemeinschaftskellern, genau das wollten diese Terroristen doch erreichen! Je suis Wäscheleine!!!“

Jasko:  Die Täter sind offensichtlich geflüchtet, es handelt sich also um ein klares Flüchtlingsproblem, und wie immer tun die da oben nichts!“

Kristin: „Die Wäscheleine hatte bestimmt keine Armlänge Abstand zum Täter.“

Wolfgang:  „Bestimmt Asylanten, die die Wäsche gegessen haben.“

Timo:  „Lasst uns alle unser Profilbild in das einer Wäscheleine ändern.“

Frank: „Und die Mainstream-Presse hat es natürlich wieder vertuscht.“

Jonas: „LÜGENWÄSCHE!“

Oliver:  „Ich werde nun eine Bürgerwehrgruppe gründen, welche die Sicherheit deutscher Wäscheleinen sicherstellt!“

Die meisten Kommentare zum Beitrag spiegeln auf ironische Weise genau das wider, was seit Monaten unter fast jedem Facebook-Beitrag zu lesen ist. Ein Überfall: Das waren bestimmt die Flüchtlinge. Einbruch: Flüchtlinge. Schlägerei: Flüchtlinge. Irgendetwas, das nie statt gefunden hat: Flüchtlinge. Dabei ist es halt einfach manchmal so, dass die schlimmste Nachricht des Tages eine durchtrennte Wäscheleine ist. So wie in Perleberg. Da ist die Welt eben noch in Ordnung. Und nicht hinter jeder Nachricht verbirgt sich eine Weltverschwörung.

Die Welt wird immer schrecklicher. Nur noch Elend, Hoffnungslosigkeit, Verbrechen. - Dank an Janine Eckel.

Posted by Perlen des Lokaljournalismus on  Freitag, 15. Januar 2016
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